Wer weiß, warum sie gegangen sind?

Ana Menéndez' erster Geschichtenband erzählt nicht nur von Kuba

Von Doris BetzlRSS-Newsfeed neuer Artikel von Doris Betzl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist nicht ganz einfach, die Geschichten der kubanisch-stämmigen Autorin Ana Menéndez zu fassen: Sie wollen nicht in eine Schublade. Sie überraschen, manchmal verwirren sie gar. Es schichten sich unterschiedliche Orts- und Zeitebenen, poetisch-absurde Fragmente stückeln ein ums andere Mal die Erzählungen. Sie geben Rätsel auf - und selten Antworten. Situationen kippen ins Phantastische: "Die Tante Julia klettert auf den Tisch und bittet mit erhobenen Händen um Stille.,Heute habe ich die Sonne gegessen', sagt sie.,Die Dunkelheit war köstlich.' Wir sitzen da und starren sie an, bis sie den Mund aufmacht und uns blendet."

Dann wiederum eröffnen sich dem Leser - eher beiläufig und in knappen Skizzen - Momente, die für die Situation einer realen Generation von Entwurzelten stehen: Lebensläufe von Exilkubanern. Eine junge Ehefrau sorgt sich um ihren Mann: Er wollte sich mit einem Floß an den Strand von Miami spülen lassen. Noch ist er nicht wieder aufgetaucht. Máximo arbeitet im Land der unbegrenzten Möglichkeiten als Kellner. In Havanna lehrte er an der Universität. Seine Frau leitete ehemals eine Schar Bediensteter, in den USA kocht sie allein das Mittagessen für Feldarbeiter.

Doch ist das Leben damals und jetzt vor allem der Rahmen für Momentaufnahmen menschlicher Beziehungen. Ana Menéndez schreibt Kurzgeschichten: In nüchterner Sprache, in wenigen Sätzen entstehen Stimmungen, werden Empfindungen evoziert, die dem Leser vertraut sind: Das Wissen um Menschen, die man nicht halten kann. Erkenntnis, deren Endgültigkeit durch die Hoffnung noch ein wenig hinausgezögert wird. Und die andere Perspektive, wenn man es selbst ist, der sich lossagt. So schwebt die Mehrzahl der Geschichten melancholisch zwischen Verweilen und Aufbruch, ein wenig noch an die Vergangenheit anhänglich.

Der vorliegende Erzählband ist die erste Buchveröffentlichung der jungen Amerikanerin. Vormals arbeitete sie als Journalistin - ihr Gespür für knappe, treffende Schilderungen lässt es erahnen. Im amerikanischen Original lautet der Buchtitel im Übrigen "In Cuba I Was a German Shepherd" - zu deutsch: "In Kuba war ich ein Schäferhund". Diese direkte Übersetzung wäre dem mitunter surrealen Charakter der elf Erzählungen von Ana Menéndez vielleicht näher gekommen als die tatsächliche deutsche Übertragung: "Damals in Kuba" kommt im Titel-Vergleich arg schlicht und vage daher.

Titelbild

Ana Menendez: Damals in Kuba.
Karl Blessing Verlag, München 2001.
223 Seiten, 19,43 EUR.
ISBN-10: 3896671405

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