Vergangenheitsmusik

Barbara Honigmanns Briefroman "Alles, alles Liebe!"

Von Melanie OttenbreitRSS-Newsfeed neuer Artikel von Melanie Ottenbreit

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ihr Sujet ist die deutsche Vergangenheit, und nichts Geringeres als Melancholie, Sehnsucht und Erinnerung durchziehen leitmotivisch die Texte von Barbara Honigmann. Sie erzählen vom Judentum ihrer Ahnen, die im Exil das Naziregime überstanden haben und danach in die Heimat zurückkehrten. Und sie erzählen immer wieder von ihr selbst, wie sie in Ost-Berlin in einem kommunistischen Haus aufwuchs, in der DDR aber niemals heimisch wurde und stets Außenseiterin blieb - die "Gertrude Stein vom Prenzlauer Berg".

Aus der Enge des sozialistischen Staates floh die Autorin 1984 nach Straßburg. Kaum zwei Jahre später erschien ihr literarisches Debüt "Roman von einem Kinde", eine Sammlung von sechs Erzählungen, die wehmütig der wenigen Glücksmomente ihrer DDR-Zeit gedenken: der Tage am Theater in Brandenburg und der Reisen mit der Ostberliner Clique nach Polen und die Tschechoslowakei.

Vierzehn Jahre danach kehrt Barbara Honigmann nun mit dem Briefroman "Alles, alles Liebe!" zu den Koordinaten ihres Erstlings zurück. Wieder geht es um die DDR, wieder dient ihr die Biographie als Vorlage und doch ist der Ton des Erzählens ein völlig anderer: die zarte Sehnsucht ihrer frühen Prosa ist melancholischer Resignation gewichen.

62 Briefe stellen in "Alles, alles Liebe!" das Leben der Dramaturgin Anna dar, die ihr erstes Engagement an eine Provinzbühne ins uckermärkische Prenzlau verschlägt. Es ist eine Bewährungsprobe. Mit der Inszenierung des Theaterstücks "Fruchtsamen" soll sie zur "sozialistischen Künstlerpersönlichkeit" reifen und sich von ihrer Intellektuellenclique im Prenzlauer Berg distanzieren. Beides schlägt fehl. Der "Fruchtsamen" wird nicht aufgeführt und die sozialistische Idee keimt in ihr nicht, weil Anna sich durch Isolation und "Einsiedelei" der Beeinflussung zu entziehen weiß. In der Abgeschiedenheit des kargen Pensionszimmers über einer Kneipe, Sinnbild für das Provisorische ihres Daseins, verfasst Anna ihre Briefe und erhält Antwort von ihrem Geliebten Leon, ihrer Mutter und ihren Freunden, der Schauspielerin Eva und des Kulissenschiebers Alex, die beide ihr Nischendasein teilen. Politisch sind sie geduldet, ja privilegiert, als Kinder von Eltern, die ins Nachkriegsdeutschland zurückkehrten und überzeugte Kommunisten wurden. Als dekadente Individualisten aber sind sie zugleich verhasst.

Es ist Barbara Honigmanns eigenes Schicksal, das in dem Buch "Alles, alles Liebe!" steckt, die eigene Wut auf die Eltern, die aus dem englischen Exil ausgerechnet nach Ost-Berlin zurückkamen und die Tochter in der DDR zur Welt brachten. In Anna hallt dieser Zorn der Autorin nach, die wie sie das Land verachtet, in das ihre "bescheuerten Eltern glaubten, unbedingt zurückkehren zu müssen. In diesen Scherbenhaufen, in dem sie sich doch bloß alles aufgerissen und wehgetan und alles andere, bloß kein Glück gefunden haben".

Annas "jüdischer Kreis", wie Leon die Freunde seiner Geliebten abschätzig nennt, pendelt unentwegt zwischen Rebellion und Depression. Einmal liegt einem Brief an Anna ein zweites Schreiben bei, gerichtet an den ewigen Mitwisser, den "Genossen Leser von der Stasi". Meist aber genügen den jungen Künstlern Ironie ("Franco abgekratzt! Wo er doch gerade noch die DDR anerkannt hat") und ein schwerer Schlaf, in den sie Lenins "Materialismus und Empiriokritizismus" wiegt.

Barbara Honigmann entwirft hier das Bild glückloser Menschen, die weder im Beruf noch in der Liebe Erfüllung finden. Sie porträtiert eine illusionslose Künstleravantgarde aus den bleiernen 70er Jahren der DDR, die nicht wie Biermann oder Havemann an Reform und "wahren Sozialismus" glaubt, weil Kritik am Bestehenden "bloß eine andere Art des Dafürseins" ist. Selbst die Flucht ins Private verschafft nur trügerisches Glück, wie Anna am Ende bitter resümiert: "Im Sommer war ich verliebt und wollte mich als Regisseurin in der Provinz behaupten. Im Herbst sind meine Inszenierung und meine Liebe verfallen. Und nun ist es Winter - Theater und Liebe kaputt!"

Barbara Honigmann bleibt dem Wesen ihrer Geschichten auch im sechsten Roman treu. Die Suche nach jüdischer Identität in Deutschland kehrt in allen Werken wieder, sei es in der verwaisten Tochter in "Eine Liebe aus Nichts" oder der 1999 erschienenen Autobiographie "Damals, dann und danach". Sie variiert das Immergleiche, was bei einer weniger begabten Erzählerin schnell langweilig würde. "Alles, alles Liebe!" aber reiht sich nahtlos ein in ihr mehrfach preisgekröntes Werk und nimmt den Leser abermals ein mit unvergleichlichem Stil, hintergründigem Humor und seinen raschen, sich von Brief zu Brief wandelnden Perspektiven. Niemand vermag den schweren Stoff der Historie mit so viel Leichtigkeit zu bewegen wie Barbara Honigmann. Sie ruft mit leisen Tönen das Vergangene herbei und macht es für die Gegenwart lebendig.

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Barbara Honigmann: Alles, alles Liebe.
Carl Hanser Verlag, München 2000.
184 Seiten, 17,40 EUR.
ISBN-10: 3446199101

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