Militär und sexualisierte Gewalt

Lim Chul-Woo beschäftigt sich in „Abschiedstal“ mit koreanischer Geschichte und Gegenwart

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Leben im Südkorea der Gegenwart begünstigt keine historische Erinnerung. Die schnelle wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte lässt den Jüngeren bereits die Lebenswelt ihrer Eltern als fremd erscheinen. Eine umfassende Digitalisierung führt dazu, dass das Geschichtliche von Büchern und Texten kaum mehr wahrgenommen wird. Zudem ist die Vergangenheit durch nationale Propaganda auf wenige Klischees verkürzt und zusätzlich durch sentimentale TV-Serien verkitscht.

Zu den Schriftstellern, die sich beharrlich gegen diese Wahrnehmung wehren, gehört der 1954 geborene Lim Chul-Woo. Auf Deutsch liegen bereits zwei Bände mit Erzählungen vor, in denen Lim die Konflikte und Verluste der jüngeren koreanischen Geschichte schildert, nämlich „Das rote Zimmer“ (2003) und „Die Erde des Vaters“ (2007). Mit „Abschiedstal“, prägnant übersetzt von Jung Youngsun und Herbert Jaumann, liegt nun erstmals ein Roman von ihm vor. Auch die literarische Großform tendiert bei Lim indessen zum Episodischen.

„Abschiedstal“ ist der Name einer kleinen Bergstation, die am Ende des Buches dann auch der Modernisierung zum Opfer fällt. Wo die Bahn Geld für den KTX – die koreanische Entsprechung des ICE – braucht, da muss eben bei Nebenstrecken gespart werden. Dies mag wirtschaftlich seinen Sinn haben, gerät aber bei Lim zum Symbol für eine Gesellschaft, in der das platte Land nur die Kulisse abgibt für eilige Großstädter, die von Hauptbahnhof zu Hauptbahnhof rasen. Dagegen geht es ihm um die kleinen Geschichten, die in der Provinz zu finden sind.

Zentrale Figur ist der junge Bahnbeamte und angehende Schriftsteller Jeong Dongsu. Nachdem einmal eine Zeitung ein paar Verse von ihm gedruckt hat, wird er von kichernden Schulmädchen als „Dichter“ verehrt und übt, wie ein aus der Hauptstadt angereister Literat es ihm geraten hat, mit kleinen Notizen die Beschreibung schöner Dinge. Doch was um ihn herum geschieht, ist alles andere als schön. Eine junge Prostituierte im kleinstädtischen Teehaus versucht vergeblich, ihm nahezukommen, und nimmt sich schließlich das Leben. Aus einem Bildband lernt er, wie kurz erst die scheinbar ferne Vergangenheit zurückliegt, in der die südkoreanische Militärdiktatur Streiks brutal unterdrückte. Der alte Kollege Shin, der sein Berufsleben lang nie über die neunte, unterste Beamtenstufe hinausgekommen ist, trägt schwer an den Folgen eines kleinen Fehlers, den er zu Beginn seiner Laufbahn begangen hat. Zwar bahnt sich eine Liebesgeschichte an, zwischen Jeong und der traurigen Yang Sunji, die im Abschiedstal eine Bäckerei eröffnet, doch ist die Frau so völlig durch ihre von Militärgewalt gezeichnete Familiengeschichte geprägt, dass die Annäherung scheitert.

Diese Episoden rahmen den Hauptteil des Romans, der einer alten, regelmäßig mit ihrem Koffer rätselhaft durchs Städtchen trippelnden Frau gewidmet ist. Wie sich herausstellt, war sie im Zweiten Weltkrieg Zwangsprostituierte der japanischen Armee. Was manchmal leider immer noch euphemistisch unter dem Begriff „Trostfrauen“ bekannt ist, wird in diesem keine Drastik scheuenden Bericht als eine scheinbar endlose, viele Jahre andauernde Reihe von Vergewaltigungen beschrieben. Anfangs gibt es etwas wie Solidarität unter den Mädchen, die von koreanischen Kollaborateuren verschleppt und von japanischen Soldaten missbraucht werden. Bei allem Schrecken existiert noch eine Minimalversorgung und es tauchen, zwischen all den Vergewaltigern, noch einzelne Akteure mit einem Restbestand an Skrupeln auf. Doch in den letzten Kriegsjahren herrscht eine Brutalität, die durch kein Regelwerk mehr vermittelt ist.

