Was stimmt wirklich?

Marie Wolf zeigt uns in „Die Wahrheit“ eine Geschichte und zwei Realitäten

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wahrheit ist nicht nur die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit, sondern konstituiert sich vor allem über Erfahrungen, Wahrnehmungen und Überzeugungen, die irgendwann zu normativen Maßstäben werden können. Genau mit dieser Problematik setzt sich Marie Wolf, freiberufliche Illustratorin in Berlin, in ihrem kreativ gestalteten, zweiteiligen Buchblock „Die Wahrheit“ auseinander. Täglich sind wir umgeben von unzähligen Informationen und medialen Eindrücken, die durch Farbe, Blickführung und Perspektive nicht selten verfälschen und umdeuten, was eigentlich anders ist. Oder etwa doch nicht? Wolf wirft die Fragen auf, wie manipulativ ein Bild überhaupt sein kann oder wie schnell ein Rezipient zu einem passiven Konsumenten wird.

In zwei Fassungen erzählt Wolf in kurzen, scheinbar einfachen Sätzen die Geschichte des kleinen Edward, der auf eigene Faust sein Dorf verlässt und den verbotenen Wald abseits der Dorfgemeinschaft erkundet. Die zunächst recht banal erscheinende Geschichte wird beide Male auf je unterschiedliche Weise von Illustrationen begleitet – der linke, weiße Buchblock zeigt uns einen schüchternen, natürlichen Jungen mit großen blauen Augen, der an den Schlüssel des breitschultrigen Sheriffs gelangt und daraufhin einen angeketteten Wal aus dessen brutalen Klauen befreit. Auf seiner surrealistisch anmutenden Mission begegnet dem Protagonisten dabei ein löchriger, verfaulter Zahn, dessen Rätsel ihn trotz seiner Angst noch tiefer in den Wald treiben.

Die lakonischen Sätze, die diese teils morbiden Bilder begleiten, sind auch im rechten, schwarzen Buchblock dieselben; hier allerdings haben wir es mit einem jungen Rowdy zu tun, der gerne Tiere quält, dem gutmütigen Sheriff seinen Schlüssel stiehlt und damit die friedliche Dorfgemeinschaft, die sich nicht an ihrer vermeintlichen Gefangenschaft und Beengung zu stören scheint, in Aufruhr bringt. Der Zahn, der ihm nun im Wald begegnet, ist plötzlich auch kein löchriger, unheimlicher, von Würmern befallener Felsbrocken mehr, sondern ein goldenes Prachtexemplar, das Edward auf die Idee bringt, noch tiefer in den Wald einzudringen. Mit gierig, fast bösartig aufleuchtenden Augen folgt er seinem Instinkt und gelangt erneut zu dem geheimen Ort, an dem der Sheriff den Walfisch versteckt hält. Trotz der offensichtlichen Verzweiflung, die der Besitzer zum Ausdruck bringt, befreit Edward den geflügelten Wal, um den Sheriff zu ärgern. Über das Dorf fliegt das gigantische Tier, das „alle Wahrheit in sich trägt“, davon und verbreitet Angst und Schrecken. Hat Edward einen Fehler begangen? War der Wal vielleicht die einzige Nahrungsquelle, die den Bewohnern noch geblieben war? Wussten sie von dem Wal? Steht der Wal, wie zu Beginn der Geschichte angedeutet, für die Wahrheit, die die Menschen am Ende überfällt, und entfesselt der Junge diese erst, oder richtet er damit Schaden an, der bisher verhindert werden konnte? Die Reaktionen der Menschen, die Wolf in dieser Fassung der Geschichte skizziert, sind jedenfalls komplett anders. Der Leser ist nicht mehr mit einer ruhig dastehenden, aus der Vogelperspektive dargestellten Menschenmasse konfrontiert, die sich still über die Rettung oder Entdeckung des Wals zu wundern oder gar zu freuen scheint, sondern befindet sich mitten im panischen Gewimmel der aufkreischenden Dorfbewohner. Auch hinter den Bildern liegt noch manches Geheimnis, das das Buch zu einem ansprechenden Hingucker macht: Die Köpfe der Dorfbewohner hat Wolf beispielsweise aus altem Papier ihrer Großeltern und aus DDR-Büchern gefertigt und später nachkoloriert.

Trotz der interessanten Materialauswahl, dem auf ästhetische Weise zwischen Comic, Pop-Art und Skizze changierenden Zeichenstil und der Gesamtkonzeption des Buchs fehlt der kurzen Geschichte – vielleicht bewusst – die wenigstens ansatzweise ins Detail gehende Auseinandersetzung mit den Themen Wahrheit und Moral. Die gebotenen Metaphern bleiben an falscher Stelle abstrakt und bewegen sich auf einem vagen Niveau zwischen plakativer Deutlichkeit und einer gleichzeitigen Unschärfe der Allegorie, die sich im Laufe der Erzählung eigenartig auflöst. Der Dualismus von Gut und Böse wird nicht aufgehoben oder in Frage gestellt, sondern lediglich in einfacher Bildlichkeit aufgezeigt und damit aus nur zwei gegensätzlichen Perspektiven beleuchtet. So bleibt die minimalistische Abschlussarbeit der erst 23-jährigen Illustratorin ein stark vereinfachtes, fast antiquiertes Modell längst entwickelter Erkenntnisse, die in komplexer Form bereits vielfach literarisch und künstlerisch ausgearbeitet wurden. Dies muss kein Manko sein – welchen Originalitätsanspruch das Buch letztlich aber erhebt und ob es überhaupt eine über die kurz umrissene Erklärung hinausgehende Aussage der Autorin beabsichtigt, bleibt unklar.

Auch das Zusammenspiel von Text und Bild funktioniert nicht immer: Betrachtet man die Geschichte ohne den Text, so ist die Aussage der Autorin noch immer klar ersichtlich. Liest man hingegen zusätzlich die kurzen Textpassagen an den Seiten der Bilder, scheinen manche Formulierungen unglücklich gewählt. Sie sind zu eindeutig, als dass sie die beabsichtigte Ambiguität der Bildhaftigkeit zu spiegeln imstande wären. Der Text bereichert die Illustrationen damit nicht in gleichem Maße wie die Illustrationen den Text, wodurch Wolfs Geschichte möglicherweise unbeabsichtigt den Eindruck evoziert, als sei Sprache grundsätzlich transparenter und weniger variabel als visuelle Darstellungsmodi. Missverständlich kann wiederum auch die demonstrative, fast aufdringliche Eindeutigkeit der Bilder sein: Zu offensichtlich ist, wer in der jeweiligen Bildergeschichte der „Böse“ und wer der „Gute“ sein soll – was im Gesamtgeschehen leider unhinterfragt bleibt.

Dass Bilder unterschiedliche Emotionen und Eindrücke hervorrufen können, zeigt sich zwar deutlich, indem Wolf zwei verschiedene Bilderfolgen präsentiert. Diese werden dann allerdings von der jeweiligen Eindeutigkeit einzelner Bilder wieder aufgehoben. Korrelation und Interaktion von Sprache und Bild bleiben entgegen der ursprünglichen Intention, die im Buch explizit genannt wird, nebensächlich und verfehlen ihre beabsichtigte Wirkung. Die minimalistischen Zeichnungen sind als ein schüchterner und zugleich eleganter Hinweis darauf zu verstehen, dass nicht alles, was man liest und sieht, unweigerlich zur „Wahrheit“ erhoben werden darf. Sie greifen jedoch durch das Ungleichgewicht der narrativen Ausarbeitungsideen nicht über diese simple Mahnung oder Erinnerung hinaus. Graustufen fehlen. Ein Überraschungseffekt bei der Lektüre ist ebenso wenig wie ein Erkenntnisgewinn garantiert. Ob es Wolf in ihrer dennoch sehr charmant gestalteten Allegorie gelingt, durch Verwirrung normative Vorstellungen von Wahrheit zu entwirren, bleibt am Ende jedem Leser selbst überlassen.

Titelbild

Marie Wolf: Die Wahrheit.
Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2015.
56 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783864060557

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