Die Schlacht in der Geschichte

Ein Sammelband auch zur Gesellschaftshistorie

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Historiographie, die in den letzten Jahren eine breitere Öffentlichkeit interessierte, war neben der stets beachteten Biographik vor allem Sozial- und Mentalitätsgeschichte. Ein Sammelband zu "Schlachten der Weltgeschichte" wirkt demgegenüber wie die böse Erinnerung an einen Schulunterricht, in dem es zu lernen galt, dass "dreidreidrei" bei Issos eine "Keilerei" sich ereignet habe. Zu Unrecht, wie die meisten Beiträger des von Stig Förster, Markus Pöhlmann und Dierk Walter herausgegebenen Buchs demonstrieren. Schlachtenbeschreibung kann mehr sein als abseitiges Hobby ewiggestriger Waffenfetischisten. Warum und wie gekämpft wurde, sagt viel über die Gesellschaften aus, die gekämpft haben.

Schon im Vorwort ist der Begriff der Schlacht problematisiert und auf diese Weise geschärft. Die meisten Leser dürften zunächst an zwei Armeen denken, die im Morgennebel sich geordnet gegenüberstehen und deren eine abends dann das Schlachtfeld siegreich kontrolliert, worauf im Idealfall der Krieg entschieden ist. Richtig daran ist, dass Schlachten über Jahrhunderte hinweg zeitlich und räumlich eng begrenzte Ereignisse waren. Die Schlachten des 20. Jahrhunderts dagegen, die im Buch nachgezeichnet sind, lassen sich mit dieser Definition nicht mehr fassen. Sie dauerten zum Teil Wochen, erstreckten sich über hunderte von Quadratkilometern und sind eher als eine Reihe von miteinander verbundenen Kampfhandlungen zu verstehen.

Eine Entscheidung bringen Schlachten seltener als vielleicht vermutet. Der Band stellt einige Konfrontationen vor, die eindeutig die Sieger im Krieg festlegten: Nach der Niederlage bei Waterloo im Jahre 1815 war Napoleons Versuch einer Rückkehr auf seinen Thron gescheitert, der japanische Seesieg bei Tsushima 1905 entschied auch den Krieg gegen Russland. Häufiger jedoch sind die Fälle, in denen auch ein deutlicher Sieg die Ressourcen des Gegners nicht erschöpft oder politische Faktoren es verhindern, dass dem Erfolg auf dem Schlachtfeld ein politischer Erfolg entspricht: Hannibal, nachdem er 216 v. Chr. das römische Heer bei Cannae vernichtet hatte, verlor dennoch den Krieg. Die vietnamesischen Befreiungskämpfer, die 1954 bei Dien Bien Phu ihre französischen Kolonisatoren militärisch entscheidend schwächten, konnten in den nachfolgenden Friedensverhandlungen dennoch nur einen Teilerfolg verbuchen: Ihre chinesischen Unterstützer, die eine verschärfte globale Konfrontation mit den USA fürchteten, bewegten sie zu einem Teilverzicht. Erst 1975 konnte auch der Süden Vietnams befreit werden.

Die Beispiele zeigen, dass die Verfasser nie das Militärische isoliert betrachten, sondern stets die politischen Voraussetzungen und Folgen ihrer Schlachten bedenken. Der Band ist kein Fest für die Freunde nostalgischer Militaria, und nirgends ist kampfselig das Morden heroisiert. Auf der anderen Seite lässt die durchgehend sachliche Darstellung auch der pazifistischen Moral keinen Raum; nur der Klappentext eines offenkundig vorsichtigen Verfassers preist das Buch als Beitrag dafür, den Krieg künftig aus dem Repertoire zwischenstaatlicher Konfliktlösung zu verbannen. Das aber ist auf unabsehbare Zeit Träumerei; angemessener als solch ängstlicher Humanismus ist eine Analyse und Interpretation des Faktischen, wie die Beiträger sie durchgehend leisten.

Die Auswahl der Schlachten ist anfechtbar, wie jede es wäre. Der Bogen spannt sich vom griechischen Sieg über die Perser bei Salamis 480 v. Chr. bis zur Schlacht um den Sinai im Jom Kippur-Krieg 1973. Kriterium der Herausgeber war, Schlachten zu Land, zu Wasser und in der Luft zu berücksichtigen, wobei freilich die beiden Seeschlachten von Salamis und Tsushima und die Luftschlacht über England sich gegenüber 21 Landschlachten etwas verloren ausnehmen.

Punktuell ist die europäische Geschichte zur Universalgeschichte geweitet und tauchen Kampfhandlungen auf, die hierzulande kaum bekannt sein dürften: die Niederlage der Kreuzfahrer gegen ein islamisches Heer bei Hattin 1187, ebenfalls im heutigen Palästina 1260 bei Ayn Dschalut das Scheitern eines mongolischen Eroberungsversuchs; der Sieg des von Mongolenfürsten abstammenden Warlords Babur, der von Kabul kommend 1526 bei Panipat die Grundlage für das Mogulreich in Indien legte; der abbessinische Abwehrerfolg bei Adua 1898 gegen den ersten italienischen Versuch, im heutigen Äthiopien ein Kolonialreich zu erobern. Rechnet man die Konfrontationen des als kulturell europäisch-nordamerikanisch definierten Bereichs mit dem als fremd angesehenen hinzu, bei Salamis, bei Alexanders Sieg bei Gaugamela 331 v. Chr., bei der Belagerung Wiens durch die Türken 1683, bei Tsushima, Dien Bien Phu, im Sinai und bei der Eroberung Okinawas durch US-Truppen, so ist der Anspruch, Weltgeschichte zu schreiben, einigermaßen eingelöst. Fast die Hälfte der Schlachten betrifft keine innereuropäischen Auseinandersetzungen. Mehr zu bringen über etwa innerafrikanische oder innerasiatische Kämpfe verhinderten wohl Quellenlage oder die auf europäische Geschichte fokussierte Personalstruktur der Universitäten.

Zuweilen allerdings entsteht bei der Lektüre der Eindruck, dass ein Mangel an Quellen die Darstellung auch begünstigen kann. Über die taktischen Details der antiken Schlachten ist wenig bis nichts bekannt, bei denen des Mittelalters ist es oft nicht viel anders; entsprechend viel Raum ist den politischen Umständen, der strategischen Bedeutung und den langfristigen Folgen der Schlachten gewidmet. In manchen Beiträgen, die späteren, umfassend dokumentierten Auseinandersetzungen gewidmet sind, verselbstständigt sich der Bericht. Obwohl zu jeder Schlacht eine Karte vorliegt, musste der Rezensent beim Versuch, die Truppenbewegungen nachzuvollziehen, mehr als einmal die weiße Fahne hissen. Dass sich auch komplexe militärische Vorgänge, die sich über längere Zeit hinzogen, aufs Wesentliche konzentrieren lassen und dabei noch Gelegenheit bleibt, pointierte Thesen zur Bedeutung der Schlacht zu entwickeln, zeigen etwa Frank Becker (zu Königgrätz 1866) und Jürgen Förster (zu Stalingrad 1942/43).

Apologetische Verfälschung fehlt fast durchgehend, obwohl Historiker aus manchen Ländern auch für ihre Armeen unerfreuliche Details darzustellen hatten. Der amerikanische Historiker Gerhard L. Weinberg, der über die verlustreiche Eroberung Okinawas im Frühjahr 1945 schreibt, interpretiert freilich die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki umstandslos als humanitären Akt, der Menschenleben gespart habe - als sei nicht die Frage umstritten, ob die japanische Regierung auch vor dem Abwurf zur Kapitulation bereit gewesen sei, als habe nicht die US-Regierung auch das Ziel gehabt, den Kalten Krieg gegen die Sowjetunion mit einer massiven Drohung zu eröffnen. Doch ist dieser Beitrag eine Ausnahme.

Vielfach nur am Rande behandelt ist ein wichtiges Thema: die Wechselwirkung von technischer Entwicklung und Kriegsführung. In den Aufsätzen, die Schlachten bis hin ins 19. Jahrhundert zum Thema haben, ist der Aspekt immerhin fast durchgehend angesprochen; und deutlich wird, einer weitverbreiteten Auffassung entgegen, dass die verlustreichen Stellungskriege im Ersten Weltkrieg keineswegs die Kriegsparteien völlig unvorbereitet trafen, dass schon mit der Verbesserung der Handfeuerwaffen Mitte des 19. Jahrhunderts der Verteidiger ein deutliches Übergewicht erhielt und erst die Erfindung des Panzers einen Ausgleich brachte.

In den Beiträgen zum 20. Jahrhundert fehlt der Aspekt der Technik dagegen fast durchgehend. Das ist bedauerlich, zumal, wie das Vorwort andeutet, aufgrund technischer Entwicklungen der Begriff der Schlacht für zukünftige Kämpfe veraltet sein könnte. Die große Bedeutung der Luftwaffe könnte die räumliche Konzentration, die für unsere Vorstellung einer Schlacht konstitutiv ist, obsolet machen; die Luftschlacht um England 1940, die in den Band aufgenommen ist, kennt schon kein eigentliches Schlachtfeld mehr. Andererseits konnte die NATO 1999 durch einen Krieg fast ausschließlich aus der Luft dem Gegner zwar ökonomisch, doch nicht militärisch entscheidende Verluste zufügen. Das Ziel, Milosevic zu stürzen, wurde erst 2000 durch einen Putsch erreicht; der militärische Erfolg in Afghanistan 2001 wäre nicht denkbar, hätten nicht kampferprobte und landeskundige Verbündete am Boden dazu beigetragen. Ungewiss ist, wie die Anteile von Boden- und Luftkampf am Sieg verteilt sind, ob es sinnvoll wäre, einen Aufsatz etwa über eine Schlacht bei Kundus oder Tora Bora zu schreiben. Die Geschichte der Schlacht liegt vor; ihre Zukunft bleibt abzuwarten.

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Stig Förster / Markus Pöhlmann / Dierk Walter (Hg.): Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai.
Verlag C. H. Beck, München 2001.
416 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3406480977

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