Die immerwährende Lust am ‚wahren‘ Verbrechen

Ein Sonderband der Zeitschrift TEXT + KRITIK versammelt Analysen von „Kriminalfallgeschichten“ vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Von Franziska BurkhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franziska Burkhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In den einleitenden Worten zu seinem Sammelband „Kriminalfallgeschichten“, der 2014 als Sonderband der Zeitschrift TEXT + KRITIK erschienen ist, führt der Herausgeber Alexander Košenina den seit mehreren Jahrhunderten anhaltenden Erfolg des Kriminalgenres auf eine anthropologische Konstante zurück, die er als Lust am ‚wahren‘ Kriminalfall bezeichnet. In unserer Gegenwart trifft nun dieses generelle Publikumsverlangen auf ein starkes Forschungsinteresse an einer Poetik der Fallgeschichte, das im vorliegenden Band eine überaus lesenswerte Fortschreibung erfährt. Erklärbar wird diese momentane Konjunktur der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kriminalliteratur im Allgemeinen und der Gattung der Fallgeschichte im Besonderen im Kontext des sogenannten Law-and-Literature-Movements, das in den letzten Jahrzehnten zunächst den angelsächsischen Raum nachhaltig bewegt und mit leichter Verzögerung nun auch die deutschsprachige Literaturwissenschaft erreicht hat. Im Zentrum dieses gegenwärtig blühenden Forschungszweiges steht eine systematische Untersuchung des komplexen Zusammenspiels von Literatur und Recht, die ganz im Geiste der Interdisziplinarität an den Wechselbeziehungen der beiden Denkbereiche interessiert ist.

Während das Untersuchungsinteresse des Bandes also durch einen gegenwärtigen Forschungstrend legitimiert wird, erweist sich eine klare Eingrenzung des konkreten Gegenstandes als ungleich schwieriger. Bereits in den einleitenden Worten des Herausgebers wird nämlich erkennbar, dass der Band eine eindeutig greifbare Definition der titelgebenden ,Kriminalfallgeschichte‘ schuldig bleibt. Dieser Umstand bereitet vor allem insofern Schwierigkeiten, als die ‚Kriminalfallgeschichte‘ keineswegs als literaturwissenschaftlich gängiger Terminus vorausgesetzt werden kann. Dementsprechend bleibt es dem Leser überlassen, die fehlende Definition des Gegenstandes selbständig zu ergänzen: Zwar bedient das untersuchte Textkorpus keineswegs das gesamte, schier unüberblickbare Feld der Verbrechensliteratur im weiteren Sinne; zugleich aber werden unter dem Begriff ‚Kriminalfallgeschichte‘ mitnichten nur diejenigen Texte subsumiert, die anhand des ähnlich klingenden Terminus ‚Fallgeschichte‘ der Pitaval-Tradition im engeren Sinne zuzurechnen sind. Vielmehr kann als kleinster gemeinsamer Nenner der in Košeninas Band versammelten Texte eine einfache Merkmalskombination erschlossen werden, die sich derart in der bisherigen Forschung nicht nachvollziehen lässt: Ein historischer Kriminalfall muss eine künstlerische Darstellung erfahren haben. Diese begriffliche Vagheit in Bezug auf den Untersuchungsgegenstand mag zunächst für eine kurze Irritation beim Leser sorgen, der sich nach klaren literaturwissenschaftlichen Kategorien sehnt; im Laufe der Lektüre des Bandes erweist sich die damit einhergehende „Vielfalt von Formen und Themen aus unterschiedlichen Epochen“ jedoch als große Stärke der Sammlung. Der Anspruch nämlich, prominente Vertreter des Genres im Rahmen der 14 exemplarischen Untersuchungen nicht erneut aufzugreifen (und damit der langen Reihe an Analysen lediglich eine weitere hinzuzufügen) und stattdessen gleichsam neue, kaum beschrittene Pfade zu erschließen, wird in lobenswerter Konsequenz umgesetzt und trägt somit in entscheidender Weise zum Erkenntnisgewinn der Lektüre bei.

