Poetik geht in die Lehre ihrer Kontexte

Über Werner Michlers „Kulturen der Gattung“

Von Sebastian SchönbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sebastian Schönbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Werner Michler hat ein Buch geschrieben, in dem das alte, genuin literaturwissenschaftliche Thema der Gattungen aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive neu in den Blick genommen wird. Gleich vorweg: Es handelt sich um ein wichtiges Buch, eines, das die Kultur- und Literaturwissenschaftler angesichts der Langlebigkeit der Gattungsfrage noch lange begleiten wird. Bereits der Titel „Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext 1750-1950“ macht deutlich, dass es sich bei der Gattungsfrage gleichzeitig um eine Frage nach der Kultur handelt, das heißt um eine Frage, die sich nicht von der Kultur lösen lässt, sondern untrennbar mit ihr verbunden bleibt. Eine Konsequenz dieser Diagnose ist, die Gattungsfrage nicht von ihren kulturellen und historisch variablen Kontexten zu isolieren, sondern sie vielmehr über diese zu explizieren.

Am Anfang des Buches diagnostiziert Michler, dass die Kategorie der Gattung lange Zeit in Misskredit geraten war. Gerade die in den1960er und 70er-Jahren aufkommenden Theorieansätze der Dekonstruktion sowie der Diskursanalyse hielten dem Gattungsbegriff Konzepte wie Text oder Diskurs entgegen. Im Gegenzug blieben die Literaturwissenschaften nach ihrer kulturwissenschaftlichen Reformierung von der Gattungsfrage und den mit ihnen verbundenen Begriffen und Problemen anhaltend fasziniert und an vielen Stellen auf sie angewiesen. Gegenwärtig zeichnet sich sogar eine Art Konjunktur des Gattungsbegriffs ab. Michler ist daran maßgeblich beteiligt und schreibt sich mit seiner publizierten Habilitationsschrift in eine Entwicklung ein, die sich in den Veröffentlichungen von Sammelbänden, Monographien und in Fachtagungen zum Gattungsthema sowie zu Einzelgattungen niederschlägt.

Werner Michler, der seit März 2013 eine Professur für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Salzburg inne hat, betreibt also in und mit seinem umfangreichen und lesenswerten Buch Gattungstheorie. Er schreibt sich dabei in die Faszinationsgeschichte des Gattungsbegriffs ein, der – so der Autor – ein „aporetisches Krisenphänomen“ bezeichnet. Michlers Buch ist schillernd und façettenreich, es zeichnet sich durch einen emphatischen Stil aus, der den Leser bindet und ihn wach hält. In einem positiven Sinne ließe sich sagen, dass seine „Kulturen der Gattung“ ansteckend sind. Im ersten Teil (Zwischen Gattungspoetik und Literatur. Zur Theorie literarischer Gattungen im Ensemble der Kultur) wird die neuere Gattungstheorie zusammengefasst und dabei ein eigener theoretischer Ansatz vorgebracht, der Michler bei den folgenden Lektüren als methodische Grundlage dient. Der Autor fundiert seinen Gattungsbegriff sozialwissenschaftlich in Anlehnung an Pierre Bourdieu. Für ihn sind Gattungen als habitualisierte Klassifikationshandlungen in einer Kultur zu verstehen.

Michler erzählt seinen Lesern jedoch nicht ausschließlich die Geschichte neuerer Gattungstheorie, sondern liefert darüber hinaus die „Bausteine einer Kulturgeschichte der Gattungen“ vom 18. bis ins 20. Jahrhundert. Er tappt dabei weder in die Falle der Ordnung und Systematisierung, der Typologisierung und des Paragraphenwahns noch in die der notorischen Kritik an jeder Vorstellung von einer Ordnung, zu deren vermeintlicher Subversion die Moderne angetreten wäre. Michler fordert eine „robuste Historisierung“ und löst diese Forderung in der Folge auch ein. Einsatzpunkt der Kulturgeschichte der Gattungen und erster großer Baustein in dieser ist das Gattungsdenken um 1750. Dieser Zeitpunkt ist deshalb überraschend, da er mit den oft beschworenen Enden von Rhetorik und Poetik in eins fällt. Für Michler scheint das Ende der Poetik zugleich ein Anfang einer anderen Geschichte. Ihr vermeintlich letztes Kapitel wird in den ersten Kapiteln im Buch verhandelt, ohne dabei die Vorgeschichten neuzeitlicher Poetiken außer Acht zu lassen. Wie gezeigt wird, führt die Poetik in der Folge ein Nachleben in ihren Kontexten und Akteuren: „Poetik wäre dann nicht mehr einfach ‚vorbei‘ – etwa seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, wo die meisten Poetikgeschichten eine Zäsur setzen, wenn sie nicht ohnehin hier enden –, sondern nur viel komplizierter geworden, oder in andere Hände übergegangen, usurpiert“. Der Komplexität der Gattungsfrage nach dem Ableben der Poetik trägt der Autor auf beeindruckende Weise Rechnung.

