Großmeister und Kleinmeister

In zwei Handbüchern erfahren Thomas Mann und Robert Walser eine aktuelle Würdigung

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Thomas Mann (1875–1955) und Robert Walser (1878–1956) sind nicht nur Alters- und Zeitgenossen, sondern sie haben auch viele weitere Gemeinsamkeiten: Sie starben beide in der Schweiz, wo sie ebenfalls begraben liegen. In der Schweiz widmen sich spezielle Archive ihrem Nachlass. Die Schulzeit war für sie kein Honigschlecken. Weiterhin begannen sie ihre schriftstellerische Laufbahn beide in München – und hier bei renommierten Zeitschriften, Walser bei der „Insel“ und Mann beim „Simplicissimus“. Sie wurden beide eher als Prosaisten wahrgenommen. Beide stehen im Ruf einer etwas zweifelhaften Modernität und erfahren längst, der eine mehr, der andere weniger, eine Kanonisierung. Und nun ist beiden jeweils im selben Verlag ein Handbuch gewidmet. Damit beginnen aber auch schon die Unterschiede. Für Walser ist es das erste, für Mann bereits das zweite Handbuch. Das liegt unter anderem auch daran, dass Walser als Kleinmeister der Prosa lange verkannt war und erst durch seinen Verehrer und Förderer Carl Seelig dem Vergessen entrissen werden musste, während Mann schon früh als Großmeister verhätschelt und eben auch spätestens mit dem Nobelpreis international anerkannt wurde.

Obwohl beide Handbücher als inhaltliche Orientierung im Untertitel „Leben–Werk–Wirkung“ vorgeben, sind sie unterschiedlich gestaltet. Da Helmut Koopmann in seinem (ersten) Thomas-Mann-Handbuch von 1990, das 2001 in seiner 3., aktualisierten Auflage erschien, bereits wesentliche Forschungsergebnisse zum Leben und Werk von Thomas Mann zusammengetragen hat, wobei ja gerade Mann der am besten erforschte deutsche Autor der Neuzeit sein dürfte, haben die Herausgeber des neuen Handbuches gar nicht erst den Ehrgeiz, das von Koopmann vorbildlich herausgegebene Handbuch zu ersetzen. Vielmehr wollen sie „ihm an die Seite treten. Insbesondere neuere Forschungsperspektiven der letzten 25 Jahre, ihre heterogenen und zum Teil widersprüchlichen Positionen sowie der aktuelle Stand der Thomas-Mann-Forschung spielen dabei eine besondere Rolle.“ Leben und Autorschaft werden daher auf knapp zwölf Seiten nur skizziert. Lediglich sechs Seiten widmet Hermann Kurzke der Biografie, die er allerdings höchst unterhaltsam einleitet: „Thomas Mann war Raucher, das ist bekannt. Ein Trinker war er jedoch nicht, obgleich er ein Likörchen zum Nachtisch nicht verschmähte. Er rasierte sich sorgfältig und zog sich gut an. Er liebte Hunde, Kino und Musik. Er publizierte alle seine Hauptwerke im S. Fischer Verlag, der ihm traumhafte Prozente einräumte. Er hatte immer Geld“. Wenngleich nicht alle Autoren des Handbuches den saloppen Ton bevorzugen, so setzen doch die meisten, selbst wo sie, wie von einem guten Handbuch zu erwarten, Forschungsergebnisse referieren, eigene Akzente und vertreten pointierte Meinungen, was der Begegnung mit einem Klassiker nur förderlich sein kann.

Natürlich werden zunächst die Werke vorgestellt, chronologisch und nach Gattungen geordnet. Im Anschluss an jeden Artikel folgen bibliographische Angaben, die vor allem die Literatur des 21. Jahrhunderts bis ins Jahr 2015 beinhalten. Dabei werden auch und sogar Internetmedien berücksichtigt. So wird in dem Artikel „Kälte“ auf drei entsprechende Veröffentlichungen in literaturkritik.de hingewiesen. Eine eigenständige Biographie der neuesten Forschungsliteratur fehlt jedoch, was schade, aber wohl dem begrenzten Umfang geschuldet ist. Zwar wird im Artikel „Neue Medien“ vermeldet, dass Mann 1954 im Radio sein Wunschkonzert moderiert habe, und dann auf eine entsprechenden Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ verwiesen. Wen es aber interessieren sollte, dass dieser Vortrag im Hörbuch-Verlag veröffentlicht wurde, wird nirgendwo im Handbuch, sondern lediglich im Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ fündig.

Nach den Werken widmet sich das Handbuch dem Themenkomplex „Kontexte, Bezüge und Einflüsse“, wobei nicht immer ganz deutlich wird, worin sich dieser Komplex von dem folgenden, der sich mit „Konzeptionen: Denkfiguren, Schreibweisen, Motive“ befasst, unterscheidet. Immerhin berücksichtigt letzterer überwiegend die für Mann so typischen Antinomien wie: Bürger/Künstler, Schönheit/Hässlichkeit, Apollinisch/Dionysisch et cetera. Von besonderem Interesse dürfte das Kapitel sein, das sich explizit neueren Forschungsansätzen widmet wie „Poststrukturalismus/Dekonstruktion“, „Intertextualität/Intermedialität“, „Narratologie“, „Diskursanalyse“, „Kulturwissenschaften“ oder „Gender Studies“. Diese Ansätze werden kurz und prägnant charakterisiert und auf ihre Verwendbarkeit hinsichtlich des Werks überprüft.