Geradezu paradigmatisch für die Einlösung des Versprechens einer erweiterten Untersuchungsperspektive, die sich auch ungewöhnlichen Präsentationsformen der Kriminalfallgeschichte zuwendet, stehen die Beiträge von Gaby Pailer und Košenina. Beide Aufsätze widmen sich Texten, die in der bisherigen Forschung überaus selten unter dem Gesichtspunkt ihrer Zugehörigkeit zum Kriminalgenre untersucht worden sind. Die Gestaltung des historischen Falles la Chapelle / Birnbaum als bürgerliches Trauerspiel durch Christiane Karoline Schlegel eröffnet zunächst einmal die unkonventionelle Möglichkeit der literarischen Hofkritik im Zuge der Darstellung eines tagesaktuellen realen Verbrechens; darüber hinaus kann der Vergleich des Dramas mit einem ihm zugrunde liegenden Ermittlungsbericht dazu dienen, die Dramatisierung des authentischen Falles erstmals im rechten Licht zu beurteilen, und so zu einer Neubewertung des Stückes beitragen, das lange Zeit als „kaum spektakuläres“ bürgerliches Trauerspiel durch die Literaturwissenschaft verkannt wurde. Einen Erkenntnisgewinn anderer Art stellt Košenina für die Analyse der bislang vernachlässigten Sondergattung der Verbrechensballade in Aussicht: Eine eingehendere Beschäftigung mit diesem bis in die Gegenwart zu verfolgenden Genre soll belegen, dass die Darstellung historischer Kriminalfälle keineswegs allein in der Prosa, sondern auch in Lyrik und Drama allerhand Erwähnenswertes hervorgebracht hat. Den Rahmen der (schriftlich fixierten) Literatur überschreitet schließlich der Beitrag Peter-Henning Haischers, der sich Christian Felix Weißes Drama „Der Fanatismus, oder: Jean Calas“ widmet. Haischer stellt darin nicht nur zahlreiche Beobachtungen zur Literarisierung eines Kriminalfalles an, sondern prüft in Gestalt einer Radierung des historischen Falles, die als Anlass und Vorbild des Stückes benannt wird, auch eine bildkünstlerische Darstellung auf ihr Verhältnis zum Realfall hin.

Das Programm des Bandes lässt sich anhand dreier grundsätzlicher Überlegungen, die Košenina in seinem Vorwort anstellt, erfassen. Im Zuge der Neubetrachtung der Fallgeschichte ergebe sich die Möglichkeit einer Erweiterung des „Literaturhorizont[s]“ in historischer, systematischer und gattungstheoretischer Hinsicht, die sich – wie bereits gezeigt – eindrücklich in der Breite des Textkorpus widerspiegelt. Sodann eröffne sich durch das Vorhandensein tatsächlich dokumentierter Fälle die Chance, den Authentizitätsgehalt der als ‚wahr‘ proklamierten Geschichten in der Literatur zu überprüfen. Im Zuge dessen können außerdem literarische Verfahren der Wirklichkeitsannäherung anhand der Texte analysiert und beurteilt werden.

Dass auch die beiden letzteren Untersuchungsziele in gebührendem Maße berücksichtigt werden, lässt ein skizzenhafter Überblick über die einzelnen Beiträge erahnen: Hans-Joachim Jakob geht mit seinem Aufsatz zu Georg Philipp Harsdörffers Historie „Die Großmüthige Rache“ von 1649 hinter den Gattungsursprung der Fallgeschichte im 18. Jahrhundert zurück und zeichnet am Beispiel des zugrunde liegenden Kriminalfalls sorgfältig nach, wie im Laufe des wechselvollen Transfer- und Überlieferungsprozesses die Grenzen zwischen res factae und res fictae verwischen und im Sinne der Intention des jeweiligen Geschichtsschreibers stets aufs Neue zu einer eigenen Wahrheit zusammengesetzt werden. Ein ähnliches Vorgehen, das jedoch auf ein ungleich aktuelleres Beispiel angewandt wird, lässt sich im Beitrag Jörg Schönerts nachvollziehen: Indem Rahel Sanzaras Roman „Das verlorene Kind“ von 1926 vor der Folie der Schilderung des realen Verbrechens im Rahmen des „Neuen Pitaval“ analysiert wird, können Charakteristika beider Bearbeitungen ebenso wie spezifische Literarisierungs­strategien des Romans in differenzierter Form herausgearbeitet werden. Auf welche Weise die innerhalb von Kriminalfallgeschichten häufig herangezogenen Authentifizierungsstrategien, die als Mittel der Wahrhaftigkeitsbeglaubigung des Dargestellten dienen, ad absurdum geführt werden können, führt Erhard Schütz am Fall des ‚rasenden Reporters‘ Egon Erwin Kisch vor. Dessen in der Reihe „Außenseiter der Gesellschaft“ erschienener Text „Der Fall Redl“ wartet mit einer wahren Detailfülle und einer Vielzahl historischer Belege auf, die als Beleg der Präzision und Authentizität gelten sollen, in Wahrheit jedoch von Kisch gezielt zur Wahrheitstäuschung eingesetzt werden – der vermeintliche Tatsachenbericht entpuppt sich damit letztlich als „bestenfalls aufgeschäumte Partialwahrheit“.

