Prof. Meyers Museenreise

Auf literaturgeschichtlichen Spuren des modernen Japan

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Zeit ist reif für eine neue Betrachtung der japanischen Literatur. Literaturgeschichtliche Klassiker sind in die Jahre gekommen, ihre kanonisierende Funktion wäre zu überprüfen, auch würde der Zugang zu den Autoren und Texten der klassischen Moderne um 1900 (jap. kindai bungaku) heute weitere Facetten enthalten. Anstelle einer biografistisch angelegten, historisch rekonstruierenden Darstellung des „Werks“ – oft in komparatistischer Perspektive – treten aktuell Forschungskonstellationen, die mit multidisziplinären Sichtweisen eine größere Komplexität der Zusammenhänge erfassen möchten.

Die Aufgabe einer neuen Literaturgeschichtschreibung

Insofern hat Harald Meyer (Universität Bonn) mit seiner „Reise durch die japanische Moderne“ ein wichtiges Thema aufgegriffen. Wenn sogar die Gegenwartsliteratur (gendai bungaku), wie die einschlägige japanologische Forschung vermeldet, bereits in die Geschichtlichkeit eingetreten ist und von einer zeitgenössischen „Literatur der 2000er Jahre“, auch „Literatur der Heisei-Ära“ (Heisei bungaku; etwa Urata Kenji, 2015) genannt, abgelöst wurde, um wie viel mehr gilt dies für die Literatur des 19. und des 20. Jahrhunderts. Es ist eine sehr gute Idee, diese vom Vergessen bedrohten Klassiker der Moderne an ihren Erinnerungsorten aufzusuchen und einen Reisebericht vorzulegen. Dieser dokumentiert noch einmal den alten Kanon und seine Kulissen, bietet aber durch die Erkundung des Institutionalisierens von Literatur eine innovative Sichtweise, die dem Literarischen in seiner gegenwärtigen Rezeption und sozialen Realität nachgehen möchte.

Kartierung der Wegstrecke

Meyer wäre kein Philologe alter Tradition, wenn er seine Tour nicht auf das Sorgfältigste vorbereiten würde. In der umfangreichen Einführung hält der Verfasser fest, dass er sich bei seiner Unternehmung auf japanische Vorarbeiten stützen kann: Zum einen auf die Dissertation des Bibliothekswissenschaftlers Hiroyuki Okano (*1977) „Die Rolle der Literaturmuseen für die Erforschung der modernen japanischen Literatur. Unter besonderer Berücksichtigung der Publikationen der Mitgliedsinstitution des ‚Landesweiten Verbandes der Literaturmuseen‘“, zum anderen auf die „Lagebeurteilung“ durch den Autor, Übersetzer und Literaturkritiker Jun’ichirô Kida (*1935), der von 2006 bis 2012 Direktor eines großen Museums für moderne Literatur war, sowie auf die 2011 in einem Sammelband publizierten Gedanken Minoru Nakamuras (*1927; Lyriker, Literaturkritiker und Rechtsanwalt), von 1998 bis 2011 Vorstandsvorsitzender der renommierten, 1962 gegründeten Institution Nihon Kindai Bungakukan (Museum für moderne japanische Literatur).

Mit Kida weist der Bonner Forscher auf die Begriffs- und Definitionsproblematik des Terminus bungakukan hin. Dieser sei in der japanischen Gesellschaft nicht hinreichend verankert. Massenmedien und breite Öffentlichkeit spiegelten eine Lage wider, in der der Rolle der Literaturmuseen nicht genug Verständnis entgegengebracht werde. Eingangs betont Meyer, dass es nicht leicht sei, die Wendung bungakukan adäquat zu übersetzen. „Museum“ sei die beste Lösung, da „Literaturhalle“ und „Literaturhaus“ im Deutschen nicht üblich seien beziehungsweise nicht die entsprechende Konnotation besäßen. Andererseits erfüllten Häuser, die sich dem Nachlass eines Schriftstellers widmeten, so ergänzt er, nicht nur die Funktion eines Erinnerungsmuseums, sondern auch die einer Spezialbibliothek oder eines Archivs.

Zu Beginn der Betrachtung wird der Umstand kommentiert, dass man mit den Literaturmuseen einen „hybriden Gegenstand“ untersuche. Nicht nur von literaturwissenschaftlicher Warte aus böte dieser einen Zugang, sondern auch aus der Perspektive der „lokalen Verwurzelung“, sprich im Hinblick auf seine Regionalität – in neuerer Diktion. Wenn die Literaturwissenschaft nicht allein auf die Textarbeit beharre, sei sie die naheliegende Disziplin für das Thema, da es dem Sozialwissenschaftler möglicherweise zu „literarisch-weltfremd“ erscheinen könne. Dennoch wäre soziologischer und wirtschaftswissenschaftlicher Beistand – wie ihn auch Kida wünscht – nötig, gehe es doch um die Einbettung der Museen in die Gesellschaft sowie um finanzielle Belange der Einrichtungen; der oft zitierte Kida wirft ein, dass man „in einer Zeit angekommen sei, in der es weniger um die Literatur an sich denn über die Probleme praktischer Natur zu sprechen gilt“. Bezüglich der Erinnerungsfunktion sei dann zusätzlich die Kulturanthropologie mit ihrer Vertreterin Jennifer Robertson heranzuziehen. Auf den Seiten 220 bis 250 sind zahlreiche Fotos der Literaturmuseen beigefügt, die die Atmosphäre der jeweiligen Einrichtung einfangen; eine Karte mit 34 Markierungen verdeutlicht die landesweite Streuung der Häuser.

Stationen, Persönlichkeiten, Wahrnehmungen

Die Literaturmuseen bieten ihrem Erforscher also genug Boden für seine analytischen Ambitionen und hinreichend Material: Immerhin stolze 756 Institutionen kann die Webseite „literarymuseum.net“ von Hiroyuki Okano nennen. Grundlage für literarische Wanderungen bietet der „Literaturmuseumsreiseführer“ von 2013. In Kapitel 2, dem „Museumsteil“, stellt der Japanologe eine stattliche Anzahl von Häusern vor, sortiert nach fünf Regionen des Landes: Tôhoku, Kantô-Region, Zentraljapan, Kinki-Region sowie Shikoku und Kyûshû. Für Tôhoku, den Nordosten, werden unter anderem die Häuser zu Schriftstellern wie Yasushi Inoue, Takuboku Ishikawa und Takeo Arishima präsentiert.

Im Eintrag zu Arishima berichtet Meyer auf fünf knappen Seiten von der Entstehung der Gedenkstätte auf dem ehemaligen Anwesen des Grundbesitzers. Mit dem Nestor der westlichen japanbezogenen Literaturforschung Donald Keene kommentiert er kurz das Leben des Autors und einige zentrale Texte wie Aru onna (Eine gewisse Frau). Zu letzterem heißt es: „Diese junge Dame, ausgestattet mit einem starken Willen und einem offensichtlichen Hang zu sehr spontanen Entscheidungen, wird im Roman dermaßen realistisch dargestellt, dass sich der Charakter im Gedächtnis der Leser eingebrannt haben muss“. Zu Yasushi Inoue lässt er die emeritierte Japanologin Irmela Hijiya-Kirschnereit zu Wort kommen: Es beeindrucke „die Erfahrung der Eingebundenheit des individuellen Schicksals in die großen Bewegungen von Natur und Geschichte, die Anteilnahme an menschlichen Empfindungen und dem oft vergeblichen Streben nach Unsterblichkeit in Kunst, Gelehrsamkeit oder Religion, und die stille Resignation angesichts des Scheiterns und der Übermacht der Verhältnisse“.

Eine durchgehend gehobene, fast moraltheologisch anmutende Redeweise verdeutlicht die Gestimmtheit des Bandes. Meyer räumt gegen Ende seiner Darstellungen ein, sich „eine beträchtliche Portion an Emotionalität“ genehmigt zu haben, sowohl beim nostalgischen Genuss der geschützten Enklaven als auch beim Rückgriff auf die alten Meister Katô und Keene. In seinem Nachwort erzählt er ehrfürchtig vom Zusammentreffen mit den beiden Männern. Er schildert die Begegnung mit Keene, dem er mit „jugendlicher Scheu vor dem Respekt abverlangenden Grandseigneur“ gegenübertritt, so: „Donald Keene saß unscheinbar, noch von kleinerer Statur als in Wirklichkeit scheinend, im Ledersessel der Hotel-Lobby kurz vor der feierlichen Preisverleihung“. Von Katô weiß er zu berichten: „Mit Katô Shûichi war der Kontakt nicht so offiziell und damit ungezwungener, kurze Gespräche waren auf Deutsch und Japanisch möglich. Mit der Zigarette in der Hand signierte er die Ausgabe seiner Prolegomena zur japanischen Literaturgeschichte“.

