Angeln verboten

Zu einem neuen wissenschaftlichen Sammelband über Arno Schmidt

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Service & Volley: Das gemischte Herausgeber-Doppel Jörg Drews und Doris Plöschberger präsentiert zehn Vorträge, die bei der Arno Schmidt-Konferenz 2000 in Portland/USA gehalten worden sind. Der Band verfolgt keine innere Systematik und stellt ein buntes Gemisch untersuchter Themen vor. Denn wie die Herausgeber im Vorwort bemerken, ist "die Versenkung in alle möglichen Aspekte von Werk und Leben Arno Schmidts [...] ein nicht endendes Vergnügen, sprich: selige Anspannung, nicht zuletzt weil dieser Autor so turmhoch über anderen Autoren steht".

Im ersten Beitrag spürt Rudi Schweikert Arno Schmidts ureigenem "Ego-Mythos" nach. In Schweikerts "Nexusforschung" nach textlichen Tiefendimensionen geht es etwa um das zunächst so unscheinbare wie rätselhafte Wörtchen GOW. Alberne Wortklauberei? Keineswegs! Schweikert kommt immer wieder zustatten, dass er Schmidts auch noch so bruchstückhaften Hinweisen fernab effekthascherischer Namedroppings konsequent dahin folgt, wo sie herkommen: in die Literaturgeschichte, in die alten Nachschlagewerke und in die originalen Wörterbücher. Nachahmung empfohlen: Schweikert erinnert daran, "wie nötig es ist, [...] das zu lesen, was [Schmidt] gelesen hat, um erkennen zu können, wie sehr, in unendlicher Osmose, sein Leben die Literatur war".

Sabine Kyoras Aufsatz über Schmidts "Seelandschaft mit Pocahontas" versucht eine interpretatorische Kritik an Klaus Theweleits fulminanter Pocanhontas-Studie von 1999. Kyora macht in Schmidts skandalumwittertem Text diverse metaphorische Gegensatzsphären aus und behauptet, Schmidt würde eher ästhetisieren, als konkrete Bilder beschreiben: "Deswegen erscheinen Theweleits Versuche, pornographische Comics und Henry Miller mit Schmidt zu vergleichen, wenig treffend". Schmidts Schreibweise schaffe eher "eine neue erotische Dimension", einen "Anteil von Imagination, von Ästhetik, der über die reine Körperlichkeit hinausgeht, also eher entsexualisierend wirkt". Theweleits hier angefochtene These ist es nämlich, Schmidts Text propagiere nichts weniger als die "Löschung oder Umwandlung von Nazi-Gewalt in »eine Politik der Körperberührung, die die Körper enthält und verlebendigt, indem sie (über sich) lächeln, statt sie (unaufhörlich) zu töten und abzutöten«". Auch in den Kriegserinnerungen, die unübersehbar in Schmidts Ferienidylle-Text eindringen und den Ausgangspunkt für Theweleits Überlegungen darstellen, ist aber nach Kyoras Meinung eine lediglich metaphorisch gebrochene Bedrohung vermittelt, "ohne optisch nachvollziehbar zu beschreiben". Diese Kritik greift zu kurz. Kyora unterschätzt die Vorstellungskraft der Leser: Denn selbstverständlich führt Schmidts überblendungsreiche Prosa im Kopf des Rezipienten zu lebendigeren Bildern, als sie eine wie auch immer geartete Abschilderung "konkreter Bilder" evozieren könnte.

Axel Dunker versucht eine neue Lesart des "Steinernen Herzens" und begreift den Roman als "hermetischen" Text. Damit ist nicht nur eine sprachliche "Hermetik" im Sinne Paul Celans gemeint, sondern auch der Gott Hermes selbst, dessen Emanationen Dunker in Schmidts Text erfolgreich und überzeugend nachspürt. Dunker schließt damit an eine Reihe schlüssiger Beiträge an, die in den letzten Jahren über den "historischen Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi" erschienen sind. Er zeigt die Vielschichtigkeit von Schmidts Wortgewebe: "Arno Schmidt bekennt sich in ,Die Meisterdiebe' als Plagiator, der aber aus den vorgefundenen Materialien Neues schafft und zugleich, in der Tradition des Hermes als Meister und zugleich Protektor der Diebe, dies geschickt zu verschleiern versteht. [...] Eine bestimmte Sorte von Lesern aber kann - und soll - den verlegten, nicht etwa den verschwundenen Schlüssel finden und die Tür öffnen - die zum Text wohlgemerkt."

