Abgründe der Natur, der Globalisierung und der conditio humana

Über einen von Almut Hille, Sabine Jambon und Marita Meyer herausgegebenen Sammelband

Von Gabriele DürbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gabriele Dürbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auch wenn nukleare Narrationen im Sammelband „Globalisierung – Natur – Zukunft erzählen“, herausgegeben von Almut Hille, Sabine Jambon und Marita Meyer, nicht im Mittelpunkt stehen, so geht es doch um Technik-, Finanz- und Klimakrisen sowie ihre Bewältigung. Der Band, so das kurze Vorwort, will zu einem Verständnis der „kulturellen Parameter“ beitragen, warum die „Änderungen menschlichen Verhaltens“ als Antwort auf die problematischen Auswirkungen der gegenwärtigen „Turbo-Zirkulationen“ von „Waren-, Geld- und Kommunikationsströme[n] sowie toxischen und kontaminierten[n] Substanzen um den Erdball“ eher „zögerlich und punktuell erfolgen“. Dies soll zum einen durch eine Analyse der Gegenwartsliteratur erreicht werden mit der Frage, inwiefern literarische Texte jenseits von konkreten Handlungsanleitungen „Denkanstöße und emotionale Berührungen, Perspektivenwechsel und experimentelle Formen der Darstellung“ hinsichtlich der Themenfelder Globalisierung und Ökologie liefern. Zum anderen will der Band „anhand praktischer Arbeitsanregungen“ Lektüreempfehlungen von globalisierungskritischer und umweltbezogener Literatur für den Einsatz in Studiengängen der Internationalen Germanistik oder in Deutsch als Fremdsprache geben. Der ebenfalls titelgebende Begriff des Erzählens bezieht sich auf ein breites Spektrum meist aktueller literarischer Texte (Romane, Erzählungen, Reiseliteratur, Kinder- und Jugendliteratur, Essays, Wissenschaftscomic, Poetikvorlesung und Dokumentarfilm, aber auch (Öko-)Lyrik, Popmusik und Postdramatik). In diesem Spannungsfeld bewegt sich die vorliegende facettenreiche Zusammenstellung von 18 Beiträgen, die viele Perlen enthält. Freilich wäre es für den Band fruchtbar gewesen, wenn eine eigene Einleitung die unterschiedlichen Aspekte der Aufsätze auf übergreifende Themen bezogen, ihre bestehenden Verbindungen systematisiert sowie ihre je spezifische Reflexion der Globalisierungsdebatte, ihre ökologische Brisanz und ihren Gegenwarts- respektive Zukunftsbezug weiter ausgelotet hätte.

Um Zusammenhänge zu verdeutlichen, teilt diese Besprechung die einzelnen Beiträge in drei thematische Sektionen ein: Die größte Gruppe widmet sich der ästhetischen Repräsentation von Naturwahrnehmungen und ökologischen Krisen, wenn meist auch ohne näheren Bezug zur Globalisierungsthematik; eine zweite Gruppe verbindet Globalisierung, Ökologie und Literarizität; eine dritte Gruppe befasst sich mit Globalisierungskritik in der Literatur, jedoch ohne expliziten Bezug zu Fragen von Natur und Ökologie. Die meisten Aufsätze beziehen auch Fremdsprachendidaktik und Internationalen Germanistik ein.

Repräsentation von Naturwahrnehmung und ökologischen Krisen

Acht Beiträge nehmen die ästhetische und ethische Darstellung von Mensch-Natur-Verhältnissen und ökologischen Krisen in den Blick, indem sie sich nicht allein auf aktuelle deutschsprachige Literatur beschränken, sondern diese in die literarische Tradition einbetten oder bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Stephan Mührs überzeugende Analyse von Alexander von Humboldts Ansichten der Natur (1808) zeigt an diesem auf sinnliche Erfahrung und wissenschaftliche Erkenntnisse angelegten Erfolgsbuch die „‚rhizomatische‘ Narrativik“ auf und macht an ausgewählten Textbeispielen die rhetorischen, auf Kontrasteffekte angelegten Strategien des Reisetextes zwischen ‚planetarischem Bewusstsein‘ (Marie-Louise Pratt) und konkret geographischer Schilderung, zwischen Erhabenheitsästhetik und Irritation, zwischen ‚wuchernder‘ „Üppigkeit und parataktischer Leere“ deutlich. Für die didaktische Arbeit wird mit Petrarcas Brief über die Besteigung des Mont Ventoux, Sebastian Brants Narrenschiff, Werner Herzogs Film Fitzcarraldo, Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt oder auch Lukas Bärfussʼ in Ruanda spielendem Roman Hundert Tage eine recht heterogene Reihe von Vergleichsbeispielen für den Humboldt-Text aufgerufen, bei der es interessant wäre, die Bezüge im Einzelnen auszuführen.

