Atomare Kinder- und Jugendliteratur in Japan und Deutschland

Ein Vergleich

Von Yôko Koyama-SiebertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Yôko Koyama-Siebert

Seit im August 1945 zwei amerikanische Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, ist die atomare Problematik ein wichtiges Thema für die japanische Gesellschaft und für ihre Literatur. Die Ereignisse von Hiroshima und Nagasaki fanden –  trotz strenger Informationskontrolle und Zensur sämtlicher Publikationen durch die amerikanische Besatzungsmacht (GHQ)[1] – bald darauf literarischen Ausdruck wie zum Beispiel in Tamiki Haras Natsu no hana („Sommerblumen“, 1947), Yôko Ôtas Shikabane no machi („Die Stadt der Leichen“, 1948). Auch Kinder als Betroffene kamen selbst zu Wort in einer Sammlung von Aufsätzen, die der Pädagoge Arata Osada in Genbaku no ko. Hiroshima no shônen shôjo no uttae („Kinder der Atombomben. Klagen der Jungen und Mädchen von Hiroshima“, 1951) zusammengestellt hatte. Kaneto Shindôs Film Genbaku no ko (deutscher Titel: Kinder von Hiroshima, 1952), der sich auf dieses Buch stützt, erregte internationales Aufsehen.[2] Das Buch selbst wurde 1966 ins Deutsche übersetzt, ebenfalls unter dem Titel Kinder von Hiroshima. Dazu schrieb Marie Luise Kaschnitz: „[…] spät genug, möchte man meinen, aber doch nicht zu spät.“[3]

Es war nicht zu spät. Auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur[4] (im Folgenden: KJL) entstand lange kein Werk, das den Atombombenabwurf als Thema aufgriff. In der japanischen KJL gab es verschiedene Gründe hierfür, aber kurz gesagt konnte sie dem schwierigen Thema damals noch nicht gerecht werden. Erstens hatte sich die japanische KJL bis dahin hauptsächlich in Form von Kurzgeschichten entwickelt, die für komplexere Themen nicht geeignet waren. Zweitens war das Bild des Kindes, das dieser KJL zugrunde lag, entweder ein romantisierendes vom Kind als reinem, unschuldigen Wesen, das als Hoffnungsträger und Zufluchtsort der idealistischen Erwachsenen diente, oder ein bürgerliches Kindesbild, bei dem Probleme nur insoweit auftraten, als sie in einer behüteten Kinderwelt gelöst werden konnten.

Die japanische KJL überwand dieses alte Muster erst mit dem Heranwachsen der neuen Autorengeneration, die die Not in den Kriegsjahren und den plötzlichen Paradigmenwechsel in der Nachkriegszeit als Kind beziehungsweise junger Mensch am eigenen Leib miterlebt hatte. Sie betrachtete Kinder als den gesellschaftlichen Umständen schonungslos ausgelieferte Wesen, ohne sie jedoch zu idealisieren. Literaturtechnisch entschieden sich die Autoren für eine realistische Erzählhaltung (auch in fantastischen Geschichten) und eine längere Romanform. So entstand in Japan erst um 1960 eine moderne KJL, in die auch mit dem Krieg zusammenhängende Themen Eingang fanden.

Was die atomare Problematik anbelangt, so ging bereits früh ein Impuls von der deutschsprachigen KJL aus, der von der japanischen aufgenommen wurde. In Österreich verfasste Karl Bruckner, angeregt durch den Bericht des Journalisten Robert Jungk,[5] das Kinderbuch Sadako will leben (1961). In den geschichtlichen Zusammenhang der Entwicklung zum Atombombenabwurf hin eingebettet wird hier, basierend auf einer wahren Geschichte, das Leben des Mädchens Sadako erzählt, das mit vier Jahren in Hiroshima verstrahlt worden war,[6] erst zehn Jahre danach an den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung erkrankte und mit 14 Jahren verstarb.[7] Bruckner stellt Sadako, die nur ein unschuldiges Opfer der Atombombe sein kann, als tapfere Kämpferin gegen ihr Schicksal dar, die bis zu ihrem Tod 1.000 Papierkraniche, das Symbol der Langlebigkeit Japans, falten will. Die Leser werden über die Sympathie zu Sadako dazu gebracht, das besonders Grausame der atomaren Waffen und das Ausgeliefertsein menschlichen Schicksals gegenüber einer willkürlichen Kriegsführung nachzuvollziehen. Bruckners Kinderbuch wurde vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs und des Aufrüstens der Großmächte mit nuklearen Waffen zum internationalen Erfolg, und Sadako zur Symbolfigur der Friedensbewegung. Das Buch wurde in 22 Sprachen übersetzt; die Übersetzung ins Japanische erfolgte 1964.