Dem Japanologen kann man nicht vorwerfen, mit solchen Exkursen die Wissenschaftlichkeit vernachlässigt zu haben, bekennt er sich doch zur gewollten Subjektivität; das muss ihm zumindest handwerklich zugute geschrieben werden. Mutig zeigt er sich in seinen Aussagen zum Fehlen neuerer Gesamtsichtungen der modernen japanischen Literatur und bei der Erörterung des Theorieproblems, in dessen Rahmen einige japanologische Literaturspezialisten anderen vorwerfen, keine Theorie zur Anwendung zu bringen. Die Frage nach den theoretischen Anteilen einer literaturhistorischen Betrachtung entscheidet der Verfasser zugunsten eines „Blicks auf das Ganze“ und bedauert: „Jedenfalls stimmt jene dennoch diffus bleibende Erwartungshaltung, die gerne als Theoriebewusstsein betitelt wird, offenbar dermaßen zurückhaltend, dass in der deutschsprachigen Japanforschung der letzten Jahrzehnte keine größeren Versuche in Richtung Literaturgeschichtsschreibung mehr unternommen wurden“.

Japanologische Selbstmusealisierung

Ob Meyer seine literaturhistorische Skizze höchstpersönlich an einem Schreibtisch aus der Jahrhundertwende verfasst hat, entzieht sich der Kenntnis der Rezensentin. Jedenfalls haftet der Darstellung ein altväterlicher Duktus an, der sich zunächst in sprachlichen Formulierungen aufdrängt. Der Manierismus zeigt sich jedoch zudem in der wissenschaftlichen Position, die der Verfasser einnimmt, wenn er die Autoren der Moderne als eindrucksvolle Gestalten der japanischen Geistesgeschichte charakterisiert. Auf ein Podest gehoben werden nicht nur die Schriftsteller, sondern auch „große“ Literaturwissenschaftler wie Shûichi Katô und Donald Keene.

Am Ende des Bandes wartet auf den Leser eine Kuriosität: Hier findet sich nämlich in japanischer und deutscher Version das Nachwort von Masayuki Ueda, einem Literaturmuseumsdirektor, der seine „Erinnerungen an Herrn Meyer“ beisteuert. Der freundliche Ueda spart nicht mit Lob der Karriere des jüngeren Literaturforschers – dieser habe sich offenbar zu einem „namhaften Wissenschaftler“ entwickelt, der sich nunmehr anschicke, „einen Führer zu den Museen und Erinnerungshallen in Sachen moderner japanischer Literatur zu erstellen“. Mit einer solchen japanologischen Selbstmusealisierung stilisiert sich der wehmütige Verfasser zu einem Relikt jener Wissenschaftstradition, von der die japanischen Kommentatoren der Museenkultur treffend sagen, sie sei mit dem Aussterben der sie tragenden Generationen Vergangenheit geworden. Diese geisteswissenschaftliche Tradition besitzt – zumindest in ihrer Idealgestalt – noch Strahlkraft. Es sollte trotzdem nicht unerwähnt bleiben, dass eben jene reizvolle, letztlich philosophisch distanzierte Aura der Sprach- und Denkkunst und ihre zwangsläufige Exklusivität − in einer minder gelungenen Ausprägung − auch in die blasierte Nabelschau eines Gelehrtenbundes umschlagen konnte, die einen der wesentlichen Gründe dafür darstellt, dass sich die heutige Literaturwissenschaft mit Legitimierungsproblemen konfrontiert sieht. Junge Leser für die japanische Literatur zu gewinnen, dient diese Diktion wohl eher nicht, es sei denn, man interpretiert sie als ironische Tonlage.

Noch kurioser ist, was folgt. Die Schilderung des Ohnmachtsanfalls einer Frau während des Vortrags von Shûichi Katô: „Die seitlich Niedersinkende musste aufgefangen und in die Bewusstlosenstellung gebracht werden“, notiert Meyer. Prof. Katô, „eben noch Kulturwissenschaftler“, schlüpft schnell in die Rolle des Arztes und kann vermelden: „Puls ist normal!“ Bei diesen Ausführungen fühlt man sich stark an die Darlegungen zum Gelehrtencharisma erinnert, wie sie die Fachgeschichten der Medizin oder Psychiatrie kennen: Die Faszination des großen Mannes und seine geradezu hypnotisierende Wirkung auf die Frau − eine Szene, die freilich schon als Männerphantasie entlarvt wurde. Thema von Prof. Katôs Vortrag war, wie man erfährt, „die vergrößerte Darstellung der Geschlechtsteile“ auf japanischen shunga-Holzschnitten. Wer darf nun noch behaupten, die japanologische Literaturgeschichtsschreibung sei langweilig?

Titelbild

Harald Meyer: Literaturmuseen als Stationen der Literaturgeschichte Japans. Eine Reise durch die japanische Moderne.
ERGA. Reihe zur Geschichte Asiens. Bd. 14.
Iudicium-Verlag, München 2015.
262 Seiten, 30,90 EUR.
ISBN-13: 9783862052141

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