Mit Bezug zur angelsächsischen Tradition des Nature Writing des 18. und 19. Jahrhunderts (Gilbert Whites Natural History of Selborne; Henry Thoreaus Walden) liefert der Beitrag von Susanne Scharnowski eine interkulturell vergleichende Lektüre des Essays Bullau. Versuch über die Natur (2006) von Andreas Maier und Christine Büchner. Obgleich die Form des Essays gewählt ist, der sich in besonderem Maße zur Überbrückung der zwei Kulturen (Snow) und zur Re-Integration von Spezialdiskursen (Zapf) eigne, wird Bullau demgegenüber zu Recht der idealistisch geprägten deutschen Tradition der Naturästhetik zugeordnet, wobei allerdings eine „tiefe Melancholie“ angesichts der zerstörten Natur zum Ausdruck komme.

Nicht mit erzählenden, sondern lyrischen Texten befasst sich Dorothee Rabe in ihrem Beitrag mit der in Deutschland viel geschmähten Ökolyrik. An exemplarischen Gedichten von Hans Kaspar und Jürgen Becker kann sie belegen, dass es bereits seit den späten 1950er-Jahren eine Linie in der politisch ausgerichteten Naturlyrik gibt, in der nicht nur die Naturzerstörung, sondern zugleich deren Verdrängung thematisiert wird, so etwa in Kaspars Gedicht „FRANKFURT“ (1957), das nicht nur das massenhafte Fischsterben im „öligen Main“, sondern auch die Sprache der Beschwichtigung brandmarke. Der zeitliche Sprung zu Hendrik Rosts endzeitlichem Gedicht Notiz an das Neugeborene (2013), das sich in Abgrenzung von Bertolt Brechts berühmten Zeilen An die Nachgeborenen (1939) einer deutlichen moralischen Botschaft enthält, soll anschließend zeigen, dass in einer Mediengesellschaft weniger die Verdrängung als die Überflutung mit Informationen zum Problem wird, die eine „Haltung der Gleichgültigkeit“ fördere.

Der an aussagekräftigen Beispielen reiche Beitrag von Marc Esser geht ökologischen Themen in der Popmusik seit den 1960/70er-Jahren nach. Während er für die in dieser Zeit stark inhaltlich-sprachlich ausgerichteten, auf politische Veränderung drängenden Texte mit Peter Wicke (2004) von „Diskursen des Visionären“ spricht, sieht er in Punk und New Wave seit den späten 1970er- und 80er-Jahren eine sich oft emotionslos und kühl-distanziert gebende Gegen-Gegenkultur. Davon hebt er die „Diskurse des Virtuellen“ seit den 1990er-Jahren mit ihren textlosen Technotracks oder sinnstreuenden und reflexiven Lyrics ab. Anregend ist die in kulturökologischer Hinsicht formulierte These, dass sich aktuelle Musiktexte, auch wenn sie sich nicht explizit mit ökologischen Themen unserer Zeit befassen, trotzdem auf einer abstrakten Ebene mit ihnen auseinandersetzen, indem sie diese als „strukturelles Problem des binären ‚westlichen‘ Denkens seit der Moderne begreifen“ und dieses Denken und dessen Machteffekte durch ihre Ambivalenz und Fragmentarität unterlaufen.

