"We´ll slide down the surface of things"

Bret Easton Ellis´ "Glamorama" als Hörbuch

Von Andreas BinrothRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Binroth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nachdem der 1964 in Kalifornien geborene Bret Easton Ellis mit seinem vor ziemlich genau zehn Jahren erschienenen Skandalroman "American Psycho" zu internationaler Bekanntheit gelangte, legte er nach längerer Schaffenspause 1999 sein neues Buch "Glamorama" vor, das nun - gelesen von Rufus Beck - vertont wurde. Von den einen heftig gescholten, von den anderen hoch gelobt, gibt es kaum jemanden, der Ellis neutral gegenüberstünde. Man ist entweder für oder wider ihn, eine Grauzone gibt es nicht, zu kontrovers sind seine Geschichten. Was Ellis so umstritten macht, sind vor allem die unnachahmlich detailfreudigen und an Perversion nicht zu überbietenden Schilderungen von Folter, Sex und Mord. Diese plakativen Schockeffekte sind aber nicht die eigentliche, die zentrale Thematik Bret Easton Ellis'. Mit seinem ersten Roman "Unter Null" (1985) beginnend, schuf sich Ellis sein ganz eigenes Metier: (erwachsene) Kinder schwerreicher Eltern, von ihrer Umgebung angeödet, die Wirklichkeit nur unter Einfluss von Drogen ertragend, nicht ihren Platz findend in einer vollkommen kalten Welt.

War es in "American Psycho" noch Wallstreet-Broker Patrick Bateman, der massenmordend und frauenschändend durch New Yorks Upperclass zog, so ist es jetzt Victor Ward, ein modelnder Nachtclubbesitzer und Hollywoodstar in spe, der sich in den elitären Zirkeln einer mondänen Großstadt-Schickeria bewegt. Sein Vater, ein US-Senator, der ins Weiße Haus strebt, seine Freundin(nen) ist (sind) Topmodel(s) und natürlich: drogensüchtig. Kaum ein Klischee, das hier nicht bedient wird: Victor ist jung, erfolgreich in Liebe und Beruf, gut aussehend und unglaublich oberflächlich. Doch plötzlich geht ihm das Geld aus, die Pläne zur Eröffnung seines eigenen Nachtclubs scheitern, die Frauen laufen ihm davon. Da kommt das Angebot eines mysteriösen Unbekannten gerade recht, für 300.000 Dollar nichts weiter tun zu müssen als nach London zu reisen und eine alte Freundin zurück in die Staaten zu bringen.

Ab der zweiten der insgesamt vier CDs - sie beginnt mit dem nun ständig wiederkehrenden Refrain "We'll slide down the surface of things" - wird die Handlung zunehmend nebulös. Victor, fortan auf Schritt und Tritt von einem Kamerateam begleitet, wird als Hauptdarsteller (s)eines (eigenen) Films inszeniert. Dabei bleibt bis zuletzt unklar, ob diese Filmcrew nur Ausgeburt Victors drogengeschwängerter Wahrnehmung oder tatsächlich existent ist. Ersteres ist jedoch wahrscheinlicher. Seine Fahrt auf dem Seeweg in die Alte Welt führt ihn zunächst - wie geplant - nach London, später - eher unfreiwillig - nach Paris. In die Fänge einer terroristischen Model-Bande geraten, die ein Bombenattentat nach dem anderen verübt, verliert Victor zusehends den Boden unter den Füßen. In ihm hat man den perfekten Mitläufer gefunden. Leichen und Konfetti pflastern ihren Weg. Auf seine Frage, warum denn gerade er ausgewählt worden sei, entgegnet Bobby, Kopf der Terror-Gruppe: "Weil du nichts vorhast im Leben [...]. Weil du keine Antworten hast [...]. Weil du meinst, der Gaza-Streifen ist ein geiles neues Tapetenmuster [...]. Weil du meinst, die PLO hat die Singles "Don't bring me down" und "Eagle Woman" aufgenommen". Präziser kann man es nicht ausdrücken.

Neben immer mehr sex, drugs and rock'n' roll schildert Bret Easton Ellis nun auch (endlich), worauf wir schon so lange haben warten müssen: exzessive Orgien von Gewalt. Allerdings nicht in der Fülle wie noch in "American Psycho", ist doch der 'Held' diesmal auch eher ein Weichei. Was dem Hörer von "Glamorama" - im Gegensatz zum Leser - außerdem weitestgehend erspart bleibt, ist das schier nicht enden wollende 'Runterrattern' von promigespickten Gästelisten. Ebenso wird der Hang zum Detail, insbesondere der Markenfetischismus, den Ellis so gern zelebriert, in einigermaßen erträglichen Grenzen gehalten. Es ist anzunehmen, dass hier an den richtigen Stellen gekürzt worden ist, schließlich wurde aus dem 679 Seiten starken Roman eine 'nur' 269 Minuten lange Hörfassung, die mit Rufus Beck auch ihre Idealbesetzung fand. Mal leise säuselnd, mal laut kreischend, mal flüsternd oder wütend durch die Zähne zischend und vor allem arrogant, trifft Beck (fast) immer den richtigen Ton. Von seltenen Unstimmigkeiten abgesehen macht er seine Sache äußerst souverän, was jedoch über dramaturgische Schwächen des Romans nicht hinwegtäuschen kann. Neben der immer abstruser werdenden Handlung will auch so etwas wie Spannung einfach nicht recht aufkommen. Eine Identifikation mit dem haltlos umherirrenden Victor oder einer anderen Figur findet nicht statt, was auch beabsichtigt sein mag. Jedoch drängt sich der Verdacht auf, nicht nur der Hörer, auch Ellis selbst gerät - getreu dem Motto des Refrains - auf der rutschigen Oberläche bzw. Oberflächlichkeit der Dinge ins Schlittern. Und so hinterlässt der auf dem CD-Cover angekündigte "Horrortrip durch die Glamourwelt von New York, London und Paris" nichts als die erhellende Erkenntnis, dass Bret Easton Ellis sich mal wieder an einer Satire auf die ach so harte und kalte Schickimicki-Welt versucht hat, was sicher den einen oder anderen RTL-Exclusiv-Zuschauer zu fesseln vermag. We'll slide down the surface of things.

Titelbild

Bret Easton Ellis: Glamorama. Gelesen von Rufus Beck.
Produziert und herausgegeben von Magrit Osterwold.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2001.
4 CDs, 269 Minuten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3453198522

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