Allen Handbuchartikeln gemeinsam ist die deutliche Abwehr eines Biografismus und die streng philologische Orientierung am Werk. Dies geschieht bisweilen etwas formelhaft. So behandelt das Stichwort „Familie und Genealogie“ lediglich die Generationsproblematik, wie sie im Werk vorkommt. Andererseits gibt es wohl keine Familie in Deutschland, die so bekannt und populär ist wie die Familie Mann, ein stetiges Interesse, das immer neue Publikationen und Filme bis in die Gegenwart zur Folge hat, zuletzt die biographische Studie von Tilmann Lahme über die amazing family. Wegen dieser Beschränkung ist das Handbuch in erster Linie ein zuverlässiges Arbeitsinstrument für Philologen. Ob es auch die Leserschaft von Thomas Mann erreicht, wird sich zeigen.

Anders gestaltet ist das Robert-Walser-Handbuch, das gleichermaßen auf das Werk wie auf die Person des Autors eingeht, der lange Zeit eher ein poets poet war, von Walter Benjamin, Robert Musil oder Frank Kafka sehr geschätzt wurde, dann aber in Vergessenheit geriet. Schon der erste, mit „Leben“ überschriebene Komplex beinhaltet eine Auflistung von Walsers Wohnadressen, die Zeittafel darüber hinaus auch Fotos. Zum „Leben“ des Dichters gehört ebenfalls ein Überblick über die umfangreiche Familie und Hinweise, in welchen Werken die Familiemitglieder Spuren hinterlassen haben. Auch die „Kontexte“ berühren überwiegend lebensgeschichtliche Verbindungen, wie etwa die Rolle von Walsers Entdecker Josef Viktor Widmann, des Bruders Karl, des Herausgebers und Vormunds Carl Seelig oder die Lektüren Walsers.

Danach werden alle Werke beleuchtet, wie sie chronologisch und in Buchform erschienen sind. Darunter fallen dann auch die Romane beziehungsweise Romanfragmente, die erst aus den nachgelassenen mikrographischen Bleistiftentwürfen transkribiert und (natürlich) ohne Autorisierung durch den Autor veröffentlicht wurden. Die großen Romane der Vorkriegszeit wie „Geschwister Tanner“, „Der Gehülfe“ und „Jakob von Gunten“ werden ausführlich analysiert und interpretiert. Überdies erfährt die Produktion in einzelnen Lebensabschnitten, etwa Berlin, Biel, Bern, noch einmal eine zusammenfassende Würdigung, darunter auch die zahlreichen Zeitschriftenveröffentlichungen Walsers. Die Eigenheiten Walsers und seines Werkes werden allerdings und vor allem im Komplex „Themen“ deutlich. Hier geht es den Autoren darum, das Phänomen Walser zu entmystifizieren, aber auch in seinen Widersprüchen und Paradoxien kenntlich zu machen. Und derer gibt es viele. Um nur einige zu nennen, die das Handbuch aufführt und diskutiert: „Mein sehr lebhafter, inniger Wunsch […] ist: Unmodernität“, schreibt Walser an seinen Verleger. Gleichwohl meint der Walser-Forscher Moritz Baßler seinen Autor vor dessen gespielter Naivität schützen zu müssen, wenn er feststellt: „Walser ist demnach kein naiver Autor, er besetzt mit seiner vermeintlichen Unmodernität sehr bewusst eine Systemstelle innerhalb der literarischen Moderne.“

Wie seine Texte, in denen er ebenso präsent wie vollkommen verborgen bleibt, betrieb Walser zeitlebens ein autofiktionales Spiel zwischen Sich-Offenbaren und Sich-Verhüllen. Deshalb fallen auch die Äußerungen der Wissenschaft zur Produktionslogik Walsers, stellvertretend hier zu den berühmten „Bleistiftsystem“, widersprüchlich aus, zu dem etwa Bernhard Echte feststellt: „Zur Herstellung eines mikrographischen Schriftkunstwerks bedarf es einer angespannten Gelassenheit oder gelassenen Angespanntheit.“ Während die frühe Walserforschung um Jochen Greven die Mikrogramme als Ausdruck einer Krise wertete, glaubt Stephan Kammer, „dass man es bei dem überlieferten Mikrogramm-Konvolut bereits und uneingeschränkt mit dem Resultat einer erfolgreichen Krisenbewältigung zu tun hat“.

Wie dem auch sei. Den Ambiguitäten versucht das Handbuch, nach den Worten seines Herausgebers, durch „Vielstimmigkeiten und eine internationale Zusammensetzung der Autorinnen und Autoren Rechnung zu tragen“, was gelegentliche Wiederholungen nicht ausschließt. Es ist nicht der geringste Gewinn einer Handbuch-Lektüre, wenn diese am Ende nicht nur gesicherte Forschungsergebnisse, sondern auch noch offene Fragen erkennen lässt.

Titelbild

Lucas Marco Gisi (Hg.): Robert Walser – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2015.
456 Seiten, 69,95 EUR.
ISBN-13: 9783476024183

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Titelbild

Andreas Blödorn / Friedhelm Marx (Hg.): Thomas Mann – Handbuch. Leben – Werk – Wirkung.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2015.
426 Seiten, 49,95 EUR.
ISBN-13: 9783476024565

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