Mallory - Mythos und Medienheld

Der Everest lüftet seine Geheimnisse ein wenig

Von Heribert HovenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heribert Hoven

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein kurzer Moment reichte aus, um den Mythos zu schaffen. Der einzige, der darüber berichten konnte, schildert den Augenblick als bühnenreife Szene: "Der Nebel lichtete sich plötzlich vor mir, Gipfel und Gipfelgrat waren klar zu sehen. Ich erspähte einen kleinen, schwarzen Punkt auf einem verschneiten, schmalen Kamm unterhalb einer Felsstufe im Grat. Dann kam ein zweiter Punkt in Sicht, der dem ersten folgte. Der erste näherte sich der großen Felsstufe und tauchte kurz darauf auf deren Spitze auf. Dann zog sich der Wolkenvorhang wieder zu, und das Bild verschwand." Das Schauspiel, das Oberst Odell am 8. Juni 1924 gegen 13 Uhr beobachtete, war der Aufstieg seiner Expeditionsgefährten Andrew Irvine und George Mallory zum Mount Everest, von dem sie niemals zurückkehren sollten. Die Frage, ob sie den Gipfel erreichten, knapp drei Jahrzehnte vor den offiziellen Erstbesteigern Edmund Hillary und Tensing Norgay im Jahre 1953, und erst beim Abstieg zu Tode stürzten, beschäftigt bis heute die alpinistische Welt und hat in diesem Jahr gleich fünf umfangreiche Untersuchungen hervorgebracht, die alle eine andere Antwort geben. Neuerlich entfacht wurde das Rätselraten um "die größte bergsteigerische Leistung, die je in Angriff genommen wurde" (D. Roberts), durch das unverhoffte Wiedersehen mit Mallorys gut konservierter Leiche in diesem Frühjahr, ein weltweites Medienereignis, das selbstverständlich auch im Internet zu verfolgen war.

Dass bei Mallorys Everest-Unternehmungen mehr im Spiel war als persönlicher Ehrgeiz, darin sind sich alle Autoren einig: "Es ging um das Ansehen Englands." Am Nord- und Südpol waren englische Expeditionen geschlagen worden. Das letzte große Ziel, das Erreichen des "Dritten Pols", sollte ein britischer Triumph werden. Im Stile einer imperialen Eroberung war man denn auch vorgegangen. Die Führung hatte man in die Hand eines Generals gelegt. Die Auswahl der Teilnehmer oblag der "Royal Geographical Society" und dem "Alpine Club", elitären viktorianischen Vereinigungen, die zuerst einmal an eine standesgemäße Verpflegung dachten: "Auf der Bestellliste bei der Army und Navy Cooperative Society standen 60 Dosen Wachteln in Leberpastete, 300 Pfund Schinken und fünfzig Flaschen Montebello Champagner von 1915." Jämmerlich war hingegen die alpinistische Ausrüstung, die den Verdacht bestärkte, dass Mallory den Gipfel niemals erreicht haben konnte. Als man in 8.200 Metern Höhe auf seinen Leichnam stieß, trug er einen Tweedanzug, Wickelgamaschen und Nagelschuhe; in der Tasche hatte er jede Menge Briefe und bunte Schnupftücher und auf dem Kopf einen ledernen Motorradhelm. "Eine Epoche war zu besichtigen", meinen etwas vollmundig die glücklichen Entdecker des gestürzten Helden, dessen "wachsweißer Korpus" an "eine griechische oder römische Marmorstatue" gemahnte. Immerhin war 1924 beim Gedächtnisgottesdienst zu Ehren Mallorys, der den Sozialisten nahe stand, die ganze königliche Familie in Saint Paul´s Cathedral versammelt, und der greise Tibetforscher F. Younghusband betitelte sein Buch über das Bergdrama gar als "Heldengesang vom Mount Everest".

Mit größerer Nüchternheit widmen sich die Alpinhistoriker Holzel und Salkeld dem Leben des Schullehrers Mallory. Dessen bergsteigerische Qualifikationen waren nach modernen Maßstäben keineswegs außergewöhnlich, blickte er doch lediglich auf etwa ein halbes Dutzend Sommerreisen in die Alpen und einige kurze Kletterpartien in Nordwales und Cornwall zurück. Hervorgehoben wird jedoch seine Risikobereitschaft, die typisch für den britischen Alpinismus ist, und seine außergewöhnliche körperliche Fitness. Die war es wohl auch, die ihn während seiner Studienzeit für den exzentrischen Bloomsbury-Kreis interessant machte. So lernte er in Cambridge Maynard Keynes und Lytton Strachey kennen, stand Duncan Grant Modell und führte Robert Ranke-Graves in die Kunst des Kletterns ein. Etwas von der emotionalen Hochgestimmtheit jener Gruppe muss den 38-jährigen dazu bewogen haben, auf den Gipfelgang nicht den erprobten Teamkollegen Odell, sondern den erst 22-jährigen und alpinistisch gänzlich unerfahrenen Irvine mitzunehmen. Allerdings verstand sich der Ingenieurstudent, der ebenso wie Mallory aus Birkenhead stammte, als einziger darauf, die primitiven, unzuverlässigen und gnadenlos schweren Sauerstoffgeräte mit der für notwendig erachteten "englischen Luft" zu füllen.

Den durch die Wolken verhüllten letzten Weg der beiden über den Nordostgrat, auf dem sie "die Grenze zwischen Himmel und Erde überschritten", versuchen alle Autoren nachzuvollziehen. Der Fernseh-Journalist Firstbrook liefert, noch bevor demnächst sein Filmbeitrag erscheint, eine besonders anschauliche und fesselnde Beschreibung. Im Auftrag des Senders BBC und mit dessen finanzieller Unterstützung begleitete er die "Mallory & Irvine Research Expedition 1999" nach Tibet. Das Hauptproblem der Suchexpedition bestand darin, nicht den Verlockungen eines Gipfelgangs zu erliegen, sondern in die Todeszone vorzudringen, lediglich um dort nach jenem "englischen Toten" zu forschen, von dem schon andere berichtet hatten. Denn niemand verschwindet spurlos auf dem Dach der Welt, auf dem sich "ein regelrechter Friedhof voller zerschmetterter, steifgefrorener Körper" befindet. Das Protokoll von Hemmleb und Simonson, den Initiatoren der Unternehmung, über die Identifizierung von Mallory ist ein Musterbeispiel der Höhenarchäologie. Sie legen scharfsinnige Indizienketten und sensationelle Bilddokumente vor, aus denen sie gleich vier Szenarien über den Ablauf der Tragödie entwickeln. Ihrer Meinung nach erfüllten die beiden Engländer die Voraussetzungen, um den Gipfel erreichen zu können. Die wichtigste war, so seltsam dies heute klingen mag, die absolute Unkenntnis über das, was einen in großen Höhen erwartet bzw. was mit dem menschlichen Körper dort geschieht. Stattdessen besaßen die Ahnen des Alpinismus den Willen, bis zum Äußersten und darüber hinaus zu gehen, oder, wie Mallory es formulierte: "Diesmal heißt es Sieg oder endgültige Niederlage." Mallorys jetzt entdeckte Notizen lassen überdies vermuten, dass er über mehr Sauerstoffflaschen verfügte als bisher angenommen. Wenn sie den Gipfel erreicht haben, dann in der Dunkelheit, so dass auch die bislang noch verschwundene Kodak-Kamera keine Gipfelbilder enthalten wird. Der einzige Beweis wäre das Foto von Mallorys Frau Ruth, das er auf dem Gipfel deponieren wollte und das sich nicht mehr in seiner Tasche befand.

Das eindrucksvolle Puzzle fegt Reinhold Messner mit der ihm eigenen Vehemenz vom Tisch: "Die ersten Menschen auf dem Gipfel des Mount-Everest kamen nun einmal aus Neuseeland und Indien bzw. Nepal, nicht aus England." Den Theorien der Everest-Detektive setzt Messner die Erfahrung eines Mannes entgegen, der alle 14 Achttausender bestiegen hat. Odells Blick durch das Wolkenloch erklärt er zur optischen Täuschung. Der berüchtigte "Second Step", jene 28 Meter hohe Steilstufe, an der Odell seine Freunde 300 Meter unterhalb des Gipfels zuletzt gesehen haben will und die heute über eine Leiter erklommen wird, sei mit "Nagelschuhen und fast 20 Kilogramm auf dem Rücken" nicht zu erklettern. In dieser Ansicht unterstützt ihn auch der bergsteigerische Spitzenmann der Research-Expedition, C. Anker, der den Second Step geklettert ist und ihn mit einem Schwierigkeitsgrad bewertet, den Mallory kaum beherrscht haben dürfte. Als sichersten Gewährsmann jedoch, und dieser Einfall macht das Buch zu einem typischen Werk des Südtiroler Querdenkers, beruft sich Messner auf Mallory selbst, indem er ihn gleichsam als Ghost-Writer auftreten lässt. Mit der ihm von Messner verliehenen Stimme kommentiert Mallory die Auffindung seiner sterblichen Überreste als "zweiten Tod" und geißelt den Rummel um den Everest als Zivilisationskrankheit. Mit fortgeschrittenem Alter - und inzwischen als Europaparlamentarier der Grünen - scheint Messner eine Art von Identifikation oder Nachfolge anzustreben, wenn er den Toten vom Berg zu Umkehr und Bescheidenheit mahnen lässt. An Mallory fasziniert Messner dessen Ziel, Grenzen zu erweitern und das Unmögliche zu wagen. Ebenso wie die übrigen Autoren entwirft er das Porträt eines tragischen Helden: "Am Ende muss alles misslungen sein." Weil er uns in seinem Scheitern näher gekommen sei, tauge er zur Jahrhundertlegende.

Lene Gammelgaard präsentiert ein getreues Abbild jener "postmodernen Konsumgesellschaft", gegen die Messner die Geister des Everest anruft. Die 1961 geborene Dänin hat den Berg auf seiner, der Mallory-Route gegenüberliegenden Flanke bestiegen, über den weniger anspruchsvollen Südostgrat und dessen berühmten "Hillary-Step". Im Auftrag der Zeitung "Ekstra Bladet" kaufte sie sich in jenes Unternehmen mit dem verräterischen Namen "Mountain Madness" ein, das im Frühjahr 1996 in die bislang zur größten Katastrophe des Höhenbergsteigens führte, die durch Jon Krakauers melodramatischen Bericht und durch eine geschickte Vermarktung inzwischen zum Weltevent stilisiert wurde. Tatsächlich zeigt das Gipfelfoto exakt die Kommerzialisierung der Höhen, die Messner beklagt, nämlich die Autorin mit den "Logos der Sponsoren". So hat sie denn auch nicht "den höchsten Gipfel der Welt bezwungen", wie die Verlagswerbung meint, sondern allein sich selbst. Weil sie darüber und wie sie die Schrecken des Abstiegs überlebte, bemerkenswert offen und unmittelbar erzählt, ist das Buch dieser starken Frau eine wichtige Stimme im Chor der bislang nur männlichen Berichterstatter.

Es muss nicht von Nachteil sein, wenn der Gesang vom Everest vielstimmig ertönt. Da er indes hohe Einnahmen verspricht, wird er auch schriller. Im Kampf um die Verwertungsrechte von Text und Bild, den Anker und Roberts lebhaft schildern, haben sich die Mitglieder des erfolgreichen Suchteams schon weitgehend auseinander bewegt und zu jeweils eigenen Versionen entschlossen. Der Marmorleichnam des George Leigh Mallory, bei Hemmleb in der Farbenpracht eines Naturereignisses abgebildet, ist inzwischen durch einige Steine notdürftig dem unmittelbaren Blick des Betrachters entzogen. Trotzdem wird eine Öffentlichkeit, die sich an Untergängen und Abstürzen erregt, immer wieder seine Aufdeckung fordern. Sich dergestalt über ewige Gesetze hinwegzusetzen, darin sahen bereits die Griechen die wahre Tragödie.

Titelbild

Jochen Hemmleb / Larry A. Johnson / Eric R. Simonson / William E. Nothdurft (Hg.): Die Geister des Mount Everest. Die Suche nach Mallory und Irvine. Der Bericht der Expedition, die George Mallory fand.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1999.
213 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3455112730

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Lene Gammelgaard: Die letzte Herausforderung. Wie ich die Tragödie am Mount Everest überlebte. Das Ende der Sagarmatha-Umweltexpedition m. Scott Fischer im Frühjahr 1996.
Econ Verlag, München 1999.
245 Seiten, 12,30 EUR.
ISBN-10: 3612266942

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Tom Holzel / Audrey Salkeld: In der Todeszone. Das Geheimnis um George Mallory und die Erstbesteigung des Mount Everest.
Goldmann Verlag, München 1999.
475 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3442150760

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Reinhold Messner: Mallorys zweiter Tod. Das Everest-Rätsel und die Antwort.
BLV Verlagsgesellschaft, München 1999.
221 Seiten, 15,30 EUR.
ISBN-10: 3405158400

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Conrad Anker / David Roberts: Verschollen am Mount Everest. Dem Geheimnis von George Mallory auf der Spur.
Wilhelm Heyne Verlag, München 1999.
260 Seiten, 18,40 EUR.
ISBN-10: 3453165381

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Peter Firstbrook: Verschollen am Mount Everest. Die spektakuläre Suche nach George Mallory.
Burgschmiet Verlag, Nürnberg 1999.
349 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3933731208

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