Jörg Drews versucht, Arno Schmidts "Kaff auch Mare Crisium" (1960) in einer Umbruchphase der (avantgardistischen) Nachkriegsliteratur zu verorten. In dem literarischen Panorama jener Jahre, das hier ausgebreitet wird, stellt der kenntnisreiche Aufsatz eine wichtige Frage. Drews fordert bereits seit vielen Jahren, dass die Schmidtforschung mehr über den literarischen Tellerrand ihres "Hausgottes" schauen möge: Zu Recht. Äußerst begrüßenswert ist nun, dass Drews nach dem Bezug fragt, der zwischen den Werken Schmidts und dem tief greifenden Problem einer Literatur nach Auschwitz besteht, wie es Adorno und Celan erkannt haben. Dies ist nämlich ein Punkt, um den die Schmidtforschung aufgrund vieler Fehleinschätzungen bislang eher einen großen Bogen gemacht hat, der aber - und dies macht Drews deutlich - vielmehr ins Zentrum kommender Überlegungen gehört.

Heinrich Schwiers Untersuchung über die intertextuellen Zusammenhänge von Wilhelm Raabes Roman "Der Schüdderump" und Schmidts "Kaff" schließt hier fast nahtlos an. Auch für Schwier ist Schmidts Text ein Totenkarren "voll abgemurkster Idyllen" und präsentiert eine pessimistische Weltsicht, die direkt aus dem Massengrab zu kommen scheint. Schwiers überzeugender Aufsatz schließt mit Adornos Diktum eines schriftstellerischen Gelächters über "die Lächerlichkeit des Lachens und über die Verzweiflung", denn (wie es im Original weiter heißt): "So wenig Kunst mehr heiter ist, so wenig mehr ist sie, angesichts des Jüngstvergangenen, ganz ernst." Das gilt eben auch für Schmidt und Raabe, auch wenn Letzterer von den Dimensionen späterer Massengräber noch nichts ahnen konnte und im Vorfeld dieser Geschichte nicht nur rühmliche Bücher geschrieben hat: "Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb werden beide Autoren nicht müde, immer wieder, gleichsam manisch, Späße zu machen, Humor zu entwickeln und auf einem dunklen Untergrund Idyllen aufzutragen."

Uwe Schwagmeier stellt "Betrachtungen über zwei Provinzschriftsteller" an: Arno Schmidt und - "ausgerechnet" - William Faulkner. Er nimmt eine Zeitungsnotiz Heiko Postmas ernst, die 1997 auf habituelle Ähnlichkeiten Schmidts mit dem amerikanischen Schriftsteller hinwies und durchforstet daraufhin einschlägige fiktive und briefliche Äußerungen des Heide-Einsiedlers. Wie so oft bei Nachforschungen über Schmidts Rezeptionshaltungen ergibt sich ein recht ambivalentes Bild. Aber erstens bekommt man nach der Lektüre des Beitrages plötzlich große Lust, Faulkner zu lesen, und zweitens sind die abschließenden Interpretationsansätze über Schmidts doppelbödige Erzählung "Piporakemes!" als "Kulminationspunkt, aber auch einen - vorsorglichen! - Abschluss von Arno Schmidts zumindest eingehender Beschäftigung mit Faulkner [...], wenn nicht gar als Totenklage" ziemlich schlüssig.

Der John Lennon-Fan Friedhelm Rathjen sieht sich Schmidts Lewis Carrol-Rezeption "als Ableger seiner Joyce-Rezeption" an. Das Belustigende an dieser Untersuchung ist, dass sie Schritt für Schritt ein erstaunliches Desinteresse Schmidts an dem "Vater der modernen Literatur" belegt. Am Ende bleibt also von Schmidts vermeintlichem Carrol-Expertentum nur noch der Verdacht übrig, dass Schmidt den viktorianischen Kindfrauphantasten lediglich benutzte, um ihn gegen Joyce auszuspielen. Rathjen sieht sich gezwungen, die bestürzende Annahme zu erhärten, dass Schmidt tatsächlich nicht einmal Carrols "Sylvie & Bruno" gelesen hatte. Dieser Roman lieferte immerhin den Titel seines Carrol-Essays (1963), aber fungierte offenbar nur als "Aufhänger für andere Dinge", "denn jenseits plakativ-pauschaler Lobhudeleien sagt Schmidt über 'Sylvie and Bruno' eigentlich nie etwas".

