Eufeministischer Rassismus?

Die Ethnologin Margrit E. Kaufmann legt ein Buch über Kultur-, Körperpolitik und Gebären vor

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Schnittpunkt von Sexismus und Rassismus liegt im Gebären, so zumindest die These der Soziologin und Ethnologin Margrit E. Kaufmann. Denn in ihm, so führt sie in ihrem jüngst erschienenen Buch "Kulturpolitik - Körperpolitik - Gebären" aus, verbinden sich "soziale und politische Körperschaften" mit dem "Leib von 'Frauen'". Erklärtes Ziel ihrer Untersuchung ist es, dem Gebären als "Nahtstelle" beider Unterdrückungsformen auf den Grund zu gehen. Neben der "Vermittlung" von Rassismus und Sexismus weist die Autorin auf die Verbindung der "Ebene von Sprache und Kultur" mit der "Ebene von Körpern und Leiblichkeit/embodiement" hin. Mithilfe von Ansätzen, "die der Sprache großes Gewicht beimessen (z. B. Butler)" und jenen, "die ein Embodiement und den Leib thematisieren (z. B. Duden)", will sie eine "feministisch tradierte 'Natur'-'Kultur'-Dichotomie" aufheben. Daher benutzt sie die politischen Begriffe Sexismus und Rassismus" ideologiekritisch, während sie bei der Untersuchung, "was Rassismus und Sexismus beinhalten", dekonstruktivistisch verfährt.

Kaufmann unternimmt es darzulegen, dass die beiden untersuchten Unterdrückungsformen zwar bezüglich des "ideologischen Gehaltes" der sie fundierenden "Bedeutungskonstruktionen" und der sie hervorbringenden "Machtverhältnisse" "strukturell vergleichbar" sind, nicht jedoch hinsichtlich ihrer "spezifischen Anwendungspraxis". Das ist zwar unscharf formuliert, denn natürlich ist - ebenso wie bei Äpfeln und Birnen so auch hier - Vergleichbarkeit die notwendige Voraussetzung dafür, Unterschiede überhaupt feststellen zu können. Bemerkenswert ist jedoch, wie die Autorin die Differenz und so das Verhältnis beider Unterdrückungsformen zueinander bestimmt: Anders als die Kategorie 'Rasse' gehe die Geschlechterkategorie "durch alle anderen gesellschaftlichen Kategorien" hindurch. Daher setze "jede Betrachtung" von Ethnizität, Nation und Klasse ein "bestimmtes Geschlechterverhältnis" voraus. Geschlecht ist also zumindest in Hinblick auf die Erkenntnisgewinnung den anderen Kategorien logisch vorgängig. Aber nicht nur das. Es ist weder das Klassenverhältnis, noch das von Ethnien, sondern das Geschlechterverhältnis, das "die Generierung der Gruppe beziehungsweise des Staates sichert". Somit kommt gender gegenüber Ethnie/'Rasse