Zudem versäumt es der Band nicht, auch auf Grenzen der erzählerischen Möglichkeiten der klassischen Kriminalfallgeschichte hinzuweisen. Tanja van Hoorn stellt (in einem sprachlich bisweilen recht eigenwilligen Beitrag) diese Grenzen für Johann Peter Hebel fest, dessen Verbrechergeschichten an seinem Programm des vornehmlich auf Belehrung und Unterhaltung zielenden Konstellationserzählens scheitern müssen, während Holger Dainat für Johann Ulrich Schölls Biografie des ‚Konstanzer Hans‘ die Detailversessenheit und sklavische Faktentreue des Autors als Problem ausmacht. Der Grund des Scheiterns der Kriminalfallgeschichte ist in beiden Fällen ähnlich gelagert: Hebel verzichtet vollkommen auf „das Muster der Lebensgeschichte“ und somit auf einen übergeordneten Handlungszusammenhang, im Falle Schölls wird dieser durch die gut gemeinte Faktenfülle schlichtweg überwuchert.

Neben der traditionellen Form der Kriminalfallgeschichte interessieren auch deren Modifikationen. So sieht Claus-Michael Ort in Annette von Droste-Hülshoffs „Judenbuche“ die Destruktion des über Jahrhunderte aufgebauten Narrativs der Fallgeschichte, indem die Erzählung sich der eindeutigen Zuordnung von Täter, Tat und Strafe ebenso wie Schuld und Sühne entzieht und so der generischen Lesererwartung zuwiderläuft. Die damit angestoßene Erweiterung des Genrespektrums tritt im 20. Jahrhundert deutlich zutage – etwa in Gestalt von Döblins „Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“. Wie Nicolas Pethes kenntnisreich vorführt, wird hier nicht nur auf selbstreflexive Weise der Umgang mit Wissen problematisiert, wenn der Text sich explizit der Möglichkeit verschließt, ein Leben (in diesem Fall dasjenige des Täters) in seiner Ganzheit zu verstehen. Zugleich muss Döblins Bearbeitung auch in formaler Hinsicht als gänzlich neue Form der Kriminalfalldarstellung angesehen werden, die als „intermediale Konstellation aus traditionellem Erzählen und experimentellen Graphiken“ charakterisiert wird. Eine Ablösung der schriftliterarischen Kriminalfallgeschichte schließlich prophezeit Todd Herzog im abschließenden Aufsatz des Bandes: Er sieht die Zukunft der Fallgeschichte im Film (genauer im neo-neorealistischen Kino).

Positiv anzumerken ist das enge Verweissystem der Beiträge untereinander, das der im Zuge der Lektüre geweckten Neugierde des Lesers sehr entgegenkommt. Auffällig in diesem Kontext ist die Beobachtung, dass zwei Bezugsgrößen immer wieder aufs Neue aufgerufen werden. Es handelt sich dabei zunächst um Alfred Döblins Text, der als wichtiger Versuch gedeutet wird, die Gattung der Fallgeschichte unter den Vorzeichen der Moderne neu zu konstruieren. Der zweite konsequent referenzierte Text ist Friedrich Schillers „Verbrecher aus Infamie“, den Košenina in seiner Vorrede als Gründungstext des Genres der fiktionalen Kriminalliteratur bezeichnet und der aufgrund seines Klassikerstatus ausdrücklich keine gesonderte Beachtung erfahren soll. Da das Werk aber dennoch unverkennbar wirkungsmächtig im Hintergrund mehrerer Beiträge steht und wiederholt als Folie für Untersuchungen anderer Texte herangezogen wird, bleibt mit einem Augenzwinkern anzumerken, dass der Band trotz bester Vorsätze nicht umhinkommt, den Klassiker zumindest am Rande zu erwähnen.

