Eintritt für Chinesen und Hunde verboten!

Wei Huis Roman "Shanghai Baby" erzählt überraschend unchinesisch vom neuen China

Von Mathias SchnitzlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mathias Schnitzler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

An chinesische Namen wird man sich gewöhnen müssen. Noch will die Textverarbeitung aus Wei Hui partout Wie Hui machen. Wei Hui ist "Fräuleinwunder" und Kultautorin der jungen Generation in China. Ein Star. In ihrem ersten Roman "Shanghai Baby" berichtet die 25-jährige Ich-Erzählerin Coco vom Leben und Lieben in der schillerndsten Stadt Chinas. Peking ist das Zentrum der Macht und männlich, Shanghai aber, die Hauptstadt der Mode und des Glamours, ist eine Frau auf der Suche nach dem Abenteuer.

China ist in. Seine Wirtschaft boomt. In Amerika, Japan und Europa wächst die Angst vor einer Rezession, da bringt es die chinesische Wirtschaft auf ein Wachstum von nahezu acht Prozent. Handys, Computer, Fernseher, Autos. Im nächsten Jahr tritt China der Welthandelsorganisation WTO bei. Seine Fußballer haben sich, zum ersten Mal überhaupt, für die Weltmeisterschaft qualifiziert, 2008 findet die Olympiade in Peking statt. Und nun wird China Partner im gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus. Das Reich der Mitte zieht es nolens volens gen Westen. Und die Literatur?

Mit "Shanghai Baby" ist die Pop-Literatur in China angekommen. Wei Huis Figuren unterscheiden sich kaum von ihren Altersgenossen aus den kapitalistischen Metropolen. Man reibt sich die Augen. Immer noch werden in China Regimegegner in Arbeitslager gesteckt, Hinrichtungen sind an der Tagesordnung, Filme und Bücher werden verboten, da imitiert der Nachwuchs bereits täuschend echt den Lifestyle von Berlin, London und New York. Wir lernen Menschen kennen, die den Grad ihrer Freiheit an der Fähigkeit zur Steigerung ihrer Konsumleistung messen. Und Menschen, die sich nach Einzigartigkeit und romantischen Liebesorten sehnen. Das bringt, für ein Milliardenvolk, Probleme mit sich.

Doch von Globalisierungsängsten keine Spur. Stattdessen Lebenshunger, ungehemmt. Die Shanghai Babies, wie sich die jungen Nachtschwärmerinnen Coco, Madonna und Zhusha selbst nennen, gehören zu der ersten Generation, die unmittelbar von der Öffnung der kommunistischen Gesellschaft profitiert. Für politisches Bewusstsein oder kritische Reflexion bleibt wenig Zeit. Freie Marktwirtschaft, so nimmt man schließlich nicht nur in Shanghai an, ist die zeitgemäße Version von Demokratie. Update 2000.

Das Setting des Romans kommt einem gar nicht chinesisch vor. Coco lebt in einer Welt von Parties, Drogen und gut gekleideten Ausländern. Geldsorgen hat hier keiner, es wimmelt von Yuppies und Künstlern. Wegen der vielen Drogen und der für China ungewöhnlich offenen Darstellung von Sexualität ist "Shanghai Baby" von der Zensurbehörde verboten worden. Unter der glitzernden Oberfläche des aufkeimenden Kapitalismus, hier gerinnt die Kapitalismuskritik fast zum Klischee, führen die Helden des Buches ein trauriges und leeres Leben. Der Kommunismus allerdings war noch düsterer. So haben Schwarzmarkt und Internet die Geschichte um Liebe und Triebe im modernen Shanghai zum millionenfach gelesenen Kultbuch unter den jungen Chinesen gemacht.

"Schreiben, Rauchen, mitreißende Musik, nicht zu wenig Geld". Gut ein Drittel des Romans handelt von dem Roman, den Coco ihrem Leben abringen will. Schreiben, wen wundert es, wird auch in der Volksrepublik zum Modeberuf. Schreiben ist wie MTV-Videos ansagen, Schreiben ist wie "der größte Popstar der ganzen Welt sein". Das alles ist für die jungen Protagonisten des neuen China aufregend. Die chinesische Mediengeneration unternimmt gerade die ersten Schritte der Emanzipation von einem totalitären Regime und einer Erziehung, die an das Denken der fünfziger und sechziger Jahre in Europa erinnert: "Unsere Eltern erzählen uns nichts über Sex", verrät die 27-jährige Wei Hui im Interview mit der Sunday Times, "Sex soll im Verborgenen bleiben, allenfalls bei heruntergelassenen Vorhängen."

Cocos Freund Tiantian, ein sensibler junger Maler, stirbt an einer Überdosis Heroin. Er war zwar romantisch, aber impotent. Da trifft es sich gut, dass Coco Mark kennen gelernt hat, blond, blauäugig, deutsch. Ein dynamisch-erfolgreicher Geschäftsmann, der in Berlin Frau und Kind hat. Den besten Sex ihres Lebens hat Coco, wenn sie sich Mark "in Nazi-Uniform, mit langen Stiefeln und Ledermantel" vorstellt, "welche Brutalität und Grausamkeit müsste dann in diesen germanischen blauen Augen liegen". Alle Frauen in diesem Roman sehnen sich nach einem westlichen Liebhaber.

Dass Drogen, Swinger-Clubs und Sado-Maso-Praktiken Ausdruck größtmöglicher Verklemmtheit und Minderwertigkeitskomplexe sein können und mitnichten die Signatur der Freiheit tragen, ist auch in Europa, trotz Houellebecq, noch kein Gemeinplatz. Die Öffnung der chinesischen Gesellschaft wird getragen von einer Anfangseuphorie unter den Zwanzig- und Dreißigjährigen, während Teile der älteren Generation und Exilanten wie der letztjährige Nobelpreisträger Gao Xingjian, der nicht im Verdacht nostalgischer Verklärung steht, einen kulturellen Identitätsverlust prophezeien. Die kritischen Töne des Romans, darunter auch eine knappe Schilderung der Proteste gegen die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Jugoslawien, haben einen ungewollt komischen Charakter. Auf dem Schild einer französischen Firma wird der "Zutritt für Chinesen und Hunde verboten".

Die größte literarische Konkurrenz hat Wei Hui im eigenen Land. Mianmian, die im letzten Jahr durch den ebenfalls verbotenen Erzählungsband "Lalala" im deutschsprachigen Raum bekannt wurde, bezichtigt ihre ehemalige Kollegin des Plagiats. Wei Hui habe ihr den Titel "Shanghai Baby" gestohlen, den sie ihrerseits für ein Filmprojekt geplant hatte. Dem Erfolg der beiden Autorinnen hat dieser Streit, wie zu erwarten, nur genutzt.

Mianmian jedoch schreibt intelligenter und vor allem handwerklich gekonnter über das neue China. Die radikal subjektive Perspektive ihrer Erzählungen, in der eine junge Ich-Erzählerin von Angst und Leere, vom Egoismus und vom Umkippen des Begehrens in die Sucht spricht, zeigt eine neue chinesische Generation, der unvermittelte Erfahrung nur noch im Schmerz und in der körperlichen Misshandlung möglich scheint. Deshalb die vielen Zusammenbrüche, die Selbstmordversuche, der Sado-Masochismus. Die Themen der beiden Bücher gleichen sich: Liebessehnsucht und Sex, Schreibreflexion und Heroinkonsum. Wei Hui bleibt an der Oberfläche der Oberflächengesellschaft, Mianmian findet in den kindhaft Abhängigen, die das Leben nur spielen, Symptome für die Unfreiheit der Freiheit.

Wer sich ein Bild vom neuen, dynamischen China der Großstädte machen will, lese beide, Mianmian und Wei Hui. Sie ergänzen sich wie die desillusionierenden Farcen Sibylle Bergs und die aufschneiderischen Lifestyle-Romane einer Alexa Hennig von Lange. Auf den Roman über das Leben der 24-jährigen Kassiererin in Hamburg-Wilhelmsburg bleibt weiterhin zu warten wie auf die Geschichte vom Wanderarbeiter, der in Peking einen Job beim Wolkenkratzerbau gefunden hat. Dabei kann und soll auch der Pop, der richtig verstanden ist mehr als das Accessoire wohlhabender Abiturienten und der gerade die nicht eingelösten Hoffnungen von den elementaren Ansprüchen an das eigene Leben wie das der Gesellschaft erzählt, durchaus mitmischen.

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Wie Hui: Shanghai Baby. Roman.
Übersetzt aus dem Chinesischen von Karin Hasselblatt.
Ullstein Verlag, München 2001.
264 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3550083432

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