Der letzte Sommer der Kindheit

Stephen King und das Leben in den Sechzigern

Von Pia WagnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Pia Wagner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Die meisten von uns sprechen heute nicht mehr über diese Jahre, nicht weil wir uns nicht an sie erinnern würden, sondern weil die Sprache, die wir damals gesprochen haben, verlorengegangen ist. Wenn ich versuche, über die sechziger Jahre zu sprechen - wenn ich auch nur versuche, an sie zu denken -, dann überkommen mich Schrecken und Heiterkeit." Trotz dieser Worte, die er dem Erzähler des zweiten Abschnitts in den Mund legt, wagt Stephen King sich an das Unmögliche heran, den Versuch, die Sechziger zu beschreiben, und schafft es sogar. Mit den einleitenden Worten "Ich hab euch all das erzählt, um euch dies zu erzählen", wird auf eindringliche Weise deutlich, wie viel Herzblut bei diesem schwierigen Unterfangen mit eingeflossen sein muss.

Der Sommer des Jahres 1960 bringt für den elfjährigen Bobby Garfield das Ende der Kindheit mit sich. Das ruhige beschauliche Leben mit seiner Mutter und seinen Freunden Carol und Sully wird durch das Auftauchen eines mysteriösen Fremden empfindlich gestört. Während seine Mutter ihre eigenen Wege geht und der Fremde Bobbys Freund und Lehrmeister wird, wachsen die Anzeichen für eine gefährliche Bedrohung. Bobbys Welt gerät immer weiter aus den Fugen, als er für Ted Ausschau nach Männern in gelben Mänteln hält, vor denen dieser offensichtlich auf der Flucht ist. Als sie Ted am Ende doch noch schnappen, endet für Bobby zugleich der letzte Sommer seiner Kindheit.

1966 Herzen in Atlantis. Herzen in Atlantis sind die Herzen von Studenten der University of Maine, die in jenem Jahr versuchen ihren Weg durchs College und durchs Leben zu finden, während sich das amerikanische Trauma in Form des Vietnamkrieges ankündigt und tiefgreifende Umwälzungen ihre Schatten vorauswerfen. Der Weg in die Adoleszenz verläuft alles andere als geradlinig und unbeschwert.

1983 Blind Willie. Die Tatsache, dass er als Kind Carol Gerber mit einem Baseballschläger geschlagen hat, und dass diese später in terroristische Aktivitäten verwickelt war, macht Willie Shearman mehr zu schaffen als seine Erinnerungen an den Krieg. Er führt als so eine Art Wiedergutmachung ein Doppelleben als blinder Bettler.

1999 Warum wir in Vietnam sind. Aus Bobby Garfields altem Freund Sully ist inzwischen ein erfolgreicher Gebrauchtwagenhändler geworden. Vietnam hat er zwar schwer verwundet und hoch dekoriert, aber eben nicht allein verlassen. Seit er Zeuge ihrer Ermordung wurde, verfolgt ihn eine alte Vietnamesin in Form einer Halluzination. Noch im Sterben verzeiht die alte mamasan ihm.

1999 Heavenly Shades Of Night Are Falling. Sullys Beerdigung bringt Bobby Garfield nach Harwich zurück. Dort begegnet er nach all den Jahren Carol wieder.

Was auf den ersten Blick wie eine zusammenhanglose Aneinanderreihung verschiedener Bruchstücke aussieht, bildet in Wahrheit ein zart geknüpftes Netzwerk, das sich zu einem komplexen Epos verdichtet. Und wenn sich am Ende der Kreis schließt, wenn Freundschaft und Menschlichkeit über Verzweiflung und Wut triumphieren, hat man das tief bewegende vielschichtige Portrait einer ganzen Generation und ihres Lebensgefühls gelesen.

Die Menschen in diesem Buch sind nicht auf der Suche nach dem mystischen Atlantis, wohl aber auf der Suche nach einer versunkenen Welt - nämlich ihrer eigenen. Den Figuren wurde buchstäblich der Boden unter den Füßen weggerissen und sie versuchen in einer aus den Fugen geratenen Welt Halt zu finden. Das Gefühl, etwas verloren zu haben, zieht sich als zentrales Motiv nicht nur durch dieses King-Buch. Der mühsame Weg durch die Untiefen und Tücken des Lebens in einer durch extreme gegensätzliche Strömungen zerrissenen Gesellschaft und in einer aufwühlenden Epoche amerikanischer Geschichte wird zu einer Suche nach sich selbst. Das Ende der Kindheit, das Erwachsenwerden und das Erwachsensein sind dabei die Kernpunkte, die Stephen Kings Protagonisten hier durchmachen müssen, bevor sie sich am Ende doch noch irgendwie mit ihrem Leben aussöhnen können.

Der versöhnliche Rückblick auf 40 Jahre amerikanische Geschichte und aufs Leben selbst ist bestimmt nicht sein persönliches Meisterwerk, aber bestimmt auch nicht sein schlechtestes Buch. Es ist ein vielschichtiger und überzeugender Roman, der einen bewegt und anrührt, teilweise aber auch etwas befremdet. Insgesamt erscheint das Buch als eine Art Aussöhnung mit der Vergangenheit, mit dem Erwachsensein und mit dem Leben im Allgemeinen. Ich denke, dass dieses Werk eines seiner persönlichsten ist. Dadurch, dass diese Auseinandersetzung mit den letzten 40 Jahren eine sehr persönliche Note hat, gelingt sie auch so überzeugend, man kann sowohl die großen Emotionen nachvollziehen als auch die leisen nostalgiegefärbten Töne. Und am Ende kann man mit einem leicht wehmütigen Lächeln sagen: "Ja, so ist es halt - das Leben."

Titelbild

Stephen King: Atlantis. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Peter Robert.
Wilhelm Heyne Verlag, München 1999.
590 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3453159926

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