Die Entdeckung des Schauenden

Marica Bodrožić sieht in „Das Auge hinter dem Auge“

Von Sandy SchefflerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sandy Scheffler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bereits 1916 fragte Hermann Bahr, der „Prophet der Moderne“, nach dem „Auge des Geistes“. Er beschrieb in seinem Werk verschiedene Arten des Sehens, so auch das sogenannte „Tastsehen“, das „mit dem Auge des Geistes auf einmal sehen“ könne, was „sonst bloß nacheinander“ zu sehen sei, etwa „alle Seiten eines Würfels, eine ganze Kugel auf einen Blick“. Diesem „inneren Sehen“ misst er eine „schaffende Kraft“ zu, die eine andere Welt „nach anderen Gesetzen“ schaffen könne. Dabei, sich auf Johann Wolfgang von Goethe berufend, betont er eine ständige Zwiesprache zwischen dem „Geistesauge“ und dem „Auge des Leibes“. Denn die ständige Kooperation zwischen dem inneren und dem äußeren Auge ist für ein wahrhaftiges Sehen unerlässlich.

Wie aber kann sich in diesem Akt das Schaffende offenbaren? Der französische Schriftsteller Edmond Jabés sagte einmal: „Das Auge – und nicht das Gehör – löst die wahre Befragung aus, das Abfragen der tausend Fragestellungen, die im Schriftzeichen latent gegeben sind.“ Dies kann als ein Hinweis verstanden werden, nach dem das Fragen, als Voraussetzung eines ästhetischen Schaffens, mit einem Geschauten kooperiert. Marica Bodrožić geht nun mit ihrem neuen Buch mit dem Titel „Das Auge hinter dem Auge. Betrachtungen“ noch einen Schritt weiter, oder besser: einen Schritt dahinter. Dieses Wort deutet auf etwas Unsagbares hin, das sich jenseits des schaffenden sprachlichen Aktes oder besser: vor dem sprachlichen Akt vollzieht. Ein solches Unsagbares kann nur ein Geschautes sein. Eines, das sich ohne Worte mitteilt und der Zunge erst den Auftrag erteilt, für eine Übersetzung des innerlich Geschauten zu sorgen. Oder eines, das der Hand den Impuls liefert, zu Stift, Papier oder Laptop zu greifen.

Bodrožić erzählt davon, wie eine Brücke gebaut wird vom Geschauten zum Gesagten oder Geschriebenen, will man der geschauten Dinge habhaft werden. Der Hand kommt dabei als Übermittlerin eine wichtige Aufgabe zu. Die Dynamik, die sich an diesem Geschehen erweist, wird zugleich habituell, ohne je statisch zu sein. Bei Jabés liest man dazu: „Schreiben ist das, was uns in Worte fasst, um uns in seine Bewegung aufzunehmen.“ Und Marica Bodrožić konstatiert: „Nichts bleibt jemals stehen, alles ist Bewegung“. Man darf nicht darüber hinweglesen: es heißt „ist Bewegung“ – nicht „ist in Bewegung“. Schon der kleine Verzicht auf das Wörtchen „in“ löst die Bewegung aus der Zeit heraus. Sie ist dadurch jenseits der Uhr ausgedehnt zur kosmischen Lebendigkeit.

Und doch ist alles ein Fluss, trotz der tausend „Sprachufer“. Am Ende des schmalen und doch so reichen Betrachtungsbändchens steht in der „Selbstauskunft“ niedergeschrieben, was gleichwohl für Marica Bodrožić auch am Anfang von allem steht: die Liebe. Die Fürsprache der Liebe zu allem und in allem, was (möglich) ist, erscheint als ein breiter Fluss, der Leben und Schreiben durchströmt. Nicht nur ihr eigenes, sondern auch in anderem Leben und Schreiben findet sie „Kieselsteine“ des gleichen Flussbettes. Kein Unterschied wird gemacht in der Zuneigung zu Worten und Texten französischer, deutscher oder russischer Dichter und Denker. Kein Unterschied zwischen Texten von Schriftstellern oder Mystikern. Was Bodrožić gelingt, ist eine Zusammenschau des ewigen Lebens- und Textflusses aus derselben Quelle, die über die Vielfalt der Themen und Schauaspekte hinausgeht, sie aber trotzdem nebeneinander bestehen lässt. Alles hat Platz – seinen Platz – im endlos scheinenden, sich stetig verändernden Wortstrom.

„Du wirst aus dem, was du siehst, deine Schrift, aus dem, was dich sieht, deine Lektüre machen.“ Jabés’ Beobachtung geht im „Satzfluss“ von Bodrožić auf, welcher ihr Leben „nicht nur im Außen, sondern auch grundlegend und in der Tiefe verändert“. So wie der Fluss nicht stillstehen kann, kommt auch der Interaktionsprozess zwischen dem unsichtbaren ‚Innen‘ und dem sichtbaren ‚Außen‘ an kein Ende. Diese Selbst- und Weltbeobachtung kann ohne die Entdeckung des Schauenden, ohne „Das Auge hinter dem Auge“, nicht auskommen. „Erprobt“ wird dieser Blick von Kindesbeinen an und wächst mit der Zeit zum „großen Auge“ heran, welches „zusieht, darin handelnd ist, ein Betrachter, der hinter allem steht, innerlich unbeteiligt, alles sehend“. Kindlicher „Erfindergeist“ gibt einem die „Kieselsteine“ in die Hand, durch deren Wurf sich persönliche und kosmische Kreativität mischen. Instinktiv weiß Bodrožić, dass man sich Kindheit, Fantasiewelt und eine Zeit ohne Uhr bewahren muss, um sich selbst entdecken zu können und in diesem „zeitlosen Raum“ auch das Andere, Fremde im ‚Außen‘ zu erforschen.

