Draußen vor der Tür

Ein Sammelband widmet sich der "germanistischen Erkundung" der Schwellenmetapher

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im zweiten Band seiner "Philosophie der symbolischen Formen" verweist Ernst Cassirer auf einen Zentraltopos der Moderne, an dem er mythische Qualitäten wahrnimmt. Der Schwelle, von der bei Cassirer die Rede ist, kommt als Grenze und Übergangsbereich, als Gestalt des Zwischen im Rahmen einer mythischen Topographie eine herausragende Bedeutung in der Moderne zu: "Ein eigenes mythisch-religiöses Urgefühl knüpft sich an die Tatsache der räumlichen 'Schwelle'. Geheimnisvolle Bräuche sind es, in denen sich, fast allenthalben in gleichartiger oder ähnlicher Weise, die Verehrung der Schwelle und die Scheu vor ihrer Heiligkeit ausspricht. Noch bei den Römern erscheint Terminus als ein eigener Gott und am Fest der Terminalien war es der Grenzstein selbst, den man verehrte, indem man ihn bekränzte und mit dem Blut eines Opfertiers besprengte. Aus der Verehrung der Tempelschwelle, die den Raum des Gotteshauses gegen die profane Welt draußen absondert, scheint sich, in ganz verschiedenen Lebens- und Kulturkreisen, übereinstimmend der Begriff des Eigentums, als ein religiös-rechtlicher Grundbegriff, entwickelt zu haben. Die Heiligkeit der Schwelle ist es, die, wie sie ursprünglich die Behausung des Gottes schützt, dann auch in der Form der Land- und Feldgemarkung das Land, das Haus vor jedem feindlichen Übergriff oder Angriff bewahrt."

Die Bedeutung der Schwellenmetapher für die Literatur- und Kulturtheorie der ästhetischen Moderne begegnet vor allem in den späten Schriften Walter Benjamins, die sich in toto als "Schwellenkunde" lesen ließen. Benjamin selbst hat diese Spur deutlich und mehr als einmal gelegt. Im "Surrealismus"-Aufsatz etwa geht es um die - von Breton und Aragon 'ausgetretene' - "Schwelle, die zwischen Wachen und Schlaf ist". Als "Wahrzeichen der Welt, die Proust malt", gilt Benjamin "die Passage" - und damit wiederum ein Kosmos der Schwellen und Übergangsriten. Auch die Lektüre ist für Benjamin ein Schwellenhandeln: als Leser, so Benjamin, sind wir bei Proust "Gäste, die unterm schwankenden Schild eine Schwelle betreten, hinter der uns die Ewigkeit und der Rausch erwarten". Nicht weniger steht Benjamins Kafka-Deutung im Zeichen dieser "Schwellenkunde". Nicht nur Odysseus wird "an der Schwelle, die Mythos und Märchen trennt", verortet, auch der Türhüter etwa ist eine solche Gestalt, die mit allen mythischen Sanktionen den Respekt für die Schwelle einfordert. Immer wieder steht dabei die Zweideutigkeit der Schwelle als Zwischenbereich im Vordergrund des Interesses, indem entweder die Unüberschreitbarkeit oder, gerade umgekehrt, das unmythische und quasi heimatlose Passieren der Schwellen ohne eigene Verankerung in festen Bereichen thematisiert wird.

Vor allem aber sind es die Schwellen und "Rites de passages" im modernen Großstadtleben, die Benjamins Interesse im Umkreis des "Passagen"-Projektes wecken. Fast alle dargestellten Orte, Personen, Handlungen, Gefühle, Träume, sogar die Form der Erinnerungshandlung selbst, beziehen in der "Berliner Chronik" und später dann in der "Berliner Kindheit um neunzehnhundert" ihre 'Substanz', ja ihr Dasein "aus dem Erfahrungskreise der Schwelle", aus einem mythischen "Schwellenzauber". Als "Orte", die eine besondere "Kraft an sich haben", privilegiert Benjamin ausdrücklich "vor allem die Schwellen, die geheimnisvoll zwischen Bezirken der Stadt sich erheben" und die ihr Supplement in den Schwellen zwischen dem städtischen Leben und der Wohnung finden. Überall sind es Türen, Tore, Kästen, Treppenhäuser, an denen sich die Erfahrung des Kindes festsaugt und in der Folge bereits zeigt, was 'hinter ihnen' liegt.

