Autor und Sekretär, Verehrer und Gegner

Ernst Jünger in einer Festschrift und in einer Streitschrift

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Bücher zu Ernst Jünger sind zu annoncieren, deren Autoren bzw. Beiträger zu Beginn schon wissen, wie am Ende das Ergebnis lauten muss: "Kritische Verehrung" für Ernst Jünger bewegt den einen, äußerste Distanz zu Jüngers Werk den anderen.

Bruno W. Reimann geht es in seiner Studie zu Jüngers politischer Publizistik der 20er und 30er Jahre darum, dem Autor ein "manifestes Verhältnis" zum Nationalsozialismus nachzuweisen. Die Frühschriften, die politischen Zeitschriften- und Zeitungsartikel ebenso wie die Buchpublikationen der Zeit seien "Kampfschriften" mit appellativem Gestus. Jünger habe damals die Rolle eines Präzeptors angestrebt, der die Philosophie der "rechten, völkischen Revolution" formulieren wollte. Reimann möchte einen "im Kern" faschistischen Ästhetizisten entlarven, einen "Liebhaber der Musen" und zugleich "Vorbereiter des politischen Mords am Schreibtisch".

Der Verfasser kann die Notwendigkeit einer kritischen Revision unseres Jünger-Bildes deutlich machen. Jetzt, wo bei Klett-Cotta Jüngers "Kampfschriften" vorliegen, lässt sich auch seine Arbeit einer kritischen Würdigung unterziehen.

Tobias Wimbauer hat die Neuausgabe der ersten Festschrift zu Jüngers Ehren besorgt, die ursprünglich 1955 im Zürcher Arche Verlag erschienen ist und von Jüngers damaligem Sekretär Armin Mohler verantwortet wurde. "Die Schleife. Dokumente zum Weg von Ernst Jünger" war seit langem vergriffen und auf dem Antiquariatsmarkt ein echtes Desiderat. Die Festschrift zum 60. Geburtstag Jüngers hatte damals die Funktion, Vergriffenes in einer Art Blütenlese zugänglich zu machen, eine Biographie am Leitfaden des Œuvres zu skizzieren und diese mit Zeugnissen zur Autorschaft anzureichern. Mohler stellte für diesen Zweck Fotos, Briefe, Briefzitate, Entwürfe und Fassungen aus den Tagebüchern und dem "Abenteuerlichen Herzen" zusammen, befragte Freunde und Verwandte des Autors und konzipierte kleinere Einleitungs- und Überleitungstexte sowie einen idealtypischen Tagesablauf. Dieser noch heute lesenswerte, mit ironischer Distanz verfasste Essay hat viel zu Jüngers Nimbus beigetragen. Über das weitere, nicht immer ungetrübte Verhältnis von Autor und Sekretär informiert Tobias Wimbauers Nachwort zur Neuausgabe.

Diese Neuausgabe (nicht "Neuauflage", wie Verleger Götz Kubitschek in seiner Vorbemerkung schreibt) präsentiert "Die Schleife" in weitgehend unveränderter Form und vergibt damit eine große Chance: das Buch durch eine behutsame Kommentierung und den Nachweis der Zitate heutigen Standards anzupassen. Mohlers Festschrift war das Werk eines Eingeweihten für Eingeweihte. Heute jedoch, wo Jüngers Werk, abgesehen von den Briefwechseln, gut erschlossen und lieferbar vorliegt, wäre es notwendig, den Inner Circle aufzubrechen und für die offenbar wachsende Jünger-Gemeinde die Quellen nachzuweisen. Auch Mohlers Überleitungstexte erfordern Kommentierung: Wer zum Beispiel hat jene Hymne auf Jüngers "Der Arbeiter" (1932) geschrieben, die Mohler hier raumgreifend abdruckt? Der Sekretarius stellt den geheimnisvollen Urheber dieses Briefes als führenden Kopf der national-revolutionären Kräfte um Jünger vor, nennt aber nicht seinen Namen. Und wie lautet die Anmerkung auf Seite 55 der Erstausgabe des "Arbeiters", auf die sich der Briefschreiber bezieht? Und welches waren nochmal die Einwände, die Ludendorff gegen Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle vorzubringen hatte? Diese und weitere Fragen wären mit etwas Quellenstudium leicht zu beantworten. Der Verlag startet mit "Die Schleife" eine auf drei Bände angelegte Armin-Mohler-Werkausgabe. Auch für Band 2 ("Der Streifzug") und Band 3 ("Das Gespräch") dieser Edition sind zahlreiche Bezüge zu Ernst Jünger annonciert.

L. H.

Titelbild

Bruno W. Reimann: "... die Feder durch das Schwert ersetzen...". Ernst Jüngers politische Publizistik 1923 - 1933.
Übersetzt aus dem ## von ##.
BdWi-Verlag beim Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen u. Wissenschaftler e.V., Marburg 2001.
256 Seiten, 18,40 EUR.
ISBN-10: 3924684901

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Armin Mohler: Die Schleife. Dokumente zum Weg von Ernst Jünger. Mit einem Nachwort von Tobias Wimbauer.
Edition Antaios, Bad Vilbel 2001.
176 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3935063156

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch