Meister der Masken

Zum 80. Todestag von Fernando Pessoa

Von Dieter KaltwasserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Kaltwasser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der im südafrikanischen Durban aufgewachsene große Erneuerer der portugiesischen Lyrik wollte mehr sein als nur einer unter Vielen. Hatte Fernando Pessoa ein zersplittertes Ich an der Grenze von Genie und Wahnsinn? „Träumen ist besser als sein“, heißt es bei ihm, „Ich bin, wer alle sind.“

1905, als 17-jähriger, kehrte Pessoa nach Lissabon zurück und verließ seine Geburtsstadt 30 Jahre lang bis zu seinem Tod im Alter von 47 Jahren nur noch selten.Ophélia Queiroz, die einzige Liebe in seinem Leben, sagte nach dem Ende der Beziehung: „Er war immer nervös und völlig mit seinem Werk beschäftigt […]. Er lebte mit dem Lebensnotwendigen. Der ganze Rest war ihm gleichgültig. Er war weder ehrgeizig noch eitel.“Der Angestellte eines Handelshauses schrieb im Verborgenen. Das Meiste, 24.000 Fragmente, blieb in der Schublade. Zu Lebzeiten veröffentlichte Pessoa nur ein einziges Buch: „Mensagem“ („Botschaft“). Berühmt wurde Fernando Pessoa, den die Widersprüchlichkeiten und Gespaltenheiten so sehr reizten, erst postum: vor allem durch sein „Buch der Unruhe“.

Eine der mysteriösesten Figuren der Weltliteratur und zugleich der bedeutendste portugiesische Schriftsteller des letzten Jahrhunderts, neben Luís de Camões der größte Lyriker Portugals, war ein unscheinbarer Angestellter, der in seiner Freizeit Gedichte und Prosatexte verschiedenster und widersprüchlichster Art schrieb. Er erfand immer neue Heteronyme, fiktive Autoren mit eigenem Werk und versteckte sich unter ihnen, den Verkörperungen der Gegenstände seines Denkens und Dichtens: Alberto Caeiro, Ricardo Reis, Álvaro de Campos – und er schrieb eben auch als Pessoa, das im Portugiesischen so viel wie „Person“, „Maske“, „Fiktion“, „Niemand“ bedeutet. Er folgte seiner Maxime, „nicht nur ein einziger Dichter“ zu sein. Kurz vor seinem Tod, der starke Trinker starb an einer Leberzirrhose, bekannte er: „der geistige Ursprung meiner Heteronyme beruht auf meiner angeborenen, beständigen Neigung zu Entpersönlichung und Verstellung“.

Es gibt Pessoa-Enthusiasten, die behaupten, dass die vier größten portugiesischen Dichter der Moderne alle Fernando Pessoa hießen. Mit dieser multiplen und paradoxen Zuordnung sind wir inmitten der skandalösen Pessoa-Welt. Dieses singuläre Ereignis in der Weltliteratur, das ein Autor nicht nur unter Pseudonym schreibt, sondern völlig eigenständige Persönlichkeiten mit je eigenen Biographien entwickelt, die in „Familiendiskussionen“ miteinander leiden, streiten und sich gegenseitig huldigen, konnte lange Zeit nur in kleinsten Literaturkreisen gewürdigt werden. Pessoa hatte „für die Truhe“ geschrieben, sein Nachlass galt als unchiffrierbar und blieb deshalb unveröffentlicht. Der Pessoa-Spezialist und brillante englische Pessoa-Übersetzer Richard Zenith zählte insgesamt 72 Heteronyme im Werk des (ver-)wandlungsfähigen Autors.

Erst 1982, fast 50 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, wurde sein bedeutendstes Werk, das „Buch der Unruhe“, in Portugal veröffentlicht. Hier tritt der Autor in der Maske und im Halb-Heteronym Bernardo Soares, „ein buchführender Niemand“, vor seinen Leser und sagt zu ihm jenen Satz, der in direkter Nachfolge zu Sören Kierkegaard geschrieben zu sein scheint: „Wenn das Herz denken könnte, stünde es still. Was bleibt jemandem, der wie ich lebendig ist und doch kein Leben zu haben versteht – ebenso wie den wenigen Menschen meiner Art – anders übrig als der Verzicht als Lebensweise und die Kontemplation als Schicksal?“ Es gibt Momente der Lektüre, in denen Pessoa zum Dichter eines Lebens werden kann.

„Das Buch der Unruhe“, eines der Hauptwerke der europäischen Moderne, ist in der vollständigen deutschen Übersetzung im deutschen Buchhandel erstmals im Ammann Verlag veröffentlicht worden. Pessoas Werk erscheint nun seit Jahren bei S. Fischer. Dort ist Ende Oktober die Anthologie „Wenn das Herz denken könnte …“ neu aufgelegt worden. Marie-Luise Flammersfeld und Egon Ammann zeigen darin den Reichtum und die Schönheit des Werks auf.

Fernando Pessoa starb am 30. November 1935 in Lissabon. 1985, zum 50. Todestag, wurden seine sterblichen Überreste ins Jerónimos-Kloster überführt, wo auch Vasco da Gama und der portugiesische Nationaldichter Luis de Camoes ihre letzte Ruhe gefunden haben. Pessoa erhielt ein Grabmal im Kreuzgang. Auf einer einfachen Stele sind Verse von Caeiro, Reis und Campos eingefügt, keine von Pessoa. Das Zitat von Alvaro de Campos auf dem Grab lautet übersetzt:

Nein: ich will nichts.
Ich sagte bereits, dass ich nichts will.
Kommt mir nur nicht mit Schlussfolgerungen!
Die einzige Schlussfolgerung ist der Tod.

Titelbild

Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.
Aus dem Portugiesischen von Inés Koebel.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
573 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-10: 3596172187
ISBN-13: 9783596172184

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Titelbild

Fernando Pessoa: Wenn das Herz denken könnte … . Sätze aus dem Gesamtwerk.
Übersetzt aus dem Portugiesischem von Inés Koebel und Steffen.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2015.
173 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783596520916

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