Gleichklang und Rivalität

Wilfried Ohms Erzählung "Abschied vom Spiegelbild"

Von Dagmar Lohmann-HinrichsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dagmar Lohmann-Hinrichs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seinem 1999 erschienenen Roman "Kaltenberg. Ein Abstieg" lässt der österreichische Schriftsteller Wilfried Ohms den Leser Einblick gewinnen in die seelischen Abgründe einer gescheiterten, von Alkoholismus geprägten Lebensexistenz, die sich passiv und ziellos ihrem Schicksal ausliefert. Im Zentrum der Erzählung "Abschied vom Spiegelbild" stehen zwei Lebensbahnen: die des namenlosen Ich-Erzählers und seines alkoholkranken Zwillingsbruders Christian, der sich - so erfährt man es gleich zu Beginn der Erzählung - im fernen Afrika erhängt hat.

In einer tagebuchartigen Reflexion werden die Biographien zweier Brüder aufgerollt, die auf schicksalhafte Weise miteinander verbunden sind. Der Ich-Erzähler beschreibt sie so: "Einer unserer frühesten Eindrücke wahrscheinlich der des Zu-zweit-Seins. Gefüttert, gewickelt, gebadet werden: ein einziger, fortwährender Gleichklang. Die Gegenwart des anderen schien so selbstverständlich wie der eigene Atem. Nur wenn sie fehlte, erzählte man uns, bemerkten wir sie und schrien, bis wir uns wieder im vertrauten Gesicht spiegeln durften." Trotz unterschiedlicher Lebensläufe bewegen sich die beiden Brüder von Kindheit an bis hin zum Freitod Christians zwischen symbiotischem Gleichklang und "unerbittlicher Rivalität". So weiß denn auch der Ich-Erzähler um das tragische Ende seines Bruders, noch bevor er die endgültige Nachricht erhält, denn: "Nach kurzem Schlaf schreckte mich ein Blitz auf, der quer durch beide Augen lief. Meine Glieder zuckten, als hätte sie ein heftiger Stromstoß elektrisiert."

Das "sprachlose Entsetzen" über den Tod des brüderlichen Doppelgängers setzt eine Erinnerungsmaschinerie in Gang, die dem "Übriggebliebenen", wie er sich selber einmal bezeichnet, Vergegenwärtigung der gemeinsamen Kindheit und Abschiednehmen vom "Spiegelbild" des Bruders aufzwingt: "Erst nach seinem Tod scheine ich ihn wirklich wahrzunehmen. Solange er lebte, verhinderte wahrscheinlich unsere Ähnlichkeit, die trotz aller Irritationen bis zuletzt zwischen uns bestand, jene Distanz, die richtige Wahrnehmung ermöglicht. Immer häufiger denke ich an ihn, als sei er dazu bestimmt gewesen, mir das eigene Leben, das eigene Scheitern, erbarmungslos vorzuführen."

Die Wurzeln dieses Scheiterns liegen in der gemeinsam durchlittenen traumatischen Kindheit, versteckt hinter einer großbürgerlichen Fassade, die geprägt ist von der Lieblosigkeit und Ignoranz der Mutter und der Gewalttätigkeit und Strenge des Vaters. Eine explosive Mischung, die grausame Spuren in den Kinderseelen hinterlässt. Eine Großmutter und ein blinder Klavierlehrer sind die einzigen, die den beiden zurückgestoßenen Jungen zumindest etwas von der ersehnten Anerkennung und Zuneigung schenken. Jede selbständige Regung wird im Elternhaus bestraft, die Lebenswurzeln der beiden Kinder werden systematisch beschnitten. Dabei scheint der Ich-Erzähler im Schatten des Bruders Christian zu stehen, denn dieser ist derjenige, der im problematischen Zwillingsdasein Ansätze macht, sich zu unterscheiden - nicht zuletzt durch seine hohe musikalische Begabung, deren Entfaltung ihm aber durch die Eltern verwehrt bleibt - wohl die einschneidenste Demütigung in seinem noch jungen Leben.

Die Rollenverteilung in dieser Geschwisterbeziehung ist schnell auszumachen: der extrovertierte und rebellische Christian, der früh versucht, dem im wahrsten Sinne "erstickenden" Elternhaus zu entkommen und letztlich trotz wechselnder Anläufe zu einem bürgerlichen Leben an seiner Zerstörungs- und Selbstzerstörungswut scheitert. Er flüchtet sich in ein rastloses Dasein, das zwischen Lebenshunger und Lebensüberdruss schwankt. Dagegen wirkt der Ich-Erzähler, der hauptsächlich als (telefonischer) Zuhörer und als eine Art Beichtvater dem Bruder dient, wie ein blasses Abbild des monströs sich auslebenden "Spiegelbildes", durch dessen Tod Schmerzen spürbar werden, die auch in seinem eigenen Inneren toben: "Indem ich von meinem Zwillingsbruder schreibe, schreibe ich von mir. Seine Geschichte ist meine ist unsere. Erinnerung an ihn ist Erinnerung an mich. Spiegelbild und Spiegel. Vorder- und Rückseite ein und derselben Münze." Welche Konsequenzen der "übriggebliebene" Bruder am Ende der Erzählung für sein eigenes Leben zieht, wird nicht deutlich. Nutzt er die Chance, aus dem Schatten des "Spiegelbildes" herauszutreten, oder verzweifelt er an sich und dem, der ihn verfolgt?

Wilfried Ohms ist in dieser Erzählung ein beklemmendes Psychogramm einer allmählichen Selbstzerstörung gelungen, die auch im Roman "Kaltenberg" zentrales Thema ist. Dort jedoch werden die Kindheitsverletzungen nur ansatzweise benannt, und die Eigendynamik der Selbstzerstörung bestimmt den Erzählverlauf. Hier aber steht die Auseinandersetzung mit den Kindheitsmustern im Mittelpunkt, die auslösend sind für die Selbstzerstörungstendenz der beiden Brüder. Die eigene Betroffenheit des Ich-Erzählers, die aber niemals in Sentimentalität abgleitet, macht den Leser zum Mitfühlenden, während man z. B. gegenüber der Figur Kaltenbergs zwischen Mitgefühl und Abscheu, Teilnahme und Distanzierung schwankt. Ohms gelingt durch seine genaue, sorgfältige Beobachtungsgabe sowie eine knappe und zugleich bildkräftige Sprache eine Geschichte, die einen so schnell nicht mehr los lässt.

Titelbild

Wilfried Ohms: Abschied vom Spiegelbild.
Verlag C. H. Beck, München 2000.
126 Seiten, 14,30 EUR.
ISBN-10: 3406465757

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