Überwältigtwerden durch Schönheit

Zum 85. Geburtstag des Schriftstellers und Malers Bruno Epple sind eine Auswahl seiner Gedichte und eine Freundesgabe erschienen

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Kommen lassen, / was zum Bild werden will / oder Form annehmen in einem Gedicht“, lautet eine Strophe aus Bruno Epples Gedicht Erfahrungen. Zum 85. Geburtstag des am 1. Juli 1931 im Hegau am Bodensee geborenen und nun in Wangen auf der Höri lebenden Malerdichters sind gleich zwei neue Publikationen erschienen. In Blatt um Blatt. Gedichte eines Malers beschenkt sich Epple mit einer Auswahl seiner Prosagedichte selbst. Entstanden ist eine fröhlich bunte Blütenlese im wahrsten Sinne des Wortes aus gut sechs Jahrzehnten: Zu finden in Versen wie „Der Tag geigt all das Blau / vom Himmel herab“, in  Gedichten wie „Blaue Glocken / läutet der Wind / am Ufer /über verschwiegenen Hügeln / naht einer Taubenwolke / Geschwirr // Ich tauche den Finger / in die Luft / und schreibe übervoll mein Herz / im Frühlicht der Liebe“ oder „Wenn ich fröhlich bin / lebe ich / im Schwalbenhimmel // Nur wenn ich fröhlich bin / finde ich die / blaue Türe hinein.“

Wie bereits in seiner Kindheitsgeschichte Vor allem der See finden wir in Epples Gedichten den „Seh und Seehungrigen“ Malerdichter und Dichtermaler wieder, den Bilder gleichsam heimsuchen, der sich aber auch vom Licht, den Farben und Düften seiner Umgebung verzaubern lässt: „Der Wald mit all seinen Buchen / grünt mich an / in freudiger Frische, // nimmt mich in die Arme, / haucht maienselig / mir seinen Atem ein / bis das Herz mir ergrünt. [… ] ein Himmel aus licht durchsonntem Grün / auch in mir.“ Wenngleich einige Gedichte in Blatt um Blatt. Gedichte eines Malers ebenso zuletzt im best-off-Epple-Lesebuch Erntedankfest zum 80. Geburtstag von Epple abgedruckt sind, feiern die Prosagedichte in den sechs Themenkreisen „Gedichte aus der Anmutung“, „Lyrik im Fingerhut“, „Gedichte unterwegs“, „Gedichte zum Auflesen“, „Gedichte aus dem Atelier“ und „Gedichte aus der Heimsuchung“ erneut jene poetische Dank-Andacht ans Dasein, die Martin Walser an Bruno Epple mehrfach gerühmt hat. Schließlich wird bei Epple zugleich immer wieder auch eine religiöse Dimension eröffnet, wie etwa im letzten Gedicht Pulchritudo: „Wo Schönes mich anschaut, / dass ich zu Tränen beglückt bin – // mir ist, als habe Gott / alles Schönen erhabenste Schönheit / meine Augen berührt.“

Allerdings schade, dass in Blatt um Blatt keines der wunderbaren Mundartgedichte Epples abgedruckt ist, schließlich ist der ehemalige Gymnasiallehrer, der Germanistik, Romanistik und Geschichte in Freiburg, München und Rouen studiert hat, zunächst mit seealemannischer Lyrik einem breiteren Publikum bekannt geworden. Wer sich die Nuancen und Feinheiten, die besondere Poesie des Lyrikers Epple erschließen möchte, kann dies am besten mit der im Erntedankfest beiliegenden CD mit den Mundartgedichten Alemannisch vom See, vorgetragen von Bruno Epple, tun, beispielsweise in der Übertragung von Walahfrid Strabos Lob der Reichenau.

Weitere Facetten des Dichters und vor allem auch des Malers Bruno Epple beleuchtet der Band Für Bruno Epple. Eine Freundesgabe. Die zwölf Versuche, so der Herausgeber, wollen „einem größeren Publikum den Dichter, den Maler, den Töpfer, aber auch den Menschen Bruno Epple erschließen helfen.“ Letzterem dient der Beitrag von Felicitas Andresen „Leuchtende Leute“, die sich verschiedener Lesungen und Begegnungen erinnert, wie auch der Text von Suzanne Dingler, die die „Entstehung der ‚Wohnzimmer-Lesungen‘ auf der Höri“ thematisiert, während Wolfgang Schuller, emeritierter Konstanzer Professor für Altertumswissenschaften, unter dem Titel „Bruno Thuringensis“ eine gemeinsame Fahrt nach Thüringen 2004 zu einer Epple-Ausstellung vergegenwärtigt. Biographische Facetten beleuchtet auch Oswald Burger, indem er mit Epple ins Oberschwäbische, der Heimat seiner Vorfahren, fährt.