Auch für japanische Autoren, die als junge Menschen direkt oder indirekt Zeugen der verheerenden Vernichtungsgewalt der Atombomben waren, wurde es Zeit, ihre Sprachlosigkeit zu überwinden und das Erlebte in einer KJL zum Ausdruck zu bringen.[8] Einige versuchten, zwischen ihrer Betroffenheit und der Unwissenheit der nachgeborenen Kinder eine literarische Brücke zu schlagen.[9] Sukeyuki Imanishi, der als studentischer Soldat im Trümmerfeld von Hiroshima den Menschen half und später zu einem erfolgreichen Kinderbuchautor wurde, lässt in seiner Kurzgeschichte Aru hannoki no hanashi („Was die Erle erzählte“, 1966) einen Baum sprechen. Dieser hat die Atombombe gerade so überlebt und schaut heute das muntere Treiben der Kinder mit Freude an. In der Geschichte beschreibt Imanishi zum einen konkret das Schreckensbild, das sich nach der Atombombenexplosion rund um die Erle ausgebreitet hat, zum anderen führt er die Aktualität der Verstrahlungsfolgen vor Augen, die zum Beispiel für eines der Kinder, das in ihrer Nähe oft gespielt hat, den Tod bedeutet. Die Geschichte behandelt ein schwieriges Thema, der Autor versucht dabei gleichwohl nicht auszuufern und nicht aufdringlich zu werden. Inhaltlich beschränkt sich der Text auf den kleinen Erfahrungshorizont der Erle; die gewählte Erzählhaltung aus der Sicht eines Baums, eines stillen teilnehmenden Beobachters, bedingt eine ruhige Werkatmosphäre, die das Tragische zu begreifen hilft.

Im Bilderbuch Machinto („Noch ein bisschen mehr bitte!“, 1978; Text: Miyoko Matsutani, Bilder: Osamu Tsukasa) greifen die Autoren dagegen direkt das Thema der unmittelbaren Einwirkungen durch die Atombombenexplosion auf. Das Buch behandelt den Tod eines dreijährigen Mädchens in Hiroshima. Hier sprechen Farben; mehrere Seiten lang sind darin grelle Farben wie Gelb, Rot, Orange und Schwarz zu sehen, die die Strahlung und die Feuersbrunst darstellen. Durch diese sinnbildliche Darstellung versuchen die Autoren, die außerordentliche Dimension der Verheerung und die Schmerzen der Opfer unmittelbar spürbar zu machen. Natürlich endet das Buch nicht damit; sie holen die Leser und auch das verstorbene Mädchen aus dieser Hölle in die friedliche Welt von heute herüber. Dabei stützen sie sich auf eine „moderne Überlieferung“, die Matsutani nahe Hiroshima zu Ohren gekommen war, wonach sich dieses Mädchen nach ihrem Tod in einen weißen Vogel verwandelt habe und in Freiheit fliege. Gegen Ende des Buches sind die Seiten von tröstlichen Farben wie Grün und Blau dominiert, auch wenn sie etwas grau gedämpft sind. Der Band zeigt, dass gerade das Medium Bilderbuch für das Aufgreifen dieses schwierigen Themas für Kinder andere Möglichkeiten bietet.[10] Matsutani schreibt im Nachwort, dass das Buch auch von kleinen Kindern im Vorschulalter rezipiert wird.

