Hitler in mir selbst

Peter Roos' Triptychon der Vergangenheitsbewältigung "Hitler lieben"

Von Marcel AtzeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Atze

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Außerordentlich wird Hitler, wenn ich an ihn denke. Wenn ich mir die Tatsachen, die mit ihm verbunden sind, aus dem Gedächtnis, wo sie sicher und still und selbstverständlich lagern, ins Bewußtsein heraufrufe. Jetzt ist er mir fremd, ungeheuerlich, nicht zu verstehen. Ich wehre ihn ab, ich möchte nichts mit ihm zu tun haben. Trotzdem bleibt er mir nah."

Was sich wie ein Zeugnis einer seelischen Abwehrtaktik liest oder wie ein weiterer Beitrag zur aktuellen Diskussion zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis aussieht, ist in Wahrheit ein Zitat aus einem Buch, das in Konzeption und Inhalt ein großes Wagnis eingeht. Peter Roos' Beitrag hebt sich aus der Flut von Romanen, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigen, besonders dadurch hervor, daß das Epizentrum der Erschütterungen, Adolf Hitler persönlich, im Mittelpunkt der Betrachtung steht. Daß Hitler in dem dreiteiligen Roman dabei jeweils mit anderen Figuren kombiniert wird, scheint mir eine besondere Stärke des Buches zu sein.

"Es bleibt aber eine wichtige Aufgabe", schrieben Alexander und Margarete Mitscherlich in "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967), "jene Motive herauszufinden, die zur Zeit Hitlers die Menschen sich ihm so grenzenlos gläubig anvertrauen ließen, was sie dann auch über die Grenzen des Verantwortbaren hinaustrug. Auch dieser Zustand der Exaltation, die Erinnerung an die Verliebtheit in den Führer, muß in der Wiederbegegnung Scham erwecken."

Dieser Aufgabe stellt sich Peter Roos in seinem Roman "Hitler lieben". Im ersten Teil seines Triptychons der Vergangenheitsbewältigung geht es um Hermann Gradl (1883-1964), einen Landschaftsmaler, "der in Hitlers Gnaden stand". Roos bildet aus beiden ein bemerkenswertes Dioskurenpaar, zunächst mittels ihrer biographischen Gemeinsamkeiten: "Hitler und Gradl - beide in die Großstadt gekommen, beide waren sie Schulversager, beide wollten Künstler werden, Maler. Beide gedemütigte Amateurmaler, beide hatten die Aufnahmeprüfung einer Akademie der bildenden Künste nicht bestanden: Hitler war gleich zweimal durchgefallen." In einem Dioskurenpaar, so Lévi-Strauss, werden Merkmale wechselseitig übertragen, die zwar grundsätzlich fest mit den einzelnen historischen Personen zusammenhängen, so aber verborgen und abstrakt scheinende Korrelationen freilegen: "Gradl ist ohne Hitler nicht denkbar. Gradl trägt Hitler, Hitler wird durch Gradl transportiert. Gradl ist nur eine Folie, nur eine lichte Leinwand, durch die Hitler durchscheint." Hitler wurde der 'Große Diktator', der sein Architektentalent als Teilzeitkünstler auslebte. Gradl mutierte durch Hitlers Förderung zum Teilzeitdiktator, der in künstlerischen Angelegenheiten nach dem Führerprinzip wirkte. Und obwohl Gradls Idyllen und Hitlers Monumentalarchitektur unvereinbar scheinen, liegt in ihrer komplementären Ergänzung die versteckte Beziehung: "Am eindrucksvollsten erweist sich diese Einsicht dort", schreibt der exilierte Literaturwissenschaftler Egon Schwarz im Nachwort, "wo die Mikromanie des Kunstgehabes als Pendant der staatlichen Megalomanie entlarvt wird, wo die brutale Außenseite sich als die bloße Rinde einer zarten Innerlichkeit ausgibt." Gradl dient als Exempel für den "Mitläufer-Mythos", wie ihn Roos nennt. "Ich hatte das unverdiente Glück", kann man in einem Gradl-Brief von 1937 nachlesen, "die höchste Anerkennung, die sich ein deutscher Mann denken und erhoffen kann, zu erleben: Vom Führer empfangen zu werden, einige Stunden neben dem Führer verleben zu dürfen." Auch nach 1945 profitierten Gradl und die Preise seiner Gemälde noch vom Hitler-Bonus - die Verehrung Hitlers hielt auch als Liebe in den Zeiten des Nachkriegs an.

Die Figur Gradl stammt wie der Autor aus dem fränkischen Marktheidenfeld, was Roos (Jg. 1950) dazu veranlaßt, auch die Hitlerliebe in der eigenen Familie genauer zu untersuchen. Die Familie wird als der Ort ausgemacht, an dem zum ersten Mal der Name Hitler gefallen ist und sein Gesicht in alten Zigarettenalben wahrgenommen wurde. Name und Gesicht: Beides ist Ausdruck des Hitler-Mythos, der einstigen kultischen Verehrung. Zudem ist ein Holz-Hitler Spielkamerad des Erzählers. Der Familienaspekt, der Hitler-Mythos als unvermeidbarer Teil der intimsten Bindungen, ist ein wichtiger Subtext, der alle Flügel des Triptychons durchzieht: "Hitler war vor mir da. Er gehörte zur Familie. Er hat auf meine Geburt gewartet, er war bei meiner Taufe dabei, er hat zugesehen, wie ich gewickelt und gewogen wurde. Hitler ist mein Großvater, Hitler ist der Vater meines Vaters. Ich bin Hitlers Enkel."

Fragen über Fragen: "Hat Vater jemals über das Idol seiner Jugend gesprochen? Nichts. Keine Erinnerung. Ihm hatte er sein Leben übereignet. Nichts weniger." Die Beschäftigung mit der tabuisierten NS-Geschichte der Familie führt zur Entdeckung einer Krankheit, eines Hitler-Virus. Es ist eine Infizierung, die Hitler am Leben erhält: "Jetzt erst bemerke ich, wie er mich quält; jetzt erst bemerke ich, daß ich mich quälen lasse. Er hat sich in mich hineingefressen, er hat sich in mir festgesetzt. Er tritt aus dem Nachtblau meiner Träume, kniet auf meiner Kehle. Ich lasse es zu." Der Erzähler nennt sich "Hitlerkrank", er entdeckt den Hitler in sich selbst und sieht keine Chance einer Heilung. Mit der resignativen Aufzeichnung "Vater schwieg, Mutter stumm. Hitler. Ich" schließt der erste, weitaus umfangreichste Teil.

Das zweite Bild reißt mit Ilse Sonja Totzke eines der vielen namenlosen Opfer Hitlers aus der Anonymität. "Denn sogar das noch tut die Geschichte den Opfern an", bemerkt Rolf Hochhuth in seiner historischen Studie "Tell gegen Hitler" (1992), "daß sie auf Kosten dieser Opfer die Namen ihrer Mörder um so sicherer in die Zukunft trägt, um so weiterreichend auch, je mehr die zur Strecke brachten. Haben sie endlich ´Liquidierte` nach Millionen zu ´verzeichnen`, so sind die - die Opfer - nur noch als Nullen überhaupt ´sichtbar`; ihre Mörder dagegen werden biographisch um so gründlicher tradiert, je mehr sie ermordeten." Peter Roos arbeitet dem entgegen. Er betätigt sich als Dokumentarist, als Quelle dient ihm eine von nahezu 19.000 Akten der Würzburger Gestapo: "Es ist die schönste und grausamste Akte des Archivs." Eine interessante Koinzidenz: An diesem Aktenbestand arbeitete zwischen 1958 und 1973 mit H. G. Adler - ein Überlebender des Holocaust - bereits ein anderer Romanautor, um die darin enthaltenen Informationen zur Deportation auszuwerten und in dem noch heute unersetzlichen historischen Standardwerk "Der verwaltete Mensch" (1974) darzustellen. Wie Adler in seiner Studie, so verhilft Roos der Ilse Sonja Totzke, die 1943 bei einem Fluchtversuch in die Schweiz festgenommen wurde, durch akribische Auswertung aller in dieser Akte zu findenden Einzelheiten zum literarischen Überleben. Die junge lesbische Frau liest indizierte Bücher, ist mutig und auch in den Verhören der Gestapo nicht unterzukriegen: "So eine Mutter, von so einer Mutter hatte ich immer geträumt." Der Erzähler sucht entlang der Lebensgeschichte dieser Unbekannten nach seinem Platz, kommt immer wieder auf seine Eltern zu sprechen, auch auf den Vater: "Mein Vater hat gesagt, wenn ich nicht endlich Schluß machte mit diesem Thema in seinem Haus, wenn nicht endlich Schluß sei mit der Vergangenheit, dann werde er mir zeigen, wie man mit mir umgegangen wäre im KZ." Dort, in Ravensbrück, ist Ilse Sonja Totzke wohl ums Leben gekommen. Sie ist Roos' Gegenpol zu Gradl, ja wird sogar zum Wunschelternteil.

Zum unfreiwilligen Wunschkind wird der Erzähler im letzten Stück der Trilogie: "Für meinen Mann wärst Du ein Enkel, für mich bist Du ein Sohn." Diese Worte spricht keine geringere als Eva Braun im Nürnberg des Jahres 1995, die Roos im Rahmen einer What-if-novel auferstehen läßt: Hitler hatte diese Eva Braun nach ihrer Hochzeit aus dem eingeschlossenen Berlin noch rechtzeitig ausfliegen lassen.

Roos installiert seinen Erzähler gewissermaßen als den Eckermann der Frau Hitlers. Das Interview mit der Braun ist der gewagteste Teil des Buches, der Gefahr läuft, bei manchem Leser wohl auf Ablehnung zu stoßen. Dennoch ist er meiner Ansicht nach unerläßlich für Roos' Plan, die Liebe zu Hitler in allen ihren Facetten darzustellen. Denn im Gegensatz zu Gradl oder den Eltern des Erzählers liebte Eva Braun nicht ein mythisiertes Konstrukt, sondern den Menschen Hitler: "Was eigentlich ist pervers daran, einen Massenmörder zu lieben? Er war ein Mensch." Sie ist die einzige, die das "schwarze Loch des Privatmanns Hitler", so Ian Kershaw in seiner neuen Biographie, erhellen könnte. Folgerichtig wird die überlebende Eva Braun von Roos als Gewährsfrau eingesetzt, als inoffizielle Informantin für den privaten Hitler, als einzig mögliche Augenzeugin für einen zu sexualisierenden Hitler. Der Führer als Sexfreak ist das Ergebnis, man liest von Hitlers "Suppensexualität", man hört von ihm als "Meister der Telefononanie", von seiner verzweifelten Suche nach ihrer Klitoris und vielem anderen mehr. Doch das ergibt Sinn, wenn man sich davor hütet, die Sexphantasien Hitlers als realistischen Rekonstruktionsversuch der Libido Hitlers zu lesen. Ein Satz der fiktiven Eva Braun steht für Roos' Programm: "Der totale Ausverkauf und: die intimen Geheimnisse preisgegeben, offenlegen, einsichtig machen, sichtbar werden lassen und dem Dämonischen entreißen." Hans Blumenberg nennt dies in anderen Worten: den Mythos zu Ende bringen.

Der Autor spricht durch seine Figur, denn Roos' fiktive Eva Braun behauptet von sich, der "wahnsinnigste Stoff" zu sein, den er für seine Zwecke ausnutzen solle: "Vielleicht kannst Du Dich über mich ihm annähern?" Das gealterte Fräulein Braun ist als Metapher zu verstehen, jedoch nicht nur für den spekulativen Umgang mit dem Intimleben Hitlers in der Psychohistorie und in den Verzerrungen, welche die nach 1945 publizierten Memoiren seiner ehemaligen Satrapen kennzeichnen. Sie repräsentiert darüber hinaus als Kunstfigur die "Quintessenz bestimmter Strömungen in der Bundesrepublik" (Egon Schwarz); sie hatte Hitler im Bunker mit den Worten angefleht, die - so scheint es bisweilen - für ganz Deutschland gelten: "Gib mich frei".

Titelbild

Peter Roos: Hitler lieben. Roman einer Krankheit.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 1998.
382 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3931402347

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch