Goethe und das Judentum

Ein wenig spektakuläres Verhältnis

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Goethes Beziehung zu Juden und seine Einstellung zum Judentum wurden zunächst durch die christliche Umgebung geprägt, in der Goethe aufgewachsen ist und in der die Meinung vorherrschte, daß das Alte Testament durch das Neue eingelöst worden sei und das Volk der Juden Jesu Tod verschuldet habe. Dementsprechend war die Bibliothek von Goethes Vater, aus der sich der junge Goethe gewiß mit Lesestoff versorgte, mit etlichen tendenziös-christlich-apologetischen Schriften bestückt. Früh vertraut waren Goethe auch, wie er selbst berichtet, die Greuelmärchen von den Ritualmorden aus Gottfrieds bebilderter "Historischer Chronik" von 1633. "Die alten Märchen von Grausamkeit der Juden gegen die Christenkinder", schrieb er in seinen Lebenserinnerungen, "schwebten düster vor dem jungen Gemüt." Selbstverständlich kannte Goethe auch alle anderen Schablonen christlicher Judendiskriminierung, wie etwa die Phrase vom ständigen Schachern und Feilschen der Juden. Wen wundert`s, daß der junge Goethe von den damals üblichen Vorurteilen gegenüber Juden nicht frei war. Er selbst hat 1811 in einem Gespräch mit dem jüdischen Bankier Simon von Laemel in Karlsbad seine frühe Einstellung als "Reflex" auf die ihn "umgebenden christlichen Männer und Frauen" gedeutet.

In seiner Heimatstadt Frankfurt ist Goethe schon früh Juden begegnet, die sich von der christlichen Umgebung noch durch Kleidung, Lebensart und Sprache abhoben. Vor allem die von Menschen wimmelnde Judengasse, wo die Frankfurter Juden seit drei Jahrhunderten unter ghettoartigen Bedingungen zusammengepfercht leben mußten, machte auf den behüteten, aber entdeckungslustigen Patriziersohn den Eindruck eines dunklen Geheimnisses, von dem er sich gleicherweise angezogen und abgestoßen fühlte.

Er hat mehrfach die Judengasse aufgesucht und einzelnen Zeremonien beigewohnt: einer Beschneidung, einer Hochzeit und der Feier des Laufhüttenfestes. Goethe berichtet darüber ausführlich in "Dichtung und Wahrheit" und vergißt nicht zu erwähnen, daß er in den jüdischen Familien gastfreundlich aufgenommen worden und man ihm "gefällig" gewesen sei, was ihn in der Einsicht bestärkte, daß die dort Wohnenden "auch Menschen " seien und Angehörige von Gottes auserwähltem Volk, denen man "seine Achtung nicht versagen" könne.

Goethe lernte auch das "Frankfurter Judendeutsch", eine Variante des Westjiddischen, kennen. Obgleich er diese Sprache als "barock" und "unerfreulich" empfand - "Judensprache hat etwas Pathetisches", notierte er noch als Erwachsener, und es ist nicht leicht auszumachen, ob dies als Lob oder als Tadel gemeint war -, nahm er als Zehnjähriger bei dem Konvertiten Carl Christian Christfreund Unterricht in der "teutsch-hebräischen Sprache". Welche Fertigkeiten er dabei gewann, deutet seine "Judenpredigt" an.

Während sich Goethe mit der jiddischen und der hebräischen Sprache nur eine Zeitlang abgegeben hat, hielt seine Beschäftigung mit der Bibel, insbesondere mit dem Alten Testament, ein Leben lang an. Galt ihm doch die Bibel als größte einmalige Leistung der jüdischen Nation. Vor allem, nachdem Herder ihn 1771 auf Bibelkritik und hebräische Poesie hingewiesen hatte, wurden für Goethe die Juden mehr und mehr auch ein Volk bedeutender, bewußt gepflegter Überlieferung und einer großen alten Poesie. "Ich für meine Person", bekannte er, "hatte die Bibel lieb und wert, denn fast ihr allein war ich meine sittliche Bildung schuldig." Wie sehr Goethe dem Alten Testament höchste Verehrung gezollt hat, kommt in "Wilhelm Meisters Wanderjahre" und im "Divan" zum Ausdruck. Auch im "Werther" ist eine Fülle alttestamentarischer Bilder und Reminiszenzen mit verwoben, ebenso im "Götz", in "Clavigo", "Stella", im "Prometheus-Fragment", in "Egmont", "die Wahlverwandtschaften", "Hermann und Dorothea", in seinen Gedichten, selbst in "Iphigenie" und in der "Geschichte der Farbenlehre".

Goethes Hochschätzung der Bibel bestimmte freilich nicht seine grundsätzliche Haltung zum Judentum. Ebenso ist die Tatsache, daß er Personen und Motive der Bibel in sein Werk übernommen hat, kein Indiz für eine bestimmte Auffassung des Dichters vom Judentum. Schwerlich hat Goethe die Juden seiner Zeit, die in Deutschland auf die Gewährung von Menschenrechten warteten, als das "bibelschöpferische Volk" angesehen. Er hat lediglich die Verfasser der Bibel als Poeten geschätzt und sich eines interesselosen Wohlgefallens befleißigt, das sich über Nation, Stand und Religion derer erhebt, die es bewirken.

In Weimar lernte Goethe dann einzelne jüdische Persönlichkeiten kennen, die bei ihm vorsprachen, wie zum Beispiel der Orientalist Salomon Munk, der Jurist Eduard Gans, Eduard Simson, der spätere Präsident der Frankfurter Nationalversammlung und der Sohn des berühmt-berüchtigten Münzunternehmers Friedrich des Großen, Veitel Heine Ephraim.

Natürlich hat Goethe bei all seinen Bekanntschaften nie auf Herkunft oder Konfession seines Gegenüber angespielt und jegliche Herablassung vermieden. Andererseits aber war er auch ohne Gefühl, wie einige seiner Texte zeigen, für die Schwierigkeiten der Akkulturation und hat zuweilen ihm mißliebige Juden mit deutlich negativem Unterton als "Juden" bezeichnet. Das ihm entgegengebrachte künstlerische Interesse von assimilierten, kultivierten Juden war ihm indessen, gerade in der nachitalienischen Zeit, besonders wertvoll. Daß er sich die Verehrung so vieler von ihm begeisterter Frauen, von Henriette Herz, Dorothea Veit, der jüngsten Tochter von Moses Mendelssohn, Bettina Brentano, Caroline Schlegel, den Schwestern Sara und Marianne Meyer und Rahel Varnhagen gerne gefallen ließ, versteht sich fast von selbst.

Natürlich hat Goethe bei all seinen Bekanntschaften nie auf Herkunft oder Konfession seines Gegenüber angespielt und jegliche Herablassung vermieden. Andererseits aber war er auch ohne Gefühl, wie einige seiner Texte zeigen, für die Schwierigkeiten der Akkulturation und hat zuweilen ihm mißliebige Juden mit deutlich negativem Unterton als "Juden" bezeichnet. Das ihm entgegengebrachte künstlerische Interesse von assimilierten, kultivierten Juden war ihm indessen, gerade in der nachitalienischen Zeit besonders wertvoll. Daß er sich die Verehrung so vieler von ihm begeisterter Frauen, von Henriette Herz, Dorothea Veit, der jüngsten Tochter von Moses Mendelssohn, Bettina Brentano, Caroline Schlegel, den Schwestern Sara und Marianne Meyer und Rahel Varnhagen gerne gefallen ließ, versteht sich fast von selbst.

Am 20. Juni 1823 fertigte Karl August die Weimarische Judenordnung aus, mit der Juden zwar nicht als gleichberechtigte Bürger anerkannt, doch "die Ehe zwischen Christen und Jüdinnen, Juden und Christinnen" erlaubt wurde, unter der Bedingung, "daß die in einer solchen Ehe gezeugten Kinder in der christlichen Religion erzogen und darüber die bündigsten Versicherungen vor Gericht zu Protokolle erklärt werden." Goethe, der gerade in Marienbad das Ende seiner Liebe zu Ulrike von Levetzow erlebte hatte, war darüber empört und meldete scharfen Protest an. "Er ahndete", meldete der Kanzler von Müller, "die schlimmsten und grellsten Folgen davon, behauptete, wenn der Generalsuperintendent Charakter habe, müsse er lieber seine Stelle niederlegen als eine Jüdin in der Kirche im Namen der heiligen Dreifaltigkeit trauen. Alle sittlichen Gefühle in den Familien, die doch durchaus auf den religiösen ruhten, würden durch solch ein skandalöses Gesetz untergraben. Besonders ungern sah es Goethe, daß das Weimarische Ländchen mit derartigen Institutionen den Anfang machte. In diesem Sinne rief er aus: "Wollen wir denn überall im Absurden vorausgehen, alles Fratzenhafte zuerst probieren?"

In seinem Gedichten und Schriften indes hat Goethe Juden häufig erwähnt und jüdische Probleme und Belange berührt, zunächst in Rezensionen wie in der über Gedichte des polnischen Juden Isachar Bär.

Zu den wenigen Juden, denen Goethe einen Platz in seiner Poesie anwies, gehört der Weimarer Hofjude Jacob Elkan. In seinem Gedicht "Auf Miedings Tod" (1782) wird er mit der Verszeile erwähnt: "Der Jude Elka läuft mit manchem Rest". Vermutlich handelte Elkan mit alten Kleidern. Als die Familie gesellschaftlich aufgestiegen war, sollen Elkans Nachkommen Goethe gebeten haben, die ominöse Stelle zu ändern. Goethe strich den Namen, so daß es von nun an ganz neutral hieß: "der tätige Jude läuft..". "Das menschliche Schöne aber ist", so Geigers Kommentar zu diesem Vorgang, daß der Dichter diesem Ansinnen bald entsprochen habe.

Goethes ambivalente Einstellung zu Juden und Judentum verrät auch "Wilhelm Meister". Hier werden zum Beispiel Geschichte und Religion der Juden zum unabdingbaren Bestandteil religiös-sittlicher Menschenbildung erklärt. Als Wilhelm seinem Sohn Felix der Obhut der "Pädagogischen Provinz" übergeben hat, wird er mit der Darstellung der "Religionen der Völker" konfrontiert. In einem anderen Gespräch geht es um die Erziehung der Kinder zum Christentum und die Vorzüge der Religion. Hier heißt es: "...dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet." Es ist schwer abzuwägen, wie weit die Äußerung ein persönlicher Ausdruck von Goethe ist oder wie weit sie mit künstlerischer Objektivität einer vorgestellten Gestalt in den Mund gelegt wird, deren Wesen und Denken der Dichter von dem eigenen unterscheidet. Doch nicht von ungefähr ist gerade diese Textstelle von Antisemiten wie Houston Stewart Chamberlain immer wieder zur Stützung judenfeindlicher Vorschläge benutzt worden, um den Ausschluß von Juden aus dem öffentlichen Leben zu fordern und schließlich auch durchzusetzen. In den "Wanderjahren" hat Goethe ferner hervorgehoben, daß der jüdische Glaube sich durch besondere Geistligkeit auszeichnet und daß sein Gebot "Du sollst dir kein Bildnis machen" bessere Voraussetzungen schafft als der Katholizismus mit seiner Kreuzverehrung und seinem Heiligenkult.

Daneben fehlt es in Goethes Werk nicht an negativen Aussagen über Juden. Man schaue sich nur einmal "Divan", "Faust", "Clavigo", die "Xenien" und andere seiner Werke genau an. Da ist immer wieder die Rede von handeltreibenden schachernden, spionierenden oder auch nur komisch-seltsamen Juden. Goethe, der für Judenwitze durchaus empfänglich war, hat die konventionellen Stereotypen vielleicht nur einfach zitieren wollen, aber er hat sich auch nicht von ihnen distanziert. Indessen ist fraglich, ob hinter jeder Sprachwendung ein persönliches Goethesches Sentiment steht, ob man Goethe auf jede seiner Aussagen festnageln und jedes seiner Worte auf die Goldwaage legen darf.

Das Thema "Goethe und Juden" bedarf der Ergänzung durch die Gegenperspektive "Die Juden und Goethe". Für Generationen von Juden, die in den deutschen Gesellschafts- und Bildungszusammenhang hineinzuwachsen versuchten, war gerade Goethe ein unausweichlicher Bezugspunkt der Orientierung. Zahlreiche Juden, insbesondere deutsche, wurden von ihm beeinflußt. Nicht wenige Juden haben ihn verehrt und eine mitunter ergreifende Anhänglichkeit an ihn bekundet, vielleicht in der Hoffnung, so Julius H. Schoeps, über die Kunst den Weg zur von außen akzeptierten Integration und Assimilation zu finden. Da der Zugang zu öffentlichen, auch akademischen Ämtern selbst getauften Juden nicht selten noch erschwert wurde, bedeutete offensichtlich "dieses Sichwerfen auf das Populäre, nicht nur, aber besonders eindrücklich in der Goethepflege, erzwungenes Ausweichen, wie so oft in der Geschichte des Judentums, und zugleich ostentative nationale Pflichterfüllung", meint Wilfried Barner in seiner kleinen gehaltvollen Schrift "Von Rahel Varnhagen bis Friedrich Gundolf. Juden als deutsche Goethe-Verehrer", in der er die einzelnen Phasen ihrer Goethe-Rezeption skizziert.

Aber kaum ein Jude hat je über Goethes ambivalente Haltung zum Judentum Klage geführt, allenfalls bedauerten Juden insgeheim, daß ausgerechnet der wirkungsmächtigste Repräsentant der deutschen Literatur- und Bildungstradition, der große Verkünder der klassischen Humanitätsidee, "von den Juden... nicht viel gehalten" und über sie nicht nur positive Worte gefunden habe. Die Juden haben Goethe wegen ihrer Lauheit, so Geiger, ihnen gegenüber nicht gezürnt, sondern haben, soweit sie sich als Deutsche fühlten, gehuldigt wie ihre Sprach- und Volksgenossen.

Wie erklärt sich aber das immer wieder neue Bemühen und insistente Werben um Goethe? Hätte die Verehrung Lessings nicht näher gelegen? Trotz seiner diversen Schwächen und seiner zwiespältigen Haltung Juden gegenüber, sahen nicht wenige in ihm den Repräsentanten der Humanität und Garanten für den humanen Kern des Deutschtums. Zudem bot kein anderer eine solche identifikatorische Vielfalt mit seinem Leben und seinem Werk wie er.

In Goethes Briefen, Tagebüchern und Gesprächen gibt es Bemerkungen, bei denen wir nicht umhin kommen, sie antisemitisch zu nennen. Doch was damals eine läßliche Sünde, in den Augen mancher vielleicht noch nicht einmal ein Kavaliersdelikt war, dünkt uns heute leichtfertig und unverantwortlich. Andererseits muß man sich auch vor Augen halten, daß Goethe ungemein vielseitig war und sich mit so vielen Themen und Gebieten beschäftigt hat, daß sich seine Auseinandersetzung mit dem Judentum, falls man seine Beziehung zu ihm und seine Beschäftigung mit ihm, überhaupt so nennen will, eher marginal ausnimmt. Sein Interesse galt ohnehin nicht primär und nicht nur Juden, sondern daneben noch vielen anderen Dingen, anderen Menschen und anderen Kulturen. Man sollte seine Äußerungen über Juden und Judentum, ohne seine antisemitischen Aussprüche beschönigen oder wegdebattieren zu wollen, stets in einem größeren Zusammenhang sehen, im Zusammenhang mit seiner Zeit und seinem Verständnis von Religion und Politik.

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Wilfried Barner: Von Rahel Varnhagen bis Friedrich Gundorf. Juden als deutsche Goethe-Verehrer. Kleine Schriften zur Aufklärung Band 3.
Wallstein Verlag, Göttingen 1992.
52 Seiten, 12,80 EUR.
ISBN-10: 3892440239

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