Schrift und Geschlecht

Feministische Theorie und Literatur

Von Elisabeth HoluschaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Elisabeth Holuscha

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Umgang mit Literatur bietet eine Bandbreite an Möglichkeiten. Manche Literaturwissenschaftler und Literaturwissenschaften bevorzugen eine biographische Lesart, andere entwickeln theoretische Ansätze, die aus der Literatur hervorgehen und wieder andere führen theoretische Abhandlungen ins Feld, damit literarische Werke überhaupt erst verständlich werden. Franziska Frei Gerlach lässt sich in die letztere Gruppierung einordnen.

Wie die Autorin selbst schreibt: "Insbesondere vermögen feministische Konzeptualisierungen jene literarischen Verfahren und Strategien in den Stand der Lesbarkeit zu erheben, die gemäß phallogozentrischer Tradition der Schrift nur als verrückt beschrieben werden können". Damit vertritt Frei Gerlach in ihrem Buch die These, dass die Schriften von Marlen Haushofer, Ingeborg Bachmann und Anne Duden nur im Zusammenhang mit feministischen Schriften verstanden werden können. Daher teilt sich das Buch "Schrift und Geschlecht", wie der Titel bereits ahnen lässt, in zwei Fronten: Theorie und Literatur. Die Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung, sowie die Definition des Feminismus bilden die ersten Kapitel. Allerdings kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Kapitelchen nur der Form halber dastehen. Da sie einerseits für eine fundierte Einführung in diesen Themenkomplex zu kurz sind und andererseits Inhalte präsentieren, die man bereits bei einer Leserschaft, die sich mit diesem Thema beschäftigt, voraussetzen könnte. Des Weiteren beschäftigt sich Frei Gerlach mit den theoretischen Ansätzen von Hélène Cixous, Luce Irigaray, Julia Kristeva und Judith Butler. Hier werden zentrale Thesen der benannten Autorinnen diskutiert, die im zweiten Teil wieder aufgenommen werden.

Insgesamt ist der Text sehr dicht und anspruchsvoll zu lesen, dies gilt für den Theorie- sowie für den Literaturteil. Das Themenfeld, dies wird auch von der Autorin selbst zugestanden, ist sehr weit gefasst. Ausgehend von dem feministisch-theoretischen Hintergrund, dass es sich bei der Zuordnung der Geschlechter um ein gesellschaftliches Konstrukt handelt, möchte Gerlach anhand der literarischen Texte fragen, wie es zu diesen Konstrukten überhaupt kommt. Weiterführende Fragen ergeben sich aus diesem Zusammenhang, beispielsweise welche Umstände dafür notwendig sind, dass sich solche Konstrukte überhaupt behaupten können. Eine ganz besonderer Betonung erfährt die Frage nach dem "doppelten Ort der Weiblichkeit". So deutlich die Fragestellung benannt wurde, so schwierig fallen die entsprechenden Antworten aus. Das Problem liegt in der Schreibdichte, inhaltlich wie stilistisch, die es manchmal unnötig erschwert, den roten Faden in der Argumentation sinnvoll nachvollziehen zu können.

Auf der weiblichen Schreibweise von Haushofer, Bachmann und Duden liegt immer wieder der Fokus. Dabei kommt die Literaturwissenschaftlerin teilweise zu sehr interessanten Abhandlungen. Im Zusammenhang mit Ingeborg Bachmann kann man eine sehr aufschlussreiche Untersuchung zum Begriff des "Opfers" lesen. Ein Begriff, der in sehr vielen wissenschaftlichen Arbeiten, speziell in Bezug auf Bachmann, Verwendung findet; allerdings wird sich selten die Mühe gemacht, diesen Begriff einer genaueren Klärung zu unterziehen. In solchen Fällen arbeitet Frei Gerlach vorbildlich und es ist ihr nicht zu umständlich, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Weniger von Vorteil ist der Umstand, dass phasenweise zuviel vergleichende Theorie angeführt wird. Um es deutlicher auszudrücken: eine Betrachtung dazu anzustellen, inwiefern Irigaray Einfluss auf Butler hatte, um dann die Radikalität von Butler fest- und wieder in Frage zu stellen, kann zu einem sehr mühsamen Unterfangen werden, wobei die Literatur zu kurz kommt. Aber für alle, die ein Faible für komplexe und theorielastige Texte haben, ist dies sicherlich eine angemessene Lektüre.

Es ist prinzipiell nicht von Nachteil, wenn man einen Text unter dem Gesichtspunkt einer Theorie zu lesen vermag, allerdings wird es problematisch, wenn die Theorie so ausschließlich im Vordergrund steht. So schreibt Gerlach: "Im allgemeinen ging es mir bei der Zusammenführung von Theorie und Literatur darum, die Etablierung feministischer Lektüren weiter voranzutreiben".

Eine solche Gewichtung kann zwar die Erkenntnisse im literarischen Feld vertiefen, als Einzelinterpretation aber kann sie dem Vorwurf mangelnder Differenzierung nicht entgehen.

Titelbild

Franziska Frei Gerlach: Schrift und Geschlecht.
Erich Schmidt Verlag, Berlin 1998.
448 Seiten, 45,50 EUR.
ISBN-10: 3503037934

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