Dieses Ende, das für die Rhetorik ebenfalls nur als Übergang in kompliziertere Zusammenhänge beschrieben wurde (etwa von Rüdiger Campe oder von Anselm Haverkamp), fällt also mit dem Beginn der Gattungstheorie zusammen, in der gerade nicht gesagt wird – so bringt es Michler auf den Punkt –, dass nicht mehr klar scheint, „wie zu dichten ist“. Stattdessen ist Poetik in der Folge über die kulturellen Instanzen mit poetologischer Relevanz und über deren Zusammenspiel mit den Einzelgattungen zu explizieren. In der Beschreibung der Übergangszeit ab 1750 greift Michler vor allem auf naturgeschichliche Kontexte zurück, um dabei die Konjunkturen von Klassifikationsmodellen in unterschiedlichen Diskursfeldern herauszuarbeiten. Er hält etwa die Naturgeschichte Carl von Linnés und Georges-Louis Leclerc de Buffons und die Poetiken von Johann Christoph Gottsched und den Schweizern Johann Jakob Bodmer und Johann Jakob Breitinger gegeneinander und bringt sie zueinander in Stellung. Damit schließt er an Fragen an, die er bereits in seinem Text „Klassifikation und Naturform“ dargelegt hat. Dieser Artikel stellt die Frage nach dem Fall des Harlekins, einer Randfigur auf dem Tableau der Poetik um die Mitte des 18. Jahrhunderts und erscheint 2007 in einem der neueren Sammelbände zur Gattungsthematik, in dem ebenfalls im Wallstein Verlag erschienenen Sammelband „Gattungs-Wissen. Wissenspoetologie und literarische Form“.

Es scheint kaum möglich, angesichts des Komplexitätsniveaus, des hohen Problembewusstseins und der theoretischen Fallstricke in den Rezeptionsgeschichten der einzelnen Autoren an dieser Stelle so etwas wie eine Zusammenfassung der einzelnen Kapitel zu leisten. Michler schreibt nicht zuletzt, gestärkt durch die auf den ersten 100 Seiten dargelegte eigene Gattungstheorie, über viel besprochene Autoren wie Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Nietzsche, Hugo von Hofmannsthal und Bertolt Brecht (um nur einige zu nennen) und bewegt sich über die Lektüren der genannten von einer Epochenschwelle (um 1800) zur nächsten (um 1900). Trotz der Komplexität bringt der Autor das Gesagte in klarer und konziser Weise auf den Punkt. Es genügt, zur Illustration dieser Qualität des Buches einen Satz daraus zu zitieren: „Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war Gattung etwas, was man tat; danach etwas, wozu man gehören – oder was man sein konnte“. Von pointierten Sätzen wie diesen wünscht sich der Leser bei der Lektüre an einigen Stellen mehr, um nicht die Orientierung zu verlieren, auch wenn sich herausstellt, dass selbst komplexeste Sätze in Pointen münden, nur eben in kompliziertere.

Gattungen sind für Michler stets „dasjenige am Text, was man nicht lesen kann“. Der Autor diagnostiziert am Gattungsbegriff prinzipiell ein „Zuviel“ und ein „Zuwenig“ von Wirklichkeit, er kapituliert jedoch nicht vor dieser Aporie des Begriffs, sondern nimmt sie zum Anlass, ihn in seiner Triftigkeit und Faszination zugänglich zu machen und ihn zugleich problematisierbar zu halten. Michler schreibt von Gattungsbiografien, von der changierenden Triangulierung von Literatur, Biologie und Gesellschaft, von kontinuierlichen und diskontinuierlichen Geschichten und ihrer Klassifikationsakteure.

Wenn Michler an dem vermeintlichen Ende der Geschichte der Poetik einsetzt und stattdessen die Gattungsfrage ,in andere Hände übergegangen‘ sieht, dann kann die von ihm gezeigte gegenwärtige Triftigkeit der Gattungsfrage in ähnlicher Weise verstanden werden. Die mit der Gattung verbundenen Fragen und Gesetzmäßigkeiten werden nicht einfach abschließend beantwortet oder mit definitorischen Geltungsansprüchen beschrieben, sondern zunächst aufgeworfen und in die akademische Diskussion als verhandelbare eingebracht. Wendet sich der Blick auf die Klassifikationshandlungen und ihre Akteure in der Gegenwart, dann wird schnell deutlich, dass weitere Untersuchungen diesen Ausmaßes wünschenswert wären.

Schon Derrida konnte in seinem 1979 in Straßburg gehaltenen Vortrag „Das Gesetz der Gattung“ zeigen, dass jede Gattungsmarkierung (und das trifft sicher auch auf Michlers Klassifikationshandlungen zu, obgleich Derrida nur am Rande angeführt wird) ein Gesetz der Reinheit hervorbringt, das zugleich von einem zweiten Gesetz der Unreinheit, der Kontamination und Korruption verunsichert und gestützt wird. Die Gattungsfrage scheint somit tagesaktuell und wiederum in andere Hände übergegangen die Frage der Zugehörigkeit und Grenze mit sich zu führen. In diesem Sinne wiederholen und verdoppeln sich gegenwärtig die Aporien des Krisenphänomens namens Gattung und zeigt sich die Brisanz und Aktualität von Gattungstheorie. Werner Michlers „Kulturen der Gattung“ sind für die zu leistende Arbeit wegweisend.

Titelbild

Werner Michler: Kulturen der Gattung. Poetik im Kontext, 1750-1950.
Wallstein Verlag, Göttingen 2015.
712 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783835316218

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