Im Medium Manga, das als Subkultur der Jugendkulturlandschaft keine „Selbsteinschränkung“ wie bei der KJL zugunsten eines „kindgerechten“ Inhalts und eines literarischen Anspruchs kennt, wurde an das Thema der Atombombenabwürfe ganz anders herangegangen. Keiji Nakazawa, ein betroffener Mangazeichner aus Hiroshima, verarbeitete seine eigenen Erfahrungen und brachte die umfangreiche Manga-Serie Hadashi no Gen („Barfüßiger Gen“, 1973–1985) heraus.[11] Hier wird der Überlebenskampf des anfänglich siebenjährigen Jungen Gen als Atombombenopfer erzählt, der seit dem Bombenabwurf auf sich selbst gestellt ist.[12] Die Serie erschien zuerst in dem führenden Manga-Magazin für Jungen Shônen jumpu, das sich an Kinder ab circa zehn Jahren richtete. Nakazawa, der selbst mit sechs Jahren den Angriff erlebte, sieht keinen Grund, wegen des Alters auf die Leser Rücksicht zu nehmen; er zeigt hier, wie es für ihn wirklich gewesen ist. Damit konfrontiert er sehr junge Leser mit einer neuen Wirklichkeit.

Als Lesestoff für Kinder und Jugendliche war dieses Werk im japanischen Kontext bahnbrechend. Erstens bringt Nakazawa mit Hilfe des Mediums Manga das Grauenvolle detailgenau in Text und Bild zum Ausdruck, wodurch sich die Aussage intensiviert. Wenn Gen zum Beispiel in einer Szene angesichts der taumelnden Brandopfer erschrocken „Gespenster!“ schreit, sind im selben Bild Gestalten mit entstellten Gesichtern und herunterhängenden Hautfetzen zu sehen. Zweitens vermittelt Nakazawa die komplexe Realität, ohne sie zu vereinfachen. Zum Beispiel treten hier Japaner keineswegs als „arme Opfer“ auf. Vielmehr wird gezeigt, dass sie sich sofort in zwei Lager von Betroffenen und Unversehrten teilen. Die letzteren werden zu „Tätern“, weil sie die ersteren ausstoßen und diskriminieren, und diese werden zum zweiten Mal zu „Opfern“. Drittens nimmt das Werk eine politisch klare, kritische Stellung ein. Nakazawa bindet die Misere der Atombombenopfer immer wieder in den Zusammenhang mit der Schuldfrage ein. Gen verdammt die USA, aber ebenso klagt er den japanischen Kaiser an, in dessen Namen alles so weit gekommen ist. Diese Haltung, die anhand von Gens persönlicher Erfahrung nachvollziehbar gemacht ist, galt in Japan bald nach dem Krieg als Denken der Opposition.

Eine solche Radikalität vereint sich hier mit den unterhaltsamen Momenten des Mediums Manga. Gen steht ganz in der Tradition der Helden von Jungenmangas. In seinem Mut, Solidaritätssinn und Durchhaltevermögen ist er herausragend, was ihn bewundernswert macht. Gleichzeitig hat er auch Schwächen und Fehler, beispielsweise ist er leichtsinnig, was den Lesern ein Gefühl der Vertrautheit gibt. Die Stärke dieses Werks liegt darin, dass es einerseits das Grausame der Atombombe Kindern einer späteren Generation erfahrbar macht und andererseits den Lesern durch die sympathische Figur Gen Kraft und Hoffnung mitgibt. Das Werk, das in mehrere Sprachen übersetzt und mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurde, ist auf Deutsch als Barfuß durch Hiroshima (1982, Band 1) erschienen. Ab 2004 wurde es wieder aufgelegt und ist bisher bis Band 4 erschienen.

Wenden wir unseren Blick nun auf Deutschland in den 1980er-Jahren. Obwohl das Land selbst keine Atombomben erlebt hatte, war das Gefahrenbewusstsein wegen der geographischen Lage als „Front“ des westlichen Lagers zum östlichen stets vorhanden. Was die „friedliche Nutzung der Kernenergie“ angeht, wurde die Zuversicht durch den Super-GAU von Tschernobyl (1986), infolgedessen Deutschland trotz einer Entfernung von 1.400 km von radioaktiver Verseuchung betroffen wurde, stark erschüttert.[13] In diesem Zusammenhang entstanden zwei Werke, die die atomare Gefahr zum Zentralthema erhoben. Das sind die mittlerweile weltbekannten Jugendromane Die letzten Kinder von Schewenborn (1983) und Die Wolke (1987) von Gudrun Pausewang. Im ersteren geht es um einen fiktiven Atomkrieg in Europa, im letzteren um einen fiktiven Super-GAU in Deutschland.