In der Literatur findet sie, was es wiederzuentdecken gilt: die „Zukunft, die schon um sich wusste“. Die Sprache bringt die Autorin in Tuchfühlung mit dem noch unentdeckten Selbst. Sie ist ein Werkzeug, das den Weg vorbereitet, indem gewisse Wortklänge „Bewusstsein wecken“: „Wir erfahren nur das, was wir in uns tragen.“ Was zuvor in tiefem Schlaf ruhte, kommt durch die Sprache in Fluss. „Gedankenruhe“ und „Satzfluss“ sind dialektische Größen. Die Bewegung zwischen beiden führt erst die Lebendigkeit herbei, die Buchstaben zu Wörtern, Wörter zu Sätzen und Sätze zu Literatur formen. Das einmal gesagte, das einmal geschriebene Wort ist Sprachausdruck des Ungesagten, Inneren genug. Wiederholungen könnten den Sinn „auslöschen“. Statt dies zu riskieren, entscheidet sich Bodrožić dafür, „die inneren Funken“ zu „sammeln“ und zu „umkreisen, was der Geburt des Wortes vorausgeht“.

Sie tritt dabei selbst nicht nur als Geburtshelferin der eigenen Sprache als Abbild des eigenen Gedankens ein, sondern auch als Reflektierende und Fragenstellende, die sich der sokratischen Mäeutik verpflichtet fühlt. So hilft im Grunde jeder jedem, indem die Außenwelt die persönliche Innenwelt anstößt und wachrüttelt. Sich den Schlaf aus den Augen reibend tritt durch das mäeutische Lernen ein Erkenntniseffekt ein, der doch „nur“ das im Kern bereits Angelegte freilegt. Geschickt vermittelt die Autorin das in buchstäblichem Sinne Wunderbare der Interaktion von Innen- und Außenwelt, der im Grunde nichts fortgenommen oder hinzugefügt werden kann, weil immer schon da ist, was nur auf seine Erweckung wartet. So warten auch die Worte darauf, erweckt zu werden und durch Inhalt und Klang wieder weiterzuerwecken, denn: „Auch Worte brauchen Hebammen.“ Narration wird so zu einem fortwährenden Geburtsprozess, in welchem die Welt durch das Instrument der Sprache erkannt, verwandelt und forterzählt wird: „Die Luft der Wörter kommt langsam in den Kopf herab, spricht sich dem Körper zu, fließt in die Hand, wird, Buchstabe für Buchstabe, Welt.“ Auf eine kurze Formel gebracht: das Leben ist ein „Sprachlehrmeister“. Bodrožić‘ Meister schenkt uns fantasievolle Wortschöpfungen, wie „Schreibhand“, „Sprachboot“, „Zeitgefangenschaft“, „Scheingebet“, „Buchmütter“, „Zum-Schreiben-Gehen, „Ursprungsbassin“ und „Buchstabenreise“, an denen sich gleichwohl die „schaffende Kraft“ offenbart.

Bodrožić hat den „Raum der Betrachtung“ intensiv und mit spielerischem „Erfindergeist“ erforscht. Der Raum ohne Uhr ist ihr Archiv der gesammelten „inneren Funken“, in welchem sie das „Glück des Betrachters“ angesichts all der wunderbaren Wort-Schätze erfährt. Nicht nur der „Kieselstein“, der schon für Francis Ponge seine Bedeutung hatte, auch die „Straße“, das „Lächeln“ eines Menschen, „eine Mauer“, „ein Wald“ sind „ein Buch“. Alles und alle erzählen Geschichten, deren Botschaften wir entziffern können, weil wir geborene „Lebensleser“ sind. Die Kunst zur Dechiffrierung erschließt sich allerdings erst im Rückzug in den ganz persönlichen „inneren Raum“. So wird die „Ruhe“ zur Geburtshelferin des Gedankens und der Sprache. Um unsere Sprache zu erfahren, die sich ihren Weg von innen nach außen bahnt, nicht umgekehrt, müssen wir in die Stille gehen oder Bilder kreieren, denn beide, so Bodrožić, sind uns am Nahesten. Dort, im Innenraum, offenbart sich auch die unbestechliche Wahrheit. Jedes „Scheingebet“ lässt ehrliche „schwitzende Hände“ und „Unbehagen“ zurück.

Es ist eine Freude, Marica Bodrožić auf ihren Beobachtungsgängen durch ihre innere und äußere Welt zu folgen, Teil zu haben an ihrem lebendigen Blick, dem nichts entgeht. Das Schauende als ihr Lieblingsbegleiter ist dabei stets klug, aufrichtig und warmherzig zugleich. Es ist ein glücklicher Gewinn, dass ihre Worte dieses Naturell gespeichert haben, welches dem Leser allerorten und zwischen den Zeilen sein helles Gesicht zeigt. Als Zugabe birgt ihre „Schreibreise“, auf die sie uns mitnimmt, obendrein Überraschungen wie diese: „Wer sich verirrt, lernt zu sehen“.

Titelbild

Marica Bodrozic: Das Auge hinter dem Auge. Betrachtungen.
Otto Müller Verlag, Salzburg 2015.
89 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783701312351

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