Antonia Baum stirbt nicht

Über die Unmöglichkeit, einen Roman über jemand anderen als sich selbst zu schreiben

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Antonia Baums dritter Roman nach „vollkommen leblos, bestenfalls tot“ (2011) und „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ (2015) wurde im Literarischen Quartett im ZDF heftig diskutiert, vor allem auch der Bezug zu ihrem letzten Roman, in dem sie die die Geschichte dreier Kinder erzählt, die permanent um das Leben ihres risikobereiten Vaters fürchten – bis es tatsächlich so weit kommt, dass der Vater durch einen Autounfall schwer verunglückt. Wenige Wochen vor Erscheinen des Romans verunglückte auch Antonia Baums Vater schwer und fiel in ein Koma. Wie man mit dieser Trauer umgeht und wie man Realität und Fiktion trennen kann, verarbeitet die Autorin in „Tony Soprano stirbt nicht“. Der Verlag verheimlicht den Nexus zwischen dem Tod des Vaters der Autorin und den Ereignissen in ihrem Roman nicht. Verkaufstechnisch mag das klug sein; was das Wissen um die Realitätsnähe des Buchs allerdings mit dem Leser macht, ist eine andere Sache.

Der aus der Sicht einer Tochter geschriebene Roman handelt von drei Geschwistern, die in einer scheinbar verwahrlosten Welt ohne Mutter aufwachsen, dafür aber mit einem Vater, der zwischen kriminellen Machenschaften und schnellen Autos immer noch Gummibärchen in der Brusttasche hat, falls die Kinder auf den langen Fahrten hungrig werden. Als er eines Tages durch die Unaufmerksamkeit eines anderen Fahrers verunglückt, fragen sich die Kinder vor allem eines: War es wirklich nicht seine eigene Schuld, so schnell und unachtsam wie er sonst fährt? Und die Tochter rekonstruiert den Moment, zu dem sie ihn zum Abschied noch einmal umarmen wollte. Wenn sie es getan hätte, wäre er vielleicht zehn Sekunden später losgefahren und nicht von einem anderen Auto erfasst worden. Die Kausalkette, die zu dem Unfall geführt hat, lässt sich jedoch nicht ohne Widersprüche entwirren, denn so einfach ist das Leben nicht, schon gar nicht in Antonia Baums Romanen.

Wie bereits in den Vorgängern geht es um das ewige Weitermachen der Menschen und was mit einem passiert, wenn man nicht mitzieht, sondern mitten im tosenden Leben stehenbleibt und dem Tod ins Gesicht sieht. Manchmal mit dem Versuch, sich selbst die Schuld zu geben, um damit, so die Autorin in einem Interview mit dem Nordwest Radio, narrativ ein traumatisches Ereignis zu verarbeiten, manchmal mit dem Wunsch, einen Schock so wunderbar zu verkraften wie die Menschen in der Fernsehserie „Die Sopranos“, wenn sie Tony Soprano in angemessener Haltung im Krankenhaus besuchen. Der überlebt in der Serie. Was mit dem Vater im Roman passiert, bleibt ungewiss. Das ist im echten Leben nicht möglich. Der Abgleich der Serie mit der eigenen Erfahrung der Protagonistin sagt auch etwas Wichtiges über den Tod in unserer Gesellschaft aus: Viele  kennen den Tod aus Serien und Nachrichten und sind täglich von ihm umgeben, ohne ihn zu erfahren. Kranke werden in Krankenhäusern „repariert“. Wenn sie im Koma liegen, hören sie auch nicht, was man ihnen zu sagen hätte, also spricht man nicht mit ihnen. Tote werden aus der Gesellschaft verbannt, verbrannt oder in Särge gelegt. Auf Beerdigungen, betrifft es nicht die nächsten Angehörigen, ist der Otto Normalverbraucher selten oder nie. Wenn der Tod dann an die Tür klopft, bricht das Kartenhaus zusammen, das man sich aus Hoffnungen, Normalität und Alltagsfreuden gebaut hat, und der Mensch begreift, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht kontrollieren kann.

„Ich lebe ein geliehenes Leben“, heißt es bei Antonia Baum. Die Brutalität des Unfalls bricht in die Existenz einer Protagonistin herein, die sich auf den ersten Blick kaum von den Protagonisten in den beiden früheren Romanen unterscheidet. Eine wie üblich von Verdruss und Melancholie geplagte, dennoch naiv wirkende und fast distanziert-kühle Figur konstatiert, was im Leben geschieht, was nicht – und wie es endet. Der Unterschied liegt in der Leichtigkeit, mit der ihre Vorgänger die Welt rezipieren, an sich hat: In „Tony Soprano stirbt nicht“ ist alles leicht. Das Leid, der Tod, die Scherze darüber, die manchmal schockierenden Banalitäten des Alltags. Dazwischen der Versuch, „in dem, was uns passiert, einen Sinn zu erkennen“. War in „vollkommen leblos, bestenfalls tot“das Leben noch eine sinnbefreite Tortur, der zu entgehen als zwingend logischer Schachzug verstanden werden könnte, so begegnen wir in „Tony Soprano stirbt nicht“ einer Protagonistin, die den Tod jetzt, da er vor der Tür steht, mit anderen Augen sieht. Die von ihm überwältigt ist und dafür trotz allem die leichtesten Worte findet. Mit einer fast missverständlichen Ruhe wird der Schwebezustand des Vaters zwischen Leben und Sterben geschildert, und mehr noch der eigene Zustand, ohne sich dabei in Aggressionen zu verlieren.