Doris Plöschberger sinniert über das Verhältnis von Text und Bild in Schmidts "Zettel's Traum". In diesem Beitrag finden sich passenderweise auch einige Abbildungen, deren Druckqualität allerdings teilweise so schlecht ist, dass man sie kaum erkennen kann. Aber das scheint nicht weiter schlimm zu sein, denn die Autorin glaubt ohnehin, dass dem Problem der Anschaulichkeit von Poesie mit einer forcierten Anschaubarkeit von Literatur nicht beizukommen ist. Mit anderen Worten: Laut Plöschberger hat Schmidt die Wirkung seiner optischen Gimmicks überschätzt. Letztlich ist es nämlich doch auch in "Zettels Traum" die sprachliche Schilderung, die für eine plastische Darstellung sorgt, nicht die vom Autor so hoch veranschlagten Zeichnungen oder Buchstabenbilder.

Jan-Frederik Bandel schreibt fast vierzig Seiten über "Abend mit Goldrand". Wie der Umfang des Beitrages schon befürchten lässt, behandelt er aber auch alles mögliche andere. Selbst Kafka wird von Bandel bei seiner voluminösen Behandlung des Schmidt'schen Spätwerkes nicht außer Acht gelassen. Angesichts eines solchen "Wunderwerks der Sinnlosigkeit" (Schmidt über Tieck) möchte man sich doch lieber gleich "in die Büsche schlagen" (Kafka): Kryptische Kapitelüberschriften wie "Gewebe", "Grundrisse", "Fundamente" und "Wortzauber" werfen weitere Nebelkerzen und tragen nicht unbedingt zur Aufklärung darüber bei, was Bandel denn nun eigentlich sagen möchte. Ständig benutzt der Autor die Worte "bekanntlich" und "freilich": Und tatsächlich ist das meiste, was hier in fleißiger Belesenheit aus der Sekundärliteratur zusammengewürfelt wird, eben auch schon hinlänglich bekannt. Als Bandel gegen Ende endlich zu erklären scheint, was die vom ihm im Titel seines Beitrages apostrophierte "neue perspektive" im Spätwerk Schmidts sein soll, ist es längst zu spät: "Wie herrlich sinnlos!" lauten die letzten Worte des Beitrages. Die kann man ruhig unterstreichen.

Der letzte Aufsatz des Bandes hat dagegen wieder Hand und Fuß: Wilhelm Berentelg schreibt über Arno Schmidt und Gottfried Benn. Berentelg lässt sich nicht lumpen und trägt fleißig so viel wie möglich über die vermeintliche Ähnlichkeit der beiden Autoren zusammen. Trotz Arno Schmidts Benn-Polemik von 1962, die eher vermuten lässt, dass trotz einiger ähnlicher Haltungen eine unüberbrückbare Gegnerschaft besteht, legt die Untersuchung nahe, dass der Tiefenbefund anders aussieht. Berentelg agiert in der Argumentation sehr geschickt, doch es bleiben leise Zweifel. Zog sich Schmidt wirklich so wie der so genannte "innere Emigrant" Benn in einen geschichtsphilosophischen Pessimismus der "Wiederkehr des Immergleichen" zurück? Sind Schmidts polemisch-politische Aussagen wirklich als vordergründige Pose gegen die eher Benn'sche Grundhaltung in einem Roman wie "Aus dem Leben eines Fauns" (1953) aufrechenbar? Wie auch immer: In jedem Fall ist hier ein wichtiger erster Schritt getan, denn so genau hatte sich bisher wohl noch keiner die Verbindungen zwischen Schmidt und Benn angesehen.

So weit die "Studien". Bis auf wenige Ausnahmen, so darf man resümieren, ein gelungener Band, der einige schöne neue Einzelerkenntnisse und Anregungen enthält. Auf dem Coverfoto des Buches ist ein Schild zu lesen: "Angeln verboten". Wie man sieht, ein Verbot, dass die Schmidtphilologie ruhig umgehen sollte. Dass man sich nicht auf ein festes Thema kapriziert hat, sondern gleich in verschiedensten thematischen Fischteichen angelt, erscheint gegenüber dem neuen Drews/Plöschberger-Sammelband zu "Zettel's Traum" sogar als Gewinn.

Titelbild

Jörg Drews / Doris Plöschberger (Hg.): Starker Toback, voller Glockenklang. Zehn Studien zum Werk Arno Schmidts.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2001.
240 Seiten, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3895283436

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