Beide Werke beabsichtigen, wie das oben erwähnte Nakazawas, jungen Lesern das Ausmaß der radioaktiven Gefahr unverhüllt mitzuteilen. Die Autorin zeigt das anhand von Schicksalen junger Protagonisten.[14] Wie auch die Erwachsenen sind sie nichts anderes als ein Spielball der Katastrophe – sogar ein besonders zerbrechlicherer, weil sie diesen körperlich unterlegen sind. So sterben kindliche Protagonisten reihenweise in Die letzten Kinder von Schewenborn. Als zusätzliches Beiwerk der Katastrophe wird der schnelle Zerfall der Menschlichkeit thematisiert. Erwachsene, die nach kindlicher Vorstellung Kinder zu beschützen haben, entpuppen sich als rücksichtslose Egoisten. So ist Janna-Berta, die 14-jährige Protagonistin von Die Wolke, vom Tod ihres kleinen Bruders durch einen Verkehrsunfall, bei dem der Autofahrer nichts unternimmt und nur weiterrast, tief traumatisiert. In dieser „Wirklichkeit“, deren wahre Gesetze die jugendlichen Protagonisten nach und nach begreifen, zeichnet die Autorin gerade in Janna-Berta die Figur, die sich damit intensiv auseinandersetzt und sich mit Wut und Mut dagegenstellt.

Aber als Fakt steht hier, dass die jungen Protagonisten, die als Identifikationsfiguren dienen, unwiderruflich Strahlenopfer sind. Die Leser, die mit diesen Figuren mitfühlen und mitdenken, müssen akzeptieren, dass es für diese kein Happy End gibt. Für die Protagonisten ist es trostlos. Aber für die Leser gibt es den Trost, dass es sich um fiktive Zukunftsbilder handelt, die nur eventuell wahr werden könnten. Die Botschaft des Buches lautet: Ihr habt noch eine Chance, wacht auf!

Nachdem Die Wolke 1988 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und in die Schullektüre aufgenommen wurde, hat das Werk in Deutschland eine einmalige Rezeption erlebt.[15] Tilman Spreckelsen schreibt 2011 in der FAZ: „kaum ein Buch ist so tief im kollektiven Gedächtnis der heute Zwanzig- bis Fünfundvierzigjährigen verankert wie dieses.“[16] Es ist höchst bemerkenswert, dass ein Jugendbuch zu einem Teil des „kollektiven Gedächtnisses“ geworden ist und somit einen Beitrag für die politische Entscheidung Deutschlands zum Ausstieg aus der Atomenergie geschaffen haben könnte.

Doch zurück zu Japan. Vom Super-GAU von Tschernobyl, der in einer Entfernung von 8.000 km geschah, war Japan konkret kaum betroffen, aber aufgrund seiner Dimension konnte das Ereignis als Warnung begriffen werden. Auch die KJL reagierte darauf. Pausewangs Die Wolke wurde im selben Jahr ins Japanische übersetzt und hat der Übersetzerin zufolge „einen festen (ittei no) Erfolg erzielt“.[17] Japanische Autoren brachten nun Werke hervor, die die atomare Gefahr von Krenkraftwerken thematisieren. Einige Autoren stützten sich auf Berichte von stärker betroffenen Ländern wie Deutschland oder Lappland und machten daraus realitätsnahe Geschichten wie Akiko Nakazawas Ashita wa hareta sora no shita de („Morgen unter dem sonnigen Himmel“, 1988) und Michio Shimizus Harukana tonakai no kuni („Das ferne Land der Rentiere“, 1991). Andere behandelten dieses Thema ganz fiktiv im Rahmen eines Science-Fiction- oder (Psycho-)Fantasy-Jugendromans, wie Shô Tatsumiya in Yoru no shinwa („Der Mythos der Nacht“, 1993), Etsuhiro Hamano in Denshi monsutâ, arawaru! („Elektronmonster tauchen auf!“, 1994) und Katsuhiko Shibata in Kimi ni aitai („Ich möchte dich sehen“, 1995). Tomomi Sawazaki weist auf den komplexen Zugang zur Thematik in Tatsumiyas Yoru no shinwa hin (Sawazaki 2012). Hauptfigur des Romans ist der zwölfjährige Junge Masamichi, dessen Vater Ingenieur eines Atomkraftwerks ist, in dem es häufig zu Störfällen kommt. Anhand dieser Figur wird das Dilemma, dass wir von der Atomenergie abhängig sind, exemplarisch aufgegriffen. Gleichzeitig ist Masamichi als ein Medium mit einer Parallelwelt der Götter verbunden, die in Japan seit Urzeiten im Einklang mit der Natur existieren sollen. So wird die atomare Gefahr hier sowohl im realistischen Kontext als auch in der fantastischen, spielerischen Ebene thematisiert. Die Idee, die atomare Katastrophe mit naturverbundenen übermenschlichen Kräften zu überwinden, wird ebenfalls im deutschen Bilderbuch Die Kinder in der Erde. Ein Märchen (1988) von Gudrun Pausewang (Text) und Annegret Fuchshuber (Bild) aufgegriffen.