Doch die Protagonistin schildert auch die Problematik des Schreibens und verweist indirekt immer wieder auf ihre eigenen Überlegungen zu erlebter Realität und der Unmöglichkeit des Erzählens, bis der Leser sich dabei ertappt, in den Worten der Protagonistin die Worte der Autorin zu vermuten. Der Roman ist nicht direkt autobiographisch und nutzt doch die Tücken einer Autobiographie, um sie zugleich geschickt zu umgehen, zumindest auf den ersten Blick. Inwieweit Antonia Baum damit der Falle entkommt, die Protagonistin zu einem Abbild ihres realen Innenlebens zu machen – das nach dem Tod des Vaters der Autorin nicht zu unterschätzen ist –, bleibt dennoch zu fragen. Naheliegend ist die therapeutische Funktion, die das Schreiben des Romans für die Autorin hatte, und ganz streitet sie das auch nicht ab. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, wo Baum auch Redakteurin ist, veröffentlichte Maxim Biller im Oktober des Jahres 2011 einen Aufsatz, in dem er von einer neuen literarischen Epoche nach der Postmoderne spricht. Das Ineinandergreifen von Leben und Werk der Autoren in dieser zeichne sich spätestens seit Rainald Goetz Roman „Irre“ ab. Die Ich-Erzähler dieser Geschichten seien nicht selten narzisstisch und durchaus öffentlichkeitsbewusst. Ob auch „Tony Soprano stirbt nicht“ noch in diese „Ichzeit“, wie Biller sie nennt, fällt, wäre zu fragen. Es ist jedenfalls schwierig, die schwach skizzierte Romanfigur als eigenständig zu begreifen – dafür ist die Rahmenhandlung zu abgedroschen und einfallslos.

Drei klar fiktionalisierte Elemente, nämlich die Binnenerzählungen, die die Geschichte gliedern, heben diese Irritationen jedoch kurzzeitig auf: „Möglichkeit 1 – Herr und Hund“, „Möglichkeit 2 – Karl“ und „Möglichkeit 3 – Der Sturz“ sind eingeschobene Geschichten, die die ohnehin getrübte Stimmung des Romans noch einmal akzentuieren. Möglichkeit 1: Ein verschreckter Hund, der am Ende einer Familiengeschichte als scheinbar einziges festes Familienmitglied im Haus übrig bleibt, wird wahnsinnig und stirbt. Möglichkeit 2: Ein Patient liegt im Koma und hört, wie die Mutter ihm den erlösenden Tod wünscht. Und zuletzt, das ist Möglichkeit 3, eine Abwandlung des „Doppelten Lottchens“. Schreckliches liest sich in diesen kurzen Erzählungen leicht und schmerzt trotzdem, doch leider wirken sie ein wenig uninspiriert. Gerade die reale Geschichte mit dem Patienten Martin Pistorius, der seine Mutter jahrelang im Koma über sich sprechen hörte, die auf seinen möglicherweise bald eintretenden, erlösenden Tod hoffte, ging noch 2015 durch die Medien. Baum hat dem literarisch nichts hinzugefügt.

Was ist also die große Kunst dieses Buchs? Der literarische Umgang mit dem Leben und dem Tod, die Liebe zu einem sterbenden Vater – ist die literarische Umsetzung dieser Themen noch ergreifend? Überraschend jedenfalls ist das Leseerlebnis nur, wenn man die Vorgängerromane der Autorin kennt. Schmerzhaft ist die Geschichte manchmal, tatsächlich berührend aber nie. Vielleicht ist das von Baum so gewollt; bemerkbar macht sich diese Intention jedenfalls nicht, was bis zuletzt die Achillesferse des Romans und seiner zweifelhaften literarischen Leistung ist. Die Frage, warum die Autorin so kurz nach dem Tod ihres Vaters schreibt, bleibt unbeantwortet. Zu schnell ist ein Roman auf dem Buchmarkt gelandet, der keine Zeit zum Nachdenken über den Tod lässt und der mit diesem umgeht wie mit einer Puppe. Das Sterben bleibt eine nichtssagende Hülle, die eine Geschichte unter dem Zeichen lakonisch formulierter Ohnmacht thematisch zusammenraffen möchte. Am Ende reicht der Horizont des Romans nicht aus, auf aufgeworfene Fragen angemessen einzugehen.

Titelbild

Antonia Baum: Tony Soprano stirbt nicht.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2016.
142 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783455405729

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