Robespierre, Danton und ein isländischer Geist

Fred Vargas verzaubert in ihrem neuen Krimi um Kommissar Adamsberg wieder einmal die Welt

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

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Er ist ein Wolkenschaufler, dieser Kommissar Adamsberg. Mit dem Kopf in den Wolken, mit seinem Geist über den profanen Dingen schwebend, die er aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen vermag. Aus den Pyrenäen in die Schluchten von Paris geworfen, löst er seine Fälle meist in tranceartigen Zuständen, in denen er den absurdesten Assoziationen hinterherläuft.

Auch den neuesten, seinen mittlerweile achten Fall, in den ihn seine Erfinderin, die Archäologin Fred Vargas, wirft, löst er so. Mehrere Dinge verknüpfen sich da: der Aufenthalt auf einer vernebelten Insel bei Island, wo vor zehn Jahren eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe in Eiseskälte ausharren musste, bis sich der Nebel wieder lichtete. Zwei von ihnen kamen nicht wieder zurück. Der Rest der Gruppe hat seither Angst. Und dann ist da eine der wohl seltsamsten historischen Gruppen, die es geben kann: Hunderte Franzosen spielen – in Kostümen und Perücken und mit einer immensen Sachkenntnis – die wichtigsten Debatten der Französischen Revolution nach, vor allem aus den Jahren 1793/94. Sie schlüpfen in die Rollen von Robespierre, Danton, Desmoulins, Fouché, lernen ihre Reden auswendig, ereifern sich, schreien, diskutieren und verstummen vor dem Terror, den Robespierre nicht nur durch sein Tribunal verbreitet, sondern auch durch seine kalte, bösartige Präsenz. Er braucht  Zwischenrufer nur anzusehen, schon verkriechen sie sich wieder. Und dann sterben auch noch zwei der Mitglieder dieser seltsamen Gesellschaft – eine alte, kranke Lehrerin und ein Schlossherr. Neben ihnen wird ein Zeichen gefunden, das ein bisschen wie eine Guillotine aussieht.

Wie Vargas diese beiden Fälle miteinander verknüpft, kann man über 500 spannende Seiten nachverfolgen. Wie sie aber die Alltagsarbeit der Polizei mit der Geschichte der Revolution, die Surrealität des Lebens mit den Mythen Islands und Frankreichs verknüpft, das ist einzigartig, das ist purer Vargas-Sound. Immer wieder gelingt es ihr, die skurrilen Personen normal erscheinen zu lassen: Danglard mit seinem minutiösen Gedächtnis, der noch die winzigsten Details weiß, zum Beispiel dass Robespierre ein uneheliches Kind nachgesagt wurde, oder sämtliche Namen und Vornamen aller Revolutionäre. Retancourt, die ihre unendliche Energie mit einem Schlag mobilisieren kann und sie damit vor einem Geist rettet. Die Haushälterin Céleste, die von ihrem Wildschwein Marc beschützt wird. Oder der spanische Nachbar, der Adamsberg einmal sagt, als der von Unruhe geplagt wird: „Wenn es dich juckt, musst du dich kratzen“. Das bewegt Adamsberg, nach Island aufzubrechen, zum  Afturganga, dem Geist der Insel, wo er den Fall löst.

Wie Vargas uns in dieses Gedankenlabyrinth des Wolkenschauflers wirft, wie sie uns in den verwirrenden Gedankenball des Kommissars einbindet, in diese Steppenläufer genannten großen Kugeln, die durch die Gegend geweht werden, in denen Erinnerungen, Träume, Mythen und Fakten ein unauflösbares Knäuel bilden, das ist, wie in jedem Roman von Vargas, virtuoses, großes Erzähltheater.

Titelbild

Fred Vargas: Das barmherzige Fallbeil . Kriminalroman.
Übersetzt aus dem Französischen von Waltraud Schwarze.
Limes Verlag, München 2015.
512 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783809026594

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