Ein besonders erwähnenswerter Beitrag stammt von Michael Niehaus, der mit Gesche Gottfried den Fall einer Giftmischerin auf ansprechende Weise verfolgt und in nuce viele der Grundüberlegungen des Sonderbandes in seinem Aufsatz zusammenführt. Er skizziert, wie der Fall über mehrere Jahrhunderte hinweg immer wieder neue Interpreten auf den Plan ruft, die sich in Form faktualer Falldarstellungen ebenso wie fiktionaler Bearbeitungen in Literatur, Film, Theater und zuletzt auch der Graphic Novel mit dem Schicksal der Giftmörderin sowie ihrem Verhältnis zur Gesellschaft auseinandersetzen und daraus vielfältige, verschieden akzentuierte Erklärungsansätze der Antriebe ihrer Taten ableiten. Leitgedanke der Untersuchung ist die schwierige Frage nach dem „Wir“ im Verbrechen – eine Frage, die das gesamte Genre der Kriminalfallgeschichte im Kern umtreibt und zugleich deren besonderen Reiz für den Rezipienten ausmacht. Dabei weist der „Topos eines Menschen aus unserer Mitte, der unversehens als Verbrecher enttarnt wird“, zugleich auf das Allgemeinmenschliche im Bösen und die Tatsache, dass der Grad zwischen bürgerlicher Normalität und devianter Abgründigkeit oftmals ein sehr schmaler ist. Wie Niehaus eindrücklich vorführt, lässt sich im Zuge dieser Überlegungen auch die Frage nach der Mitschuld der Gesellschaft am Verbrechen des Einzelnen nicht umgehen, sodass stets auch der Leser in die Verantwortung des Urteilens gezogen wird.

Während Niehaus den Blick auf diese Weise zuvorderst auf den Leser richtet, widmet sich Mark-Georg Dehrmann der Perspektive der Schreibenden. Hier stehen die Beweggründe der Autoren im Zentrum, einen historischen Fall immer wieder von Neuem aufzubereiten. Dehrmann betont in seiner Vorbemerkung zur Auseinandersetzung mit dem bekannten Fall des Sonnenwirts, dass das reale Verbrechen gerade aufgrund seiner besonderen Aura der Realität – anders als der erfundene Stoff – eine Erklärung fordere. Erst die „Wiederholung des in seinem Kern Gleichen“ biete eine Möglichkeit, sich dem provozierenden Rätsel der Realität durch Wiederholung anzunähern. Dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass sich der Hinweis auf das eingangs erwähnte ungebrochene Interesse des Lesers am ‚wahren‘ Verbrechen als roter Faden durch die Beiträge des Bandes zieht. Das viel beschworene Erkundungspotential der Literatur soll qua Wiederholung Erklärungen, zumindest aber einen Ansatz zum Verständnis der in den vorliegenden Fällen grausamen Realität liefern und dieser so den Schrecken des Unerklärlichen nehmen – das alles jedoch aus der sicheren Distanz des Lesers heraus, die immer auch einen gewissen Spannungsfaktor mit sich bringt.

Košeninas Sammlung als Ganzes entspricht letztlich in gleichem Maße wie die untersuchten Texte der auf Horaz zurückgehenden Forderung nach prodesse und delectare: Insgesamt bietet der vorliegende Band eine Fülle an interessanten, mitunter auch skurrilen, zugleich aber ebenso fundierten wie differenzierten Erkenntnissen, die auch für den mit der Forschung zur Kriminalliteratur hinlänglich vertrauten Leser eine überaus lohnende Lektüre versprechen.

Titelbild

Alexander Košenina (Hg.): Text + Kritik: Sonderband. Kriminalfallgeschichten.
Zeitschrift für Literatur. Begründet von Heinz Ludwig Arnold.
edition text & kritik, München 2014.
237 Seiten, 33,00 EUR.
ISBN-13: 9783869163222

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