Interkulturelle Anthropologie?

Ram A. Mall zum Primat der Natur über Mensch und Geschichte

Von Marc RölliRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marc Rölli

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Philosophie reagiert auf die Herausforderung, die die neuesten Entwicklungen der Biotechnologie für die Geisteswissenschaften darstellen, nicht nur mit zunehmendem "Interesse" an ethischen Fragestellungen, sondern auch mit einer Rückbesinnung auf die lange Zeit vernachlässigte Disziplin der Anthropologie. Angesichts der unaufhaltsam fortschreitenden "Naturalisierung" des Menschen wächst das philosophische Unbehagen, sich von den entsprechenden Natur- oder "Lebens"-Wissenschaften vorgeben zu lassen, was der Mensch sei. Wer an diesem Punkt eine anthropologische Position entwirft, geht daher in die Offensive: Das Schreckensbild der gentechnologischen Instrumentalisierung der menschlichen Natur provoziert die positive Neubestimmung derjenigen Seiten des Menschen, die sich einer Genkartierung sperren und die deshalb nicht (direkt) manipulierbar und (womöglich auf lange Sicht) vom Verschwinden bedroht sind. Die Utopie vom perfekt gemachten Übermenschen entspringt dem theologisch geprägten allzu menschlichen bzw. allzu männlichen Sehnen und Streben nach Erfüllung und Vollkommenheit in einer anderen Welt. Die historisch aufgeklärte Anthropologie kann darüber Auskunft geben.

Ram Adhar Mall, zur Zeit in München lehrender Phänomenologe indischer Herkunft, präsentiert einen philosophiehistorischen Abriss unterschiedlicher anthropologischer Entwürfe von Platon über Augustinus, Hegel, Marx, Burckhardt und Nietzsche bis hin zur phänomenologischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts. Er beabsichtigt nicht, in neutraler lehrbuchhafter Form philosophische Konzeptionen aneinander zu reihen - wenngleich sich das Buch aufgrund seiner kurzen, prägnanten und informativen Kurzdarstellungen über weite Strecken so lesen lässt -, sondern fokussiert auf die problematischen geschichtsphilosophischen Implikationen im universalistischen Menschenbild der philosophischen Systeme des Okzidents. Darüber hinaus erarbeitet er sich eine interkulturelle anthropologische Perspektive.

Das Buch gliedert sich grob in vier Teile. Zunächst werden in der Einleitung und in den ersten Kapiteln die Grenzen abgesteckt, innerhalb derer die Geschichte und Problematik der philosophischen Anthropologie und Geschichtsphilosophie und ihr Zusammenhang abgehandelt werden sollen. Die überzeugende Kernthese von Mall besagt, dass die in der jüdisch-christlichen Tradition charakteristische Geschichtsauffassung - im Sinne eines theologisch überwölbten Geschichtsverlaufs vom Anfang zum Ende der Welt (Löwiths "Heilsgeschehen") - das implizite Menschenbild des abendländischen Denkens bestimmt, sofern die eine "Natur" bzw. das eine Wesen des Menschen im Hinblick auf die endgeschichtlich sich offenbarende Wahrheit festgeschrieben wurde.

Diese These entfaltet der Autor, indem er in einem zweiten Schritt den latenten "Anthropozentrismus" der christlichen Eschatologie Augustinus' der spekulativ-idealistischen Geschichtsphilosophie Hegels und des historischen Materialismus von Marx und Engels mitsamt ihrer Rechtfertigung der Vormachtstellung einer Kultur kritisch zur Darstellung bringt. Die Utopie des Gottesstaats beherrscht demnach das Selbstverständnis des ,westlichen' Menschen: seine sündhafte Unfreiheit und seine im Geiste antizipierte Befreiung. Bevor Mall abschließend dazu übergeht, die phänomenologischen Versuche einer "gemäßigten" bzw. toleranten Anthropologie zu diskutieren, kommt er auf Burckhardt und Nietzsche zu sprechen, die mit ihrer Absage an die neuzeitlichen Fortschrittsideologien die Grundlage für einen illusionslosen, nicht-hybriden Entwurf des Menschen in der (unabschließbaren) Geschichte bereiten.

Verweilen wir einen kurzen Moment bei Nietzsche und seiner großen Bedeutung für die Grundprobleme der Geschichtsphilosophie. Auch für Mall gilt: "Nietzsche ist Ende, Wende und Anfang." Mit Nietzsche beginnt etwas Neues, sofern die alten christlich-humanistischen Vorstellungen von der Geschichte des Menschen seinem Gedanken von der "ewigen Wiederkehr" weichen müssen. Mall affirmiert diesen Gedanken und weist im gleichen Atemzug Nietzsches Lehre vom "Willen zur Macht" zurück. "Wer jedoch in das ewige Werden und Vergehen einen Willen [...] hineinprojiziert, kann nicht vermeiden, nihilistisch zu werden, denn die große Natur in ihrer kosmischen Unparteilichkeit untersagt den Menschen, gegen das Entstehen - Bestehen - Vergehen zu protestieren." Im Rückgriff auf Karl Löwith verweist Mall auf den christlich-ungriechischen Status des Willens zur Macht, "der als ein Wille zu etwas auf die Zukunft gerichtet ist, obwohl der ewige Kreislauf des Kosmos jenseits von Wille und Vorsatz ist." Mall konstatiert eine entsprechende Ambivalenz im Bild des "Übermenschen": Einerseits definiert Nietzsche den Übermenschen durch den (menschlichen) Willen zur Macht, andererseits durch die Unterordnung dieses Willens unter das (wahrhaft über-menschliche) Gesetz der ewigen Wiederkunft.

Hiermit sind die Weichen gestellt, die es Mall erlauben, dem abendländischen Anthropozentrismus einen interkulturellen Kosmozentrismus entgegenzusetzen. Tatsächlich parallelisiert er - im Anschluss an Jaspers' Überlegungen zur menschheitsgeschichtlichen Achsenzeit des "philosophischen Erwachens" um 500 v. Chr. - die altgriechischen und die asiatischen Vorstellungen vom "kosmischen Eingebettetsein" des Menschen in der übergreifenden Natur. Dabei handele es sich um Vorstellungen, die seit Nietzsches fulminanter Kritik des Christentums wieder in den Gesichtskreis des europäischen Denkens gerückt seien. Demnach erweist sich der philosophische Anspruch, die Natur begrifflich zu durchdringen und dem Werden in einer geschichtlichen Zeit Sinn und Richtung zu geben, als unbescheiden und metaphysisch voraussetzungsvoll.

Ausgehend von Max Schelers phänomenologischem Neuansatz in der Anthropologie - vermittelt über die Arbeiten von Gehlen, Plessner, Jaspers und Löwith, die eigens in einem Kapitel je für sich diskutiert werden - will Mall zeigen, dass die "exzentrische" Auszeichnung des Menschen nicht geschichtlich determiniert ist. Es ist vielmehr der "weltoffene Geist" bzw. das nicht objektivierbare Selbstbewusstsein ("Personzentrum"), das dem Menschen wesentlich zukommt und ihm von Rechts wegen ermöglicht, die "unsichtbare Solidarität aller Lebewesen untereinander im Allleben" zu erfassen. So erweist sich die phänomenologische Technik der Reduktion quasi als eine Yogapraxis, die zur reflexiv-meditativen Loslösung vom Willen zur Machtergreifung (bzw. zur asketischen "Sublimierung des Drangs") gebraucht wird. Mit Löwith konzentriert sich Mall auf die "Naturbestimmtheit des Menschen" jenseits aller historischen Relativierungen: der Geist öffnet sich für die Präexistenz der einen kosmischen Natur. "Die Welt der Natur ist immer sie selbst, nur unsere Sehweisen haben sich geändert."

An diesem Punkt kann die Kritik nicht ausbleiben. Dietmar Kamper hat im Rahmen seines vielseitigen Projekts einer "historischen Anthropologie" zu Recht darauf hingewiesen, dass die Geschichtlichkeit ihres Gegenstandes und die Geschichtlichkeit ihrer Methode gleichzeitig thematisiert werden müssen. Es ist in unserem Kulturkreis nicht möglich, hinter die jüdisch-christliche Vorstellung von der Einmaligkeit des Geschichtsverlaufs zurückzugehen. Es gibt keine Alternative zum Anthropozentrismus, auch wenn es eine Alternative zum "mächtig vorstellenden" und nicht-pluralistischen Denken gibt. Man könnte sagen, dass Mall - trotz seiner Vorbehalte gegenüber der Seinsgeschichte und dem protagoräischen Maßhalten ("der Mensch ist das Maß aller Dinge") - zu leichtfertig Heideggers kritischen Ausführungen zur Technik, zu Nietzsche und dem Nihilismus folgt. Denn gerade im ,Willen zur Macht' liegt eine antinihilistische Konzeption, die dem Gedanken der ewigen Wiederkehr die romantischen Illusionen austreibt und die Differenz in das eine Leben bzw. in die eine Natur hineinträgt. Die interkulturelle Anthropologie ist also zu begrüßen, solange sie kritisch den Eurozentrismus der geschichtsphilosophisch aufgeblasenen Menschenbilder in der Geschichte der Philosophie denunziert. Abzulehnen ist aber das Phantasma einer indifferent vorgegebenen kosmischen Natur, die die "Weltharmonie der einen Menschheit" zum kommunikationstheoretischen Leitideal verklärt.

Titelbild

Ram Adhar Mall: Mensch und Geschichte. Wider die Anthropozentrik.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2000.
208 Seiten, 36,80 EUR.
ISBN-10: 353414970X

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