Dem bildenden Künstler Bruno Epple gilt der Schwerpunkt in diesem Band, wobei 16 farbige Abbildungen von Epple-Bildern den Zugang erleichtern. Häufig fällt der Vergleich mit dem Franzosen Henri Rousseau, wenn von Epples „naiver“ Kunst die Rede ist. So gilt das Interesse von Sigmund Kopitzki, Kulturredakteur des „Südkurier“, nicht zuletzt mit Blick auf die weihnachtlichen Tonfiguren Epples eben jenem scheinbar Naiven im Werk des Künstlers. Kopitzki stellt fest: Für Epple „gilt das Credo Chagalls: Wer liebt, ist naiv. Er ist so gesehen, ein liebender Naiver, Himmel und Erde zugewandt.“ Als ganz und gar nicht naiver Zeitgenosse im landläufigen Sinne charakterisiert Pirmin Meier Epples Werdegang vom Lehrer zum freien Schriftsteller und Maler, wobei er Epple in einem „Kulturkatholizismus, wie er Maler, Schriftsteller und Filmemacher des mediterranen Raumes ebenfalls geprägt hat“, verankert.

Insbesondere der luzide Beitrag von Hermann Kinder „Bruno Epples ‚Symbolischer Realismus‘“ widmet sich dem Maler Epple und der ergreifenden „Schönheit und existentiell bewegenden Kraft“ seiner Bilder. Kinder relativiert dabei „Walsers Bestimmung des ‚Epple-Effekts‘ als das Prinzip des Angeschautwerdens“, wenn er sich von der „Rätselhaftigkeit“ aber auch der „Schönheit von Farbe und Komposition“ der Epple‘schen Bilder einnehmen lässt als einem „begriffslosen Überwältigtwerden durch Schönheit“. Während Michael Koch, Herausgeber der Freundesgabe, sich dem „melancholischen Epple“ und den schwarzen Bildern in dessen Œuvre nähert, gilt Rüdiger Zucks Interesse – auch als Sammler – „Epple’s Krähen“.

Der ehemalige Professor für Jazz- und Pop-Musik Bernd Konrad, von dem die Jazz-Begleitung auf der CD-Einspielung „Alemannisch vom See“ stammt, unterhält sich mit Epple über Musik, während der ehemalige SWR-Journalist und Romancier Thomas Vogel auf Aspekte einer heute eher suspekten Doppelbegabung eingeht und Epple in eine große Reihe von dichtenden Malern und malenden Dichtern stellt. Epple selbst bemerkte einmal augenzwinkernd in der ihm eigenen Art über seine mindestens zweifache Profession:

„Die Schriftsteller sehen in mir einen beachtlichen Maler, die Maler in mir einen beachtlichen Schriftsteller – sie finden das, was ich schreibe, ganz bildhaft, während die Schriftsteller das, was ich male, zum Bedichten finden. So stehe ich jeweils auf beiden Seiten als Freund da und bin fein heraus.“

Diese Pointe zitiert auch Manfred Bosch, der sich mit zahllosen Werken – unter anderem mit dem großen Band Bohème am Bodensee – seinen Platz als Doyen der Kartografie der oberschwäbischen und seealemannischen Literatur erarbeitet hat. Für Bosch feiert Epple „dichtend und malend das Leben. Wie seine Kunst immer auch ein einziger, in die Kunst verschobener Dank an das Leben ist. Und indem er der verborgenen paradiesischen Spur der Dinge folgt, in gläubigem Staunen an ältere verschüttete Wahrheiten erinnert, ist – wie in seinen Bildern – auch in seinen Gedichten stets Sonntag.“

Titelbild

Bruno Epple: Blatt um Blatt. Gedichte eines Malers.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2016.
176 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783863515188

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Michael Koch (Hg.): Für Bruno Epple. Eine Freundesgabe.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 2016.
192 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783863515195

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