Der Krieg des japanischen Imperialismus in der Mandschurei gegen chinesische Guerilla und schließlich gegen die einmarschierende Rote Armee erscheint als durch kein Kriegsrecht begrenzte Metzelei. Auch nach der japanischen Kapitulation im August 1945 geht das Morden ungehemmt weiter. Nun werden alle Japaner, die sich nicht rechtzeitig abgesetzt haben, abgeschlachtet; und die Frauen, die ihnen zu dienen hatten, dienen auch den neuen Herren als Opfer.

Dies alles, so schwer es zu lesen ist, wird von Lim Chul-Woo ungemein eindrucksvoll beschrieben. Die Fülle an naturalistischen Details vermittelt das Grauen des Geschehens. Zugleich zeigt der Autor stets die Versuche der Sexsklavinnen, sich miteinander zu verständigen. Immer wieder durchbricht er seine Schilderungen, indem er auf die Gegenwartsebene zurückgeht. Dadurch vermeidet er die Gefahr, Gewalt als Sensation zu schildern und so die Opfer voyeuristisch ein weiteres Mal auszubeuten. Ebenso vermeidet er die symbolhafte Überhöhung – und damit Verharmlosung – des Geschehens.

Hätte es Lim dabei bewenden lassen, so könnte man sein Werk als beispielhafte Gestaltung des Geschehenen lesen. Leider tut er mehr. Seine Protagonistin findet zwar noch einen löblichen Mann, doch geht der in den Wirren des Koreakriegs verloren. Sie schafft es zurück in ihr Heimatdorf, doch ist dort inzwischen ihre Familie im Zuge der südkoreanischen Klassenkämpfe nach 1945 von einer antikommunistischen Miliz ermordet worden.

Jede geschilderte Einzelheit ist geschichtlich erhellend und politisch klug eingeordnet. Doch ist in „Abschiedstal“ Leid auf Leid gehäuft. Nicht nur, dass die Leidensgeschichte der Protagonistin Stoff für drei Romane böte, der Autor lässt nun wirklich jedes politische Unglück, das ihre Lebenszeit bereithält, über sie hereinbrechen. Dabei ist problematisch, wie sehr ihre Versklavung die Gegenwartsgeschichten dominiert. Nicht nur, dass sie mehr als zwei Drittel des Buches einnimmt – auch der Gewalt, die die Beschreibung ausübt, können Anfang und Ende des Romans nichts entgegensetzen. So wirken sie, trotz aller motivischen Verknüpfung von Prostitution und militärischer Gewalt, wie Beiwerk.

Ein zweites Problem betrifft die Darstellung der Geschichte als Opfergeschichte. Dabei ist Lim Chul-Woo klüger als manche seiner Kollegen, bei denen Koreaner bloß als Opfer erscheinen und fremde Invasoren als Täter. Lim zeigt, wie manche Koreaner eigennützig den japanischen Kolonisatoren zuarbeiteten und wie sie sich nach 1945 in Konflikten untereinander ermordeten. Die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, die Kämpfe und das Leid der Vergangenheit in Beziehung zu setzen zu der Entwicklung, die es schließlich doch gab.

Der Bahnhof, der dem Roman den Titel gibt, liegt an einer Strecke, die ein zur Zeit der südkoreanischen Industrialisierung wichtiges Bergbaugebiet erschloss. Er bleibt unvermittelter Gegensatz zur modernen Hightech-Verbindung zwischen den Metropolen. Ein wenig ist das hilfloser moralischer Protest. Vielmehr hätte es Lim darum gehen müssen, Härten und Gewinn derart zu verknüpfen, dass weder die eine noch die andere Seite verabsolutiert würde, sondern beides als widersprüchliche Einheit nachvollziehbar würde.

An ein solches dialektisches Verständnis von Geschichte reicht „Abschiedstal“ nicht heran. Doch gelingt Lim im zentralen Abschnitt seines Romans eine eindrucksvolle Schilderung einer Welt, die gleichzeitig von schrankenloser Kriegsführung und sexualisierter Gewalt gezeichnet ist. Das ist – im Hinblick auf gegenwärtige Kriege wie auch auf fortbestehende japanisch-koreanische Konflikte – aktuell, vor allem aber eine literarische Leistung.

Titelbild

Chul-Woo Lim: Abschiedstal. Roman.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Youngsun Jung und Herbert Jaumann.
Iudicium-Verlag, München 2015.
240 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783862054152

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