Hans Brittnachers erfrischend geschriebener Beitrag zu Karen Duves Regenroman (1999) und Moritz Rinkes Roman Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel (2010) bettet diese Gegenwartstexte in eine jahrhundertlange Tradition der „Perhorreszierung von Sumpf, Morast und Moor“ ein. Die vielen Handlungselemente des Wässrigen, Schleimigen und Morastigen im Regenroman werden zu Recht als ein Sich-Verlieren und ein Eindringen in eine „ozeanische prima materia“ verdeutlicht, wofür sich auch Ökofeminismus und Material Ecocritisicm interessieren. Doch wird der Roman keineswegs positiv, sondern vielmehr als ein „feixendes Psychogramm“ einer Generation verstanden, die sich in „antiautoritären Revolten und Kämpfen für die Entwicklung eines ökologischen Bewusstseins verausgabt“ habe. Ein ebenfalls recht grotesker Zusammenhang besteht in Rinkes Roman, in dem der Protagonist, mit seiner alten Familiengeschichte konfrontiert, in dem untergehenden familiären Anwesen im Teufelsmoor bei Worpswede nicht nur das Moor als Grab für die Entsorgung von Feinden und Außenseitern und die Vertuschung von Verbrechen entdeckt, sondern auch als Ort für die Aufbewahrung von Nazigrößen, als „braune[n] Sumpf“, wovon er aber nichts wissen will und insofern letztlich an seiner Vergangenheit scheitert.

Simone Schiedermairs Beitrag zu Judith Schalanskys vielgepriesenem, ironischem (Anti-)Bildungsroman Der Hals der Giraffe (2011) rekonstruiert nicht nur die Bezugnahmen auf den Bildungsbegriff Johann Wolfgang von Goethes, die Entwicklungstheorien Jean-Baptiste de Lamarcks und Charles Darwins sowie Ernst Haeckels erste Definition von Ökologie, sondern zeigt auch, wie diese Wissensdiskurse performativ im Text visualisiert werden: im grauen Leineneinband, der auf alte Schulbücher rekurriert, in den Kopfzeilen im Stile der naturwissenschaftlichen Schriften Darwins oder in den filigranen Schwarz-Weiß-Graphiken, etwa von Haeckels Medusen oder der Stellerschen Seekuh.

Zwei weitere Beiträge thematisieren den ökologischen Diskurs in der DDR- und Nachwende-Zeit, berühren den Globalisierungsdiskurs jedoch nur bedingt. Georg Jansen liest Christa Wolfs Erzählung Störfall als Novelle, die eine „unerhörte Verstörung“ durch „das Singuläre und Präzedenzlose“ des Atomunfalls von Tschernobyl darstelle. Herausgehoben wird, dass durch den minutiös geschilderten doppelten Störfall auch auf einen „Störfall der Sprache“ als „permanenter Ausnahmezustand“ verwiesen wird, was den Text auch nach Fukushima bedeutsam mache. Am Ende wird die Erzählung abrissartig in den Kontext des Ecocriticism gemäß Catrin Gersdorf (nicht Gernsdorf!) und Sylvia Mayer (2005) gestellt.

Am Beispiel von Bitterfeld untersucht Michael Haase die Wechselwirkungen zwischen natürlichem und gesellschaftlichem Klimawandel in verschiedenen Nachwenderomanen Monika Marons. Bitterfeld steht für ein zentrales Kapitel ostdeutscher Industrie- und Zeitgeschichte und gilt als Exempel für „das Scheitern der sozialistischen Utopie“. Für Marons Bericht Bitterfelder Bogen (2009) wird gezeigt, dass die titelgebende Metapher als Denkmal für die industrielle Vergangenheit mit einem deutlichen Ost-West-Gefälle sowie heute als Zeichen für die erreichte Rekultivierung einer zerstörten Landschaft steht. Flugasche (1998) sei kritischer gegenüber den „Deformationen“ im geistigen Überbau der DDR und der Ausbeutung der Arbeiter in Bitterfeld. In Zwischenspiel (2013) schließlich werde die kapitalistische Zukunft als düstere, „menschenfeindliche Ideologie“ diagnostiziert, was hier auch als Globalisierungskritik verstanden wird.

Globalisierung und Ökologie und Litarizität

Sabine Jambon liefert eine aufschlussreiche Analyse des Wissenschaftscomics Die Große Transformation, in dem ein Beratungsgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) zur „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation“ (2011) durch neun Porträts von prominenten Wissenschaftlerfiguren in Text und Bild umgesetzt ist. Sie betrachtet den Comic als „Hybridform“ und ordnet ihn in Abgrenzung von der Graphic Novel und dem Comicroman den wissensvermittelnden Educational Comics zu, die auf Verhaltensänderung beim Publikum angelegt sind. Auf Basis der Analyse der verwendeten Leitmotive und Metaphern wie Kurve, Fieber, Gaia beziehungsweise die Welt als Organismus bewertet sie den Comic als „engagiertes Experiment“, nicht ohne auf naturalisierende Fallstricke hinzuweisen (zum Beispiel ein Gesteinsschichtenmodell zur Veranschaulichung des Wiederaufstiegs der Schwellenländer). Didaktisch sei der Comic, der aktive und verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger als „Superhelden“ ins Bild setze, sowohl zur Einführung als auch zur Vertiefung in Themen des „Klimawandels, der Partizipation und der Zukunftsfähigkeit“ sehr geeignet.

Elisabeth Hollerwegers engagierter Beitrag analysiert drei aussagekräftige Beispiele von „Future Fictions“ der Kinder- und Jugendliteratur, indem sie ausgehend von Hubert Zapfs triadischem Funktionsmodell der Kulturökologie (2008) jeweils den ‚kulturkritischen Metadiskurs‘, den ‚imaginativen Gegendiskurs‘ und den ‚reintegrativen Interdiskurs‘ herausarbeitet. Die „apokalyptische Utopie“ Polymeer (2012) stellt den Untergang der Niederlande im Jahr 2043 und die daraus folgende Notwendigkeit zu Strategien der Anpassung an die neue Situation dar. Das Kinderbuch Somniavero kontrastiert die Zukunft von 2031 und von 2121 und trägt dadurch zur „Zukunftssensibilisierung“ bei. In Schatten des Dschungels wird durch die Darstellung des Bioterrorismus im Jahr 2025 ein kritischer Gegendiskurs gegen Biopiraterie, Abholzung des Regenwaldes et cetera als Formen „gesellschaftlicher Fehlentwick­lung“ deutlich. Alle drei Beispiele rücken den Klimawandel als kulturelles Phänomen ins Bewusstsein, wobei sie die Zukunft immer noch als gestaltbar imaginieren.

Benjamin Langers ebenfalls sehr aufschlussreicher Beitrag zum deutschen Wald rekonstruiert den Topos seit dem späten 18. Jahrhundert, der in der Literatur des 19. Jahrhunderts mit Zuflucht, Einsamkeit und Heimat assoziiert, im Nationalsozialismus jedoch als Identifikations- und Exklusionsraum instrumentalisiert wurde. Auf Basis von umwelthistorischer Forschung belegt der Beitrag auch, dass die angeblich enge emotionale Beziehung der Deutschen zum Wald und zur Natur heute keineswegs mehr besteht. Desto mehr wird der Wald zum Erinnerungsort, wie die Analyse von H. M. Enzensbergers Essay Der Wald im Kopf (1988) verdeutlichen kann, wobei er aber nicht mehr als ein spezifisch deutscher Erinnerungsort, sondern als ‚ökologischer Erinnerungsort‘ (Frank Uekötter) „weltweit gedacht werden muss“. Das in diversen Anthologien gut zugängliche Thema sei darüber hinaus sehr geeignet für Landeskundeunterricht in Deutsch als Fremdsprache (DaF).

Der an Beispielen reiche Beitrag von Edgar Platen stellt arktische Diskurse in der Gegenwartsliteratur in einen globalisierungskritischen qua postkolonialen Kontext. Für Sten Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit und Christoph Ransmayrs Die Schrecken des Eises und der Finsternis stellt er die Auseinandersetzung mit Jean-François Lyotards Erhabenheitsbegriff, die Technik- und Zivilisationskritik und im Falle des letzteren Romans auch die Kritik an nationalem und kapitalistisch-kolonialem Besitzergreifen des Entdeckten heraus; auch Martin Mosebachs Der Nebelfürst schlage kolonialismuskritische Töne an. In Michael Köhlmeiers Spielplatz der Helden werde sogar die Sinnlosigkeit einer Grönlanddurchquerung überhaupt vorgeführt, während in Raoul Schrotts Finis terrae der Norden, das sagenhafte Thule, finster und unzugänglich bleibe. Ausführlicher geht Platen auf den Roman Treibeis (1992) der tschechisch-deutschen Autorin Libuše Moníková ein, nicht nur weil sich der Roman über eine Arktisexpedition durch die in der Handlung angelegte Schulsituation didaktisch gut auswerten lässt, sondern weil er einer der ersten Zeugnisse sei, in der die Arktis nicht mehr als reiner, peripherer, heroisch zu erobernder Ort dargestellt werde, sondern als bereits globalisierter Raum mit all seinen ökologischen Folgeerscheinungen. Dieses Ergebnis ließe sich fruchtbar mit den Studien zum Postkolonialen Ecocriticism (zum Beispiel DeLoughrey u.a. 2005; Huggan/Tiffin 2010) verbinden.

Insgesamt wird die verfügbare deutschsprachige Forschung zur Globalisierung ausgewertet wie etwa die Studien und Sammelbände von Ulrich Beck (1997, 2007), Manfred Schmeling und Monika Schmitz-Emans (2000), Claus Leggewie (2003), Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson (2003) oder Wilhelm Amann, Georg Mein und Rolf Parr (2010). Interessant ist, dass in den Beiträgen, die explizit auf Ecocriticism und Umweltfragen eingehen, vor allem die deutschsprachigen Studien rezipiert werden (Axel Goodbody (1998), Hubert Zapf (2002, 2008), Catrin Gersdorf und Sylvia Mayer (2005), Stefan Hofer (2007)); die langjährige angelsächsische Tradition (Lawrence Buell, Timothy Clark, Greg Garard, Cheryll Glotfeltly, Ursula K. Heise, Scott Slovic und viele andere) bleibt hingegen weitgehend ausgeblendet.

Globalisierungskritik (ohne expliziten Bezug zur Ökologie)

Der sehr lesenswerte Beitrag von Stefan Hofer-Krucker Valderrama favorisiert eine pessimistische Lesart von Jonas Lüschers globalisierungs- und finanzwirtschaftskritischer Debütnovelle Frühling der Barbaren (2013), in der anhand einer hedonistischen Upperclass-Hochzeitsfestgesellschaft in einem tunesischen Urlaubsresort der Zusammenbruch der britischen Finanzwelt als apokalyptisch anmutendes Untergangsszenario dargestellt wird. Gezeigt wird, dass die Apokalypse nicht zur Katharsis führt, sondern vielmehr auf eine der kränkelnden Konsumgesellschaft inhärente schleichende Katastrophe verweist, die – mit den Augen Walter Benjamins gesehen – im scheinbaren Fortschritt von der Gesellschaft angelegt ist. Diese Beobachtungen werden mit fachdidaktischen Überlegungen zu spielerischen Arbeitsformen abgerundet.

Jens Grimsteins Beitrag versucht in einer Gegenüberstellung von Kathrin Rögglas finanzkritischem Essay Gespensterarbeit, Krisenmanagement und Weltmarktfiktion (2009) und verschiedenen Texten Alexander Kluges wie Geschichte und Eigensinn (1981), Nachrichten aus der ideologischen Antike (2008) und dem zweiten Kapitel seiner Neuen Lebensläufe (2012) den Zusammenhang von Gespenstischem, Arbeit und Globalisierung bis in die poetischen Verfahren hinein aufzuzeigen. Heutige globalisierte Arbeitsverhältnisse werden mit der Metapher des Schaurigen oder Gespensterhaften charakterisiert, wofür literaturdidaktische Stil-, Genre- und Inhaltsanalysen „sensibilisieren“ könnten­.

Marita Meyer analysiert Roland Schimmelpfennigs viel gespieltes, globalisierungskritisches Stück Der goldene Drache (2009) zum einen vor der Folie des postdramatischen Theaters (Rollenbrechung, spielerische Auflösung von Zeit und Raum, Fehlen einer kohärenten Handlung), wobei auch Elemente des epischen Theaters (Verfremdung, Dialektik von Nähe und Distanz, so bezüglich der beiden chinesischen Migranten) einbezogen werden. Zum anderen vermag sie mit Bezug zur eingeflochtenen, auch didaktisch ausgewerteten, Äsopischen Fabel von Ameise und Grille zu zeigen, wie das Stück mit den Themen Ausgrenzung und Zwangsprostitution eine Sklavenhaltermoral auch in modernen globalisierten Arbeitsverhältnissen dekonstruiert und die Problematik einer ‚halbierten Globalisierung‘ (Leggewie) emotional erlebbar macht.

Im Beitrag zu Slam Poetry im Internet betrachten Almut Hille und Johann Georg Lughofer dieses offene, interaktive und transkulturelle literarische Format als „globalisierte Literatur“ und „globales Projekt“, das insbesondere in Deutschland „Alltagserfahrungen und Lebensentwürfe einer zumeist jüngeren Generation“ thematisiert und politisch verhandelt. Nach einem Abriss der Geschichte des Poetry Slam wird ein Unterrichtsbezug hinsichtlich der vier Themenfelder Migration und Xenophobie, Neues Arbeitsleben, Neue Medien und Geschlechterrollen hergestellt.

Auch darf bei der Frage nach Verhaltensänderung in Reaktion auf die negativen Auswirkungen globalisierter Warenströme ein Beitrag über Essen nicht fehlen. Natalie Eppelsheimer befasst sich mit Karen Duves autobiographischem Text Anständig Essen: Ein Selbstversuch (2011), der nicht zuletzt wegen des Misserfolgs für die Reflexion auf eine zu erwerbende „Umweltkompetenz“ auch in didaktischer Hinsicht positiv bewertet wird. Im Selbstversuch von viermal zwei Monaten erprobte Duve zunächst biologisch-organische Ernährung, wurde zur Vegetarierin, dann zur Veganerin und schließlich zur Frutarierin, ohne am Ende die zwischenzeitliche Lust auf ein Grillhähnchen losgeworden zu sein. Das Buch, auch wenn es im Kern nichts Neues sagt, könne dazu dienen, Essen als ethischen, ästhetischen, politischen, ökonomischen sowie persönlich-identitätsstiftenden Akt zu verdeutlichen und das Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu fördern.

Fazit

Den gelungenen Abschluss des Bandes bildet ein Interview von Marita Meyer mit dem Dokumentarfilmer Eric Black. Sein mit Frauke Sandig produzierter globalisierungskritischer Film Herz des Himmels, Herz der Erde (2011) kann beispielhaft an den Maya, der größten indigenen Gruppe im heutigen Amerika, zeigen, wie ein integriertes Mensch-Natur-Verhältnis realisierbar ist. Interessant an dem Film ist dabei, dass viele ProtagonistInnen der Maya selbst zu Wort kommen und nicht nur zur exotischen Bebilderung ‚westlicher‘ Vorstellungen dienen. Betont wird, dass sie gesellschaftliche und ökologische Fehlentwicklungen durch globalisierte Wirtschaftsunternehmen genau registrieren  und am Beispiel von Mais die wichtige Bedeutung von nicht gentechnisch veränderten Lebensmitteln für den Erhalt des Planeten verdeutlichen.

Der Band zeigt damit insgesamt eine Verschränkung von ökologischen, globalisierungskritischen und postkolonialen Themenstellungen insbesondere anhand der aktuellen deutschsprachigen Literatur auf. Die Auswahl der Beiträge kann verdeutlichen, dass die Literatur in all ihren Genres die komplexen Herausforderungen des Anthropozäns verarbeitet, ihr kritisches Potenzial zur Zeit- und Gesellschaftsdiagnose nutzt und der ‚Krise der Imagination‘ (Lawrence Buell) entgegenwirkt, indem sie für alternative Sichtweisen im Umgang mit Natur und Umwelt sensibilisiert und bessere Wege für das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt im kleinen wie im globalen und planetarischen Maßstab entwirft.

Titelbild

Almut Hille / Sabine Jambon / Marita Meyer (Hg.): Globalisierung – Natur – Zukunft erzählen. Aktuelle deutschsprachige Literatur für die internationale Germanistik und das Fach Deutsch als Fremdsprache.
Iudicium-Verlag, München 2015.
305 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783862054107

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