Nicht nur die "Schwelle" des eigenen Zimmers oder der elterlichen Wohnung, auch die mythologische Aufladung anderer Erfahrungsräume steht unter dem Gesetz des Schwellenzaubers. Deutlich verschränken sich dabei mythologische und erotische Schwellenmetaphern. Fast alle Darstellungen 'erwachender' Sexualität, die bei Benjamin durchweg an den (verbotenen) Blick auf Huren und pornographische Schriften gebunden sind, sind im Zeichen psychosozialer Schwellen-Mythologie zu lesen. In der "Berliner Chronik" ist die subjektgenetische Topographie deutlich an das Motiv der Hure als Schwellenhüterin gebunden: "Kein Zweifel jedenfalls, daß ein Gefühl, die Schwelle der eignen Klasse nun zum erstenmal zu überschreiten an der fast beispiellosen Faszination, auf offener Straße eine Hure anzusprechen, Anteil hatte. Stets aber war am Anfang dieses Überschreiten einer sozialen Schwelle auch das einer topographischen, dergestalt, daß ganze Straßenzüge so im Zeichen der Prostitution entdeckt wurden. Unter dem Motto "Rites de passage" gibt es im "Passagen"-Projekt eine weiterführende Stelle, in der es um den Ort der Huren in der Topographie des Erwachens, als eine der wenigen noch möglichen Schwellenerfahrungen in der Moderne, geht: "Und schließlich wogt wie der Gestaltenwandel des Traums über Schwellen auch das Auf und Nieder der Unterhaltung und der Geschlechterwandel der Liebe. 'Qu'il plâit à l'homme', sagt Aragon, 'de se tenir sur le pas des portes de l'imagination!'"

Schließlich deutet Benjamin auch die Reduktion des dreidimensionalen Raums auf die Fläche, wie sie im Akt des Schreibens vollzogen wird, als Schwellenhandlung: "Die schreibende Hand hängt im Gerüst der Linien wie ein Athlet im schwindelnden Gestänge der Arena [...] Beachte die Hand, wie sie auf dem Blatt die Stelle sucht wo sie ansetzen will. Schwelle vor dem Reich der Schrift. Die Hand des Kindes geht beim Schreiben auf die Reise. Eine lange Reise, mit Stationen, wo sie übernachtet. Der Buchstabe zerfällt in Stationen. Angst und Lähmung der Hand, Abschiedsweh von der gewohnten Landschaft des Raumes: denn von nun an darf sie sich nur in der Fläche bewegen." Die wenigen Beispiele mögen die kardinale Bedeutung des Motivs der Schwellen und der Übergangsriten für Benjamin verdeutlichen. Gleichzeitig lässt die Verortung dieser Metapher in der Kultur- und Literaturtheorie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erkennen, dass es sich hierbei gleichzeitig um eine der prototypischen Denkfiguren der ästhetischen Moderne handelt. Einer "germanistischen Erkundung" des Motivs der Schwelle hat sich auch ein hier anzuzeigender Sammelband verschrieben, der gleichzeitig am Leitfaden dieser "Zentralmetapher die heute nur noch verschwommen wahrnehmbaren Grenzen der Disziplin nach innen und außen tastend erkunden" will. Die einzelnen Beiträge situieren sich im Zusammenhang mit der von Wilfried Barner 1997 im "Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft" angeregten Grundsatzdebatte, in deren Zentrum die Frage steht, ob die Aufgabe der Germanistik in dezentrierend-grenzöffnender Absicht neu bestimmt werden und/oder ob sie in einer allgemeinen Kulturwissenschaft verschwinden soll. Die katalytische Frage, ob der "Literaturwissenschaft ihr Gegenstand abhanden" komme, ist zwischen den Zeilen auch in diesem Sammelband stets präsent.

Programmatisch heißt es in der Einleitung von Nicholas Saul und Frank Möbus, dass "einzig der Schwellenbegriff als ästhetisches Konstituens von Wissen" es ermögliche, "solche ephemeren, paradoxen und doch reellen Zustände auf verschiedenen Territorien der Erkenntnis verstehend zu erfassen. Als Metapher der Transzendenz und Identitätsstiftung schlechthin darf die Schwelle den Sonderstatus einer Metapher der Metapher beanspruchen, indem sie vermittelnde Bezüge zwischen Gebieten schafft". Nicht zuletzt daher erscheint sie den Herausgebern als eine "intellektuelle Signatur" und als "Zentraltropus der Postmoderne, die im Namen des Pluralismus so viele überkommene Konstrukte der Identität - von gender und Kultur bis hin zur Beschreibung der Lichtwellen - gerne in Zweifel zieht." Mit Rekurs auf die relevanten Arbeiten Arnold van Genneps, Victor Turners, Jacques Derridas, Michel Foucaults, Gérard Genettes, Edward Saids und Homi K. Bhabas wird die Aufmerksamkeit für die kognitiven Leistungen der Schwellenmetapher in der Kulturanthropologie und der Literaturwissenschaft eingehend geprüft. Mit Recht wird darauf verwiesen, dass vor allem Genettes Konzept der palimpsesthaften Intertextualität scheinbar hermetischer Texte und seine Funktionsbestimmungen der schwellenhaften Paratexte gerade für den literaturtheoretischen Umgang mit der Schwellenmetapher von entscheidender Bedeutung sind. Auch Saids Analyse des Phänomens eines "kulturellen Orientalismus" als identitätsstiftende Grenzziehung der okzidentalen Mentalität führt zu einer diskursiven Annäherung an das Motiv der Schwelle.

Die einzelnen Beiträge des Bandes wurden von den Herausgebern in vier Hauptsektionen eingeordnet. Die erste Sektion "Schwelle als Metapher und Ritual in der Literatur" beschäftigt sich mit dem "binnenliterarische[n] Erkenntnismodell der Metapher". Beschrieben werden problematische Grenzgänge im Dickicht der Texte bei Goethe, Eduard von Keyserling, Robert Müller, Brecht, Kafka, Celan und Grass. Dabei erscheint die Schwelle als tertium comparationis für die Literatur der Moderne schlechthin (Rüdiger Görner), als "Übergangsort von sinnlichen in psychische Erfahrungswelten" (Frank Möbus) und im Rahmen der Celanschen Übersetzungstheorie (Katharina Hagena). In der zweiten Sektion "Schwellen in der Literaturgeschichtsschreibung und im Literatursystem" widmen sich die BeiträgerInnen dem Erkenntniswert der Schwellenmetapher für das Problemfeld "literaturwissenschaftlicher Makroordnungen", wobei es primär um die innertextuellen Kriterien für die Abgrenzung einzelner Epochen in der Literaturgeschichtsschreibung geht. In der dritten Sektion "Schwellen und gender" begibt sich Laura Martin auf die Spuren eines männlichen Erzählers, der die Innendimensionen des Weiblichen aufzeigen will und Bozena Choluj analysiert die Darstellung sowohl des männlichen als auch des weiblichen Körpers in jüngeren Texten von Männern und Frauen. Das vorrangige Untersuchungsfeld bilden dabei 'Männlichkeit' und 'Weiblichkeit' als historisch-kulturelle Bedeutungsmuster, mit denen soziale Systeme, Handlungsmodelle, kulturelle Zeichenordnungen und Subjekte markiert werden. Erfreulicher Weise wird auch dem jüngeren Trend in den Literaturwissenschaften Rechnung getragen, nach dem die Konstruktion der Geschlechterdifferenz nicht mehr ausschließlich mit dem Geschlecht der Autoren oder mit geschlechtstypischen literarischen Themen verknüpft wird, sondern als Movens narrativer Verfahren und literarischer Zeichensysteme verstanden wird, die an der (Re-)Konstruktion geschlechtlich vermittelter Differenzen beteiligt sind. Schließlich geht es in der letzten Sektion um "Schwellen und die Einheit der Disziplinen", wo die Schwellenmetapher als Brücke zwischen den Medien und den Einzeldisziplinen in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt.

Deutlich setzen sich die Herausgeber von dem jüngst erschienenen, von Aleida und Jan Assmann herausgegebenen fünften Band der Reihe "Archäologie der literarischen Moderne" ab, der dem Verhältnis von "Schleier" und "Schwelle" gewidmet ist (vgl.http://www.literaturkritik.de/2000-01-52.html). Die Denkfigur der Schwelle erscheint dort, zusammen mit ihrer komplementären Gegenfigur des 'Schleiers', als doppeldeutige Stiftungsfigur von Kulturstrukturen. Gefragt wird nach der Funktion von Literatur im Kontext von Strukturveränderungen der sozialen und kulturellen Wissensvermittlung im Spannungsfeld Geheimnis-Öffentlichkeit, Geheimnis-Offenbarung und Geheimnis-Neugierde von der Antike bis zur Gegenwart. Dieser interdisziplinären Öffnung des Literaturbegriffs stehen Saul und Möbus ablehnend gegenüber, sprenge sie doch "die Grenzen der Germanistik in bewußt streuender Tendenz." Statt dessen sollen die aus dem Dubliner Kongress "Schwellen - Thresholds - Seuils" hervorgegangenen Aufsätze ein Selbstverständnis der germanistischen Disziplin befördern helfen und "auf ihre je eigenständige Weise, andererseits und gerade im Chor Beiträge zur Bildung neuer literaturwissenschaftlicher Erkenntnismodelle leisten". Gerade hierin liegt aber auch die Krux des Bandes: Die Vielstimmigkeit der Beiträge wird von den Herausgebern in ihrem Vorwort geradezu zurückgenommen, indem diese für den Dienst an der reformulierten "Einheit der Disziplin" zwangsverpflichtet werden. Damit stellt sich der Sammelband auch deutlich konträr zu einer Entwicklung der letzten Jahre, wonach die germanistische Literaturwissenschaft ihre disziplinäre Isolation endlich aufgegeben und sich der internationalen Entwicklung der Literaturwissenschaften angeschlossen hat, in der die Grenzen der Disziplinen zunehmend durchlässig(er) werden oder sich gar auflösen.

In der Terminologie Benjamins präsentiert sich der in diesem Sammelband intendierte Literaturwissenschaftler keineswegs als Schwellenüberschreiter. Statt dessen rückt die Unüberschreitbarkeit der Schwelle in den Vordergrund, und dem Schwellenkundigen ergeht es wie dem Mann vom Lande in Kafkas Prosaskizze "Vor dem Gesetz", dessen Gesuch um "Eintritt in das Gesetz" negativ beschieden wird und der bis zu seinem Tod vor dieser Schwelle ausharrt. Ob sich damit jedoch das erschütterte Selbstbewusstsein der Literaturwissenschaft kurieren lässt, bleibt stark zu bezweifeln. Kompromisspositionen oder Rückzugsgefechte stehen ihr und ihren Vertretern in jedem Fall schlecht zu Gesicht.

Die Schriften Walter Benjamins, die in dem von Saul, Möbus, Steuer und Illner herausgegebenen Sammelband bezeichnender Weise nur von marginaler Bedeutung sind, gewannen im Lichte der französischen Literaturtheorie eine neue Lesbarkeit, die mit einer identifizierenden Verortung in Traditionslinien und mit der wiederholten Klage über die dabei zu verzeichnenden Unvereinbarkeiten und Widersprüche mit den Disziplingrenzen bricht. Vor allem jene Theoreme, die im Feld vernunftkritischer Reflexionen zum Paradigma von Schrift und Lektüre, zur Konstitution des Subjekts unter dem Zeichen einer "Rückkehr zu Freud", entstanden sind, aber auch gegenwärtige kulturanthropolgische Paradigmen, wie die Geschlechterdifferenz und das kulturelle Gedächtnis, geben ein Beispiel für die Fruchtbarkeit interdisziplinärer und interkultureller Ansätze. Statt sich also nur über die verloren gehenden Gegenstände der Literaturwissenschaft Gedanken zu machen, sei der Blick auf eine wichtigere Gegen-Frage empfohlen: Was spricht eigentlich dafür, die gegenwärtig etablierten Fächer und Fächergrenzen in ihrer vielfach proklamierten Undurchlässigkeit beizubehalten?

Titelbild

Nicolas Saul / Daniel Steuer / Frank Möbus / Birgit Illner (Hg.): Schwellen. Germanistische Erkundungen einer Metapher.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 1999.
384 Seiten, 50,10 EUR.
ISBN-10: 3826015525

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