Vom Tod mit einem Lächeln ins Leben hinübertreten

Will Selfs Roman „Leberknödel“ widmet sich schweren Themen mit einer erfrischenden Leichtigkeit

Von Thorsten SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Joyce Beddoes, eine 70-jährige Dame aus Großbritannien, leidet an Leberkrebs. Von Ärzten totgesagt und von Schmerzen gepeinigt fliegt sie zusammen mit ihrer Tochter von Birmingham nach Zürich, um dort Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Im letzten Moment verweigert Joyce jedoch den Giftbecher, insbesondere, da sie ihrer „zur Fettleibigkeit“ neigenden Tochter das Erbe nicht gönnt. An dieser Stelle beginnt die eigentliche Handlung des neuen Romans „Leberknödel“ von Will Self: Joyce entzieht sich dem zuvor stoisch gewählten Tod und beginnt in der Schweiz ein neues Leben.

Schon auf dem Hinflug ahnte Joyce, „Gott würde sie im Sturz auffangen – er und der reine Klang unverdorbener Menschlichkeit.“ Damit ist das Wunder schon auf den ersten Seiten des Romans vorweggenommen. Das Wunder der Auferstehung geschieht, der Krebs zieht sich zurück. „Leberknödel“ ist bereits äußerlich mit seinem prunkvollen goldenen Einband kaum von einem kirchlichen Gesangbuch zu unterscheiden. Die in Kruzifix-Form gesetzten Kapitelüberschriften folgen der Werkgestalt der letzten Komposition Wolfgang Amadeus Mozarts, dem Requiem in d-Moll: Introitus, Kyrie, Sequentia, Offertorium, Sanctus, Benedictus, Agnus Dei, Communio. In die Kapitel sind wiederum lateinische Textauszüge des Requiems nebst Übersetzung gestreut. Im vierten Kapitel, dem „Offertorium“ heißt es: „fac eas, Domine, de morte transire ad vitam […] Lass sie, Herr, vom Tod ins Leben hinübertreten“.

Joyce glaubt aber nicht, dass Gott ihre Heilung bewirkte. Als ein päpstlicher Ehrenkaplan vor ihrer Tür steht und das Wunder im Auftrag der Kirche untersuchen soll, kann sie sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie allein treffe vielmehr die Schuld am Krebs, und sie allein trage die Kraft in sich, ihn zu überwinden. Die sie zerfressende Krankheit sei eine Folge von Einsamkeit und Trauer nach dem Tod ihres Mannes gewesen, der sie allein „in einem idealisierten Zuhause“ zurückließ, sowie eine Folge von einem monotonen, staubigen Leben ohne Ziele. Ihr Leben im britischen Vororthäuschen sei voller „unnützer, geschmackloser Kulte“ gewesen. In der Schweiz könne sie endlich aufatmen und in neuer Umgebung neu beginnen. Hinter dem Besuch des Kirchenvertreters bei ihr vermutet sie indes politische Schachzüge zur Sicherung der Macht der katholischen Mehrheit im Stadtparlament.

Will Self schreibt voller Zynik, schwarzem Humor und grotesker Überspitzungen. Der Autor setzt sich wunderbar leicht über moralische Grenzen hinweg, spielt mit Religion, Scheinmoral, Selbsterkenntnis und Lebenswillen. Seine Protagonistin musste beinahe sterben, um in den dunkelsten Stunden zu erkennen, was ihr Körper braucht. Joyce tritt immer wieder in Dialoge mit ihrem eigenen Körper: „Sie hatte ihr Leben lang Geheimgespräche mit dem eigenen Körper geführt: stille Sprechstunden über Schleimbeseitigung, Blutflecken und Darmentleerungen“. Den Leberkrebs sieht sie als Auflehnung des eigenen Körpers: „Die Leberzellen, diese unbescholtene Belegschaft, revoltierten“. Der Souverän des eigenen Bewusstseins solle gestürzt werden.

Ihr bisheriges Leben war geprägt vom Verbergen sexueller Lüste, ein unvertrauter Körper machte ihr Angst – umso mehr, wenn sie diesen entblößen sollte oder er sie einengte. Joyce hat irgendwann aufgehört, sich nach Zärtlichkeiten zu sehnen, sie wollte sich selbst nicht nackt sehen. Eine „Versteinerung des Herzens“ ist die Folge. Erst die „vollständige Vereinigung von Geistesruhe und körperlicher Entspannung“ führt gegen Ende des Romans zur Wiederentdeckung ihrer Lust. Will Self arbeitet mit der Gegenüberstellung von Gegensätzen – das Bewusstsein gegen den Körper oder auch Joyce gegen ihre neue Freundin Marianne. Marianne, die sie in der Schweiz kennenlernt und die zeitlebens ihre Arbeit über ihre Beziehung gestellt hat: „Und, also, deshalb habe ich damals nicht geheiratet. Hat mich aber nicht gestört.“ Marianne zieht ihre Kraft aus ihrem tiefen Glauben. Als diese sieht, mit welcher Lebenskraft Joyce jeden Tag mehr aufblüht, kommen ihr jedoch Zweifel an der Richtigkeit ihres Weges und sie betrachtet ihre Freundin voller Neid: „Ach, Joyce, du bist wirklich zu schön.“

Aus diesen Gegensätzen und der Vereinigung derselben im Verlauf der Handlung resultieren Ratschläge. Entstanden ist ein lebensbejahendes, zutiefst menschliches Buch, das verschiedene Wege aufzeigt und das die Schattenseiten des Lebens, Angst und Schrecken, zu mildern vermag. Auf einer Karte liest Joyce: „Hilf mir zu erkennen, oh Gott, dass die Dunkelheit in Wirklichkeit der Schatten der Hand ist, die du mir voller Liebe entgegenstreckst.“ Sie weiß, dass sie ihr Leben nicht hätte fortsetzen können, „hätte nicht diese dumme, blinde Lebenskraft ihres Körpers sie gezwungen, sich vom Küchenboden zu erheben“. Wer schon einmal mit Krebs und schweren Krankheiten konfrontiert worden ist, der weiß, dass der leichte und zynische Umgang mit dem Thema sowie ein Schmerzmittel-Dämmerzustände überwindender unbedingter Lebenswillen die Grundlage für eine Genesung sind.

Titelbild

Will Self: Leberknödel. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Gregor Hens.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015.
204 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783455404647

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch