Vom Aufbrechen zusammengeknüllter Welten

Olga Tokarczuks Roman "Taghaus, Nachthaus" erzählt unzählige Geschichten

Von Sabine KlomfaßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sabine Klomfaß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wenn ich kein Mensch wäre, wäre ich ein Pilz. Ein gleichgültiger, gefühlloser Pilz mit kalter, glatter Haut, fest und zart zugleich. Ich würde auf umgestürzten Bäumen wachsen, düster und unheilvoll und immer in völliger Stille würde ich mit gespreizten Pilzfingern die letzten Reste Sonne aus ihnen saugen. Ich würde auf Abgestorbenem wachsen." An der Pilzmetaphorik (die schon in ihrem Roman "Ur und andere Zeiten" auffiel) ist die polnische Autorin Olga Tokarczuk sofort wiederzuerkennen. In einem Interview mit Kim Jastremski gibt Tokarczuk preis, dass "Ur und andere Zeiten" vor allem von Kindheitserinnerungen geprägt worden sei, während ihr jetziger Wohnort Nowa Ruda als wichtige Inspirationsquelle für ihren neuen Roman "Taghaus, Nachthaus" verstanden werden müsse. Hinter beiden Büchern steht also Autobiographisches, und im Gegensatz zu Autoren, die diese Gegebenheit eher bestreiten würden, meint Tokarczuk, dass ihre persönlichen Erfahrungen die eigentliche Stärke ihrer Romane sind.

"Taghaus, Nachthaus" erinnert auch hinsichtlich vieler anderer Aspekte an "Ur und andere Zeiten". Zuallererst ist es ebenso wunderbar zu lesen: die kleinen Kapitelchen strukturieren das Lesen, aber nicht das Gelesene. Auf der anderen Seite verführt diese Einteilung dazu, immer noch ein Stück mehr zu lesen, eins noch und noch eins. Das ist mit dem "Sog" gemeint, in den die Leser unweigerlich gezogen werden. Unzählige Geschichten verschiedener Zeiten und Räume sind so übereinander gelegt, dass es scheint, als würde man in mehreren Büchern gleichzeitig blättern. Im Unterschied zu "Ur und andere Zeiten" findet man jedoch durchgehend eine Ich-Erzählerin, die zum einen Teil des Geschehens ist, zum anderen selbst Geschichten erzählt, die sie überall gesammelt hat. Die bevorzugte Textsorte dieser Erzählerin ist der Traum: "Auf der ganzen Welt, überall, wo Menschen schlafen, brechen in ihren Köpfen kleine, zusammengeknüllte Welten auf, die wie Wildfleisch die Wirklichkeit überwuchern." Und dank der virtuellen Welten, sprich dem Internet, bietet sich ihr ein mannigfaltiges Angebot der Träume anderer, die dieses Medium benutzen, um von sich und ihren Phantasien zu erzählen.

Wie auch in "Ur und andere Zeiten" sind es vor allem die kleinen, mehr oder weniger philosophischen, aber auf jeden Fall irgendwie lyrischen Reflexionen, die den Leser zu fesseln vermögen. So fragt die Erzählerin zum Beispiel, wie die Welt aussieht, "wenn das Leben nur noch Sehnsucht ist? Sie sieht papieren aus, zerkrümelt zwischen den Fingern und zerfällt. Jede Bewegung betrachtet sich selbst, jeder Gedanke betrachtet sich selbst, jedes Gefühl fängt an und hört nicht auf, und zum Schluss wird der Gegenstand der Sehnsucht selbst papieren und unwirklich. Nur das Sehnen ist wahrhaftig und macht abhängig. Dort zu sein, wo man nicht ist, das zu haben, was man nicht besitzt, jemanden zu berühren, den es nicht gibt." Wie es bestimmte Farben und Töne gibt, die fast unmittelbar mit dem Wohlgefallen der Wahrnehmenden verbunden sind, erlangt die Autorin mit diesen auch sprachlich sehr gelungenen Gedankengängen die Gunst der Leser. Der Übersetzerin Esther Kinsky gebührt für ihre einfühlsame deutsche Fassung von "Taghaus, Nachthaus" ebenfalls Anerkennung.

Tokarczuks Roman spielt mit dem Chaos, als wäre er eine Hommage an die Unordnung der Gedanken. Darüber hinaus bleibt vieles fragmentarisch, nicht alle Geschichten werden aufgelöst oder kommen auf andere Weise zu einem Ende, wie dies in "Ur und andere Zeiten" der Fall war. Vielleicht will Tokarczuk ein neues Dogma prägen, ähnlich wie Lars von Trier dies mit seiner Filmkunst beabsichtigte. Doch erwächst daraus die Gefahr, auch dogmatisch zu wirken, und das nicht mehr in einem kreativen Sinne. Mehr als der Inhalt muss nämlich die Form originell, also radikal und immer neu sein, um Leser bei Laune zu halten. Andernfalls hat die 'intellektuelle Lust' des Lesens nichts, woran sie sich messen kann. Ohne Herausforderungen schleicht sich - durch die wiederholende Paraphrasierung des ewig Gleichen - Langeweile ein. Dessen ungeachtet mag an die Autorin hier noch nicht der Vorwurf der Redundanz ergehen, im Gegenteil. Aber ein vages Gefühl zwischen Ahnung und Argwohn macht sich schon vor dem Erscheinen des nächsten Romans von Tokarczuk bemerkbar. Damit ist die Furcht des Lesenden gemeint, das, was einst begeisterte, nur noch als schale Eintönigkeit zu empfinden und dem ehemals Lustvollen überdrüssig zu werden. Warten wir es ab.

Titelbild

Olga Tokarczuk, Olga Tokarczuk: Taghaus, Nachthaus. Roman.
Übersetzt aus dem Polnischen von Esther Kinsky.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2001.
320 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3421054134

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