Allerdings fand in Japan die Thematik der von der Atomenergie ausgehenden Gefahr keinen dauerhaften Platz, weder in der Gesellschaft noch in der KJL. Dann ereignete sich 2011 der Super-Gau von Fukushima, ausgelöst von der Naturgewalt des Erdbebens und des Tsunami. Anders als bei den Atombombenexplosionen von 1945, bei denen nur die Überlebenden Bescheid wussten, erhält man heute weltweit und innerhalb kürzester Zeit nähere Informationen über die Geschehnisse. So erfolgten bald zahlreiche literarische Reaktionen nicht nur in Japan, sondern weltweit.[18] Im Bereich der japanischen KJL sind ebenfalls zahlreiche Titel erschienen, so dass es bereits einen Buchführer für Kinder und Jugendliche zu dieser Thematik gibt.[19] Die meisten davon sind jedoch Sachbücher und (halb-)dokumentarische Geschichten. In den wenigen fiktionalen Prosastücken und Bilderbüchern wird vor allem die Problematik der Kinder behandelt, die aufgrund der Evakuierung in fremden Orten leben müssen, wie etwa in Izumi Morishimas Panpukin rôdo („Pumpkin road“, 2013).[20] Auch die in der Sperrzone zurückgelassenen Tiere[21] werden zum Thema, beispielsweise in Taichi Katôs Akai kubiwa no Paro. Fukushima ni nokoshite („Paro mit dem roten Halsband. In Fukushima zurückgelassen“, 2014). Der mehrbändige High Fantasy-Roman von Yukimushi Sugano Tenzan no miko Sonin („Sonin, Schamanin von Tenzan“, 2006–2013) wird durch den Sonderband Kairyû no ko („Kind des Meeresdrachens“, 2013) ergänzt, in dem die radioaktive Verseuchung des Meeres symbolisch in einer fernen Fantasy-Welt dargestellt wird.

Im Bereich Manga gibt es ein für unseren Zusammenhang interessantes Beispiel: Reiko Momochis DAISY – 3.11 Joshikôkôseitachi no sentakku („Daisy – Die Entscheidungen der Oberschülerinnen“, 2013). Hier wird vom einen Monat nach der Katastrophe beginnenden letzten Schuljahr von Oberschülerinnen (17 bis 18 Jahre alt) aus der Stadt Fukushima, circa 60 km vom havarierten Kernkraftwerk Fukushima entfernt, erzählt. Hauptfiguren sind hier vier Mädchen, die völlig unterschiedliche Interessen- und Aktionsgebiete sowie familiäre Hintergründe haben. Dadurch können diverse Probleme angesprochen werden – angefangen von der grundlegenden Angst vor der unsichtbaren Radioaktivität und den daraus resultierenden Alltagsproblemen, wie zum Beispiel der Spielmöglichkeiten des kleinen Bruders, bis hin zur Sorge der Eltern, die Landwirtschaft oder ein Hotel betrieben haben und nun ihren Beruf aufgeben müssen, was zur Folge hat, dass ein Mädchen weit weg ziehen muss. Die Diskriminierung durch die Unversehrten, die Mädchen aus Fukushima im Hinblick auf ihren Wert auf dem Heiratsmarkt als „Minderware“ stigmatisieren, wird ebenfalls anhand eines Mädchens thematisiert. Es handelt sich hier zwar um ein Manga, bei dem die Aussage in der Regel von Text und Bild gleichermaßen getragen wird, aber in diesem Werk kommt dem Text eine wichtigere Rolle zu. Viele Sprechblasen sind mit Monologen der Protagonisten gefüllt, in denen ihre Gedanken und Gefühlswelt, Unsicherheit und Verzweiflung, in Worten ausgedrückt werden. Schließlich gelangt jedes dieser Mädchen im Hinblick auf die Zukunftspläne zu einem eigenen Entschluss, der sich im Vergleich zu ihren Plänen vor der Katastrophe stark geändert hat. In dem Werk werden Mädchenfiguren in einem realitätsnahen Rahmen als aktiv Handelnde gezeichnet: Sie nehmen ihr Leben in die eigene Hand, jede entwickeln sich selbständig, bleiben aber trotzdem solidarisch. Die Geschichte wirkt als Porträt der Jugendlichen authentisch, weil trotz des ernsten Themas nicht darauf verzichtet wird, das emotionale Chaos der Jugendlichen, die täglichen kleinen Aufregungen und Streitigkeiten unter den Freundinnen oder auch ihre Liebesgefühle mit einzubauen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die schnelle Reaktion des deutschen Buchmarkts. Das Werk ist bereits in Übersetzung unter dem Titel DAISY aus Fukushima (2016) erschienen. Ein weiteres Manga von Kazuto Tatsuya, Reaktor 1F (2016), das eher dokumentarisch die eigene Erfahrung als Arbeiter am havarierten Kraftwerk schildert, liegt ebenfalls in deutscher Sprache vor. In dieser Publikationslage spiegeln sich die hohe Akzeptanz und das Interesse der Leser für diese Thematik im deutschsprachigen Raum.

Insgesamt fällt auf, dass sich die dargestellten Einzelheiten der Probleme, die die Protagonisten der oben betrachteten Literatur bewältigen müssen, in gewisser Weise wiederholen. So sehen sich die Mädchen in Momochis Werk mit ähnlichen Schwierigkeiten konfrontiert – wenngleich in anderer Intensität – wie die Figur des Gen von Nakazawa oder auch Janna-Bertha von Pausewang. Man fragt sich, wie oft es noch nötig sein wird, solche Literatur zu verfassen. Auf jeden Fall – wenn das Ende noch nicht in Sicht ist wie in Japan – muss sie weitergeschrieben werden.

Anmerkungen:

[1] Tomiko Inui (Kinderbuchautorin) schreibt vom allgemeinen Informationsdefizit bei den Bürgern damals. Sie selbst sah das Licht der Explosion aus der benachbarten Präfektur, aber erst Jahre später erfuhr sie, um was für ein Licht es sich gehandelt hatte. Vgl.: Hasegawa 2012: 24–25.

[2]  Shindôs Film wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1953 gezeigt und rief große Resonanz hervor. Im Ausland wurde er mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

[3] Kaschnitz 1966.

[4] In diesem Artikel wird die „Kinder- und Jugendliteratur“ in einem weiteren Sinne, das heißt einschließlich der Bild-Text-Literatur wie Bilderbuch und Manga, betrachtet.

[5] Robert Jungk: Strahlen aus der Asche (1960). Vgl.: Friedensmuseum Hiroshima: [http://www.pcf.city.hiroshima.jp/virtual/VirtualMuseum_j/exhibit/exh0107/exh01075.html] (01.03.2016)

[6] In Wirklichkeit wurde Sadako Sasaki mit zwei Jahren verstrahlt und starb mit zwölf Jahren.

[7] Das Schicksal von Sadako Sasaki wurde gerade deshalb bekannt, weil ihre Mitschüler nach ihrem Tod eine landesweite Spendenaktion unternahmen, um ein Mahnmal im Friedenspark von Hiroshima zu errichten – eine Aktion, die 1958 ihr Ziel erreichte und der mediale Aufmerksamkeit zuteilwurde. Das Leben Sadakos wurde in verschiedenen Medien bearbeitet. Ebenfalls sehr erfolgreich war das amerikanische Kinderbuch Sadako and the Thousand Paper Cranes (1977) von Eleanor Coerr.

[8]  Ein Beispiel ist die Kurzgeschichtensammlung Tsuru no tobu hi (1963) von (Laien-)Autoren aus Hiroshima. Eine der Autorinnen, Mitsuko Ôno, schildert die Umstände der Entstehung dieses Werks (Ôno 1967).

[9] Miyoko Matsutanis Kinderroman Futari no Îda („Zwei Idas“, 1969) kann ebenfalls dazu gezählt werden.

[10] Ein anderes Beispiel: Okorijizô („Wütender Jizô-bosatsu“, 1982) von Yûko Yamaguchi (Text) und Gorô Shikoku.

[11] Sie umfasst insgesamt circa 2.500 Seiten und wurde ursprünglich in mehreren Zeitschriften in Fortsetzungen veröffentlicht. Jetzt ist sie in Buchform in zehn Bänden erschienen.

[12] Gen verliert durch die Bombe seinen Vater und zwei Geschwister. Die hochschwangere Mutter bekommt durch den Schock Wehen und gebärt ein Kind. Gen muss für sich, die Mutter und das Baby sorgen.

[13] Bis zum Unfall von Tschernobyl wurde die atomare Gefahr der Kernenergie in der KJL der beiden Länder kaum berücksichtigt. Vgl. Seitz (2011) und Sawazaki (2012). Sawazaki erwähnt zwei japanische Werke, in denen sie als Motiv auftaucht: Katsushiges Yoru no kodomotachi („Kinder der Nacht“, 1985) und Shin Shikatas Serie Ryakudatsu daisakusen („Großer Raubplan“, 3 Bände, 1985–1987).

[14] Kindheit und Jugend von Pausewang (geb. 1928) sind ebenfalls durch das Erlebnis des Kriegs und seiner Folgen bestimmt. 1945 floh sie mit ihrer Familie aus einem böhmischen Dorf zu Fuß nach Deutschland.

[15] Von Die Wolke wurden in Deutschland über 1,5 Millionen Exemplare verkauft. Das Buch erschien in 13 Ländern. Es wurde außerdem als Film (von Gregor Schnitzler, 2006) und in einen Comic (von Anike Hage 2008) adaptiert. Letzterer wird zum sogenannten „Germanga“ gezählt.

[16] Spreckelsen 15.3.2011.

[17] Takada 2012: 56.

[18] Zu den Reaktionen im deutschsprachigen Raum siehe die Liste von Gebhardt 2014.

[19] Keiko Kusatani: 3.11 o kokoro ni kizamu bukkugaido („Sich 3/11 zu Herzen nehmen: Ein Buchführer“), Tôkyô: Kodomo no miraisha 2013.

[20] Weitere Beispiele sind zum Beispiel Etsuko Isshikis Roman: Sayonara no kawari ni kimi ni kaku monogatari – Tanaka Shôzô no Yanaka-mura to Kôta no Futaba-machi („Die Geschichte für dich anstelle von Abschiedsgrüßen – Shôzô Tanakas Dorf Yanaka und Kôtas Stadt Futaba“, 2013) und Takeshi Matsumoto (Text) und Haruno Matsumoto (Bild): Fukushima kara kita ko („Das Kind aus Fukushima“, 2012).

[21] Zum selben Thema liegt von der renommierten Kinderbuchautorin Eto Mori ein Dokumentarbuch vor: Oide issho ni ikô („Komm, lasst uns zusammen gehen!“, 2012).

Primärliteratur (Die im Haupttext näher behandelten Werke):

Bruckner, Karl: Sadako will Leben. Wien: Jugend und Volk 1961. Japanische Übersetzung: Sadako wa ikiru. Aru genbakushôjo no monogatari. Tôkyô: Gakken Publishing (Gakken shinsho) 1964.

Imanishi, Sukeyuki: Aru hannoki no hanashi. Tôkyô: Jitsugyô no Nihonsha 1966.

Matsutani, Miyoko: Futari no Îda. Tôkyô: Kôdansha 1969.

Matsutani, Miyoko (Text) u. Tsukasa, Osamu: Machinto. (Die Erstausgabe: 1979). Tôkyô: Kaiseisha 1983.

Momochi, Reiko: DAISY – 3.11 Joshikôkôseitachi no sentaku. (Die Erstveröffentlichung: 12.2012-08.2013) Tôkyô: Kôdansha 2013. Deutsche Übersetzung: Daisy aus Fukushima. Köln: Egmont 2016.

Nakazawa, Keiji: Hadashi no Gen. Tôkyô: Chôbunsha 1975–1987. Die Erstveröffentlichung: 1973-1985. Deutsche Übersetzung: Barfuß durch Hiroshima (1. Band). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1982; Barfuß durch Hiroshima (1. bis 4. Band). Hamburg: Carlsen 2004–2005.

Ôno, Mitsuko u. a.: Tsuru no tobbu hi. Hiroshima no dôwa. Tôkyô: Tôto shobô 1963.

Osada, Arata (Hg.): Genbaku no ko. Hiroshima no shônen shôjo no uttae. Tôkyô: Iwanami 1951. Deutsche Übersetzung: Kinder von Hiroshima – Japanische Kinder über den 6. August 1945. Frankfurt am Main: Röderberg 1966 und Berlin: Volk und Welt 1966.

Pausewang, Gudrun: Die letzten Kinder von Schewenborn oder … sieht so unsere Zukunft aus? Taschenbuch 8007, Ravensburg 2003 (Erstausgabe 1983). Japanische Übersetzung: Saigo no kodomotachi. Tôkyô: Shôgakukan 1984.

– : Die Wolke. Ravensburg: Otto Maier 1987. Japanische Übersetzung: Mienai kumo. Tôkyô: Shôgakukan 1987.

Pausewang, Gudrun (Text) und Annegret Fuchshuber (Bild): Die Kinder in der Erde. Ein Märchen. (Erstausgabe 1988). Ravensburg: Otto Maier 1993.

Sekundärliteratur:

Gebhardt, Lisette: Nichts mehr da? Drei Jahre nach „Fukushima“. In: literaturkritik.de. 11.03.2014. [http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=19013] (01.03.2016)

Hasegawa, Ushio: „Shinrai“ no yukue. ,Genshiryokuʻ to kodomo no hon. In: Nihon jidôbungaku. Nr. 9-10. 2012. S. 24–30.

Kaschnitz, Marie Luise: Über „Kinder von Hiroshima“. Berichte vom Pikadon. In: Der Spiegel 26, 1966. S. 80.

Kawasaki, Yôko: Subete no dokusha ni shinken ni uketomete hoshii – Genpatsujiko-shôsetsu (doitsu jidôbungaku-shô jushô) no chosha Gudrun Pausewang shi Intabyû. Asahi shinbun, Webronza, 08.07.2011. [http://webronza.asahi.com/global/articles/2911070800001.html] (01.03.2016)

Nishiyama, Rika: Shitsubô o dakishimete. In: Nihon jidôbungaku, 5/6. 2014. S. 36-41.

Ôno, Mitsuko: Dôwa “Tsuru no tobi hi” kô. Sakusha no tachiba kara. In: Kokugo kyôiku kenkyû. Universität Hiroshima. Nr. 13. 1967. S. 82–90.

Proske, Ria: Sadako will leben. Rezension des Instituts für Friedenspädagogik, Berghof Foundation Tübingen. [http://www.friedenspaedagogik.de/datenbank/kjkf/detail.php?id=27157] (01.03.2016)

Sawazaki, Tomomi: Genpatsu mondai ni idomu jidôbugaku kara „monogatari no chikara“ o saguru. Tatsumiya Shô „Yoru no shinwa“ o chûshin ni. In: Jidôbungaku kenkyû. Bd. 45, 17–32, 2012.

Seitz, Mirijam: Fukushima oder die Angst vor der Wolke. Kindermedien zum Thema Atomkraft. Pädagogische Hochschule Weingarten. 2011. [http://www.ph-weingarten.de/bilderbuchsammlung/Kindermedien_zum_Thema_Atomkraft.pdf ] (01.03.2016)

Spreckelsen, Tilman: Das Angstmacherbuch unserer Schulzeit. „Die Wolke“ wird wahr.  15.03.2011, FAZ. [http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/2.1719/die-wolke-wird-wahr-das-angstmacherbuch-unserer-schulzeit-1608053.html] (01.03.2016)

Takada, Yumiko: „Mienai kumo“ yakusha to shite. In: Nihon jidôbungaku. Nr. 9–10. 2012. S. 56f.