Ein narrativer Sabotageakt

Eberhard Rathgebs dritter Roman ist eine Enttäuschung

Von Albert C. EiblRSS-Newsfeed neuer Artikel von Albert C. Eibl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In dem später bekannt gewordenen Verriss eines großen deutschen Autors hat ein wahrhaft großer deutscher Kritiker einmal in nuce folgende Erzähltheorie entworfen, die auch heute noch dank ihrer einprägsamen Schlichtheit einige Zustimmung verdient: „Erzählen ist doch – davon bin ich überzeugt – die Gegenwart erleben und das Erlebte vergegenwärtigen.“ Legt man dieses Richtmaß an Eberhard Rathgebs neues Buch an, so kommt man leider nicht umhin, es auf ganzer Linie als gescheitert zu betrachten. Warum? Was funktioniert hier nicht?

„Cooper“, die Geschichte um die einträchtige, vierköpfige Familie, die sich ein neues Wochenendhäuschen auf dem Land gekauft hat, um der Enge und dem Lärm der Stadt zu entkommen, wird schon auf den ersten Seiten immer wieder von den sentenzenhaft-mäandernden, metaphysisch aufgeladenen Reflexionen des auktorialen Erzählers an ihrer natürlichen Entwicklung gehindert:

Eines Tages, der nicht so zufällig ist, wie er sich dem Anschein nach gibt, fährt der Windstoß der Unerbittlichkeit in das Buch vom eigenen Leben und blättert es an einer unbekannten Stelle auf, und eine Geschichte kommt zum Vorschein, die auf einer dieser zahlreichen, achtlos überschlagenen oder übergangenen Seiten steht, vergessen und verdrängt, und deren späte Folgen nicht mehr zu übersehen sind, jetzt, da ein Unglück geschehen ist, der Wasserspiegel des schwarzen Flusses der Traurigkeit ansteigt oder die Angst, die unbemerkt wie ein großer hoch oben in der Baumkrone saß, die Flügel ausbreitet und sich vor die Sonne schiebt.

Das klingt auf den ersten Blick wie die Neuübersetzung einer Passage aus dem Buch Jesaja und trägt in seiner wollüstig vor sich hin wabernden Metaphorik gerade nicht zu dem bei, was der Erzähler auf den über 140 dünn beschriebenen Seiten von „Cooper“ so verzweifelt bemüht ist bei seinen Lesern zu evozieren: ein Gefühl des Grauens, das umso schrecklicher erscheinen will, als sich das Unglück hier gerade nicht auf leisen Sohlen ankündigt – was deutlich vielversprechender gewesen wäre – sondern schon von Anfang an schicksalhaft und unentrinnbar über die Familie verhängt scheint.

Dass eine solche Adaption der inverted detective story für einen intendierten Psychothriller gänzlich unbrauchbar ist und schon an ihren eigenen Voraussetzungen scheitern muss, ist bedauerlich. Dass der schon ab dem zweiten Kapitel gar nicht mehr so geneigte Leser aber dann im Verlauf der Erzählung nicht einmal mehr erfahren darf, welcher Schrecken die Mutter Lisa im neuen Haus eigentlich heimgesucht hat, und wie und warum der Rest der Familie bei einer Autofahrt zum nahegelegenen Bäcker ums Leben kommt – das lässt sich dem Autor, bei aller Gutmütigkeit des Rezensenten, dann doch nicht mehr nur als bloßes Versäumnis in Rechnung stellen. Vielmehr ist es ein bei vollem Bewusstsein inszenierter Sabotageakt an den Statuten lebendigen Erzählens, den Rathgeb hier mit unerbittlicher Selbstverständlichkeit zum ästhetischen Prinzip erhebt, sodass einem Angst und Bange werden könnte – würde der Mangel an erlebter Gegenwart und gegenwärtigem Erleben, der das Werk leider uneingeschränkt durchwaltet und eine wie auch immer geartete Spannung gar nicht erst aufkommen lässt, den ganzen Horror nicht schon im Keim ersticken.

Titelbild

Eberhard Rathgeb: Cooper. Roman.
Hanser Berlin, Berlin 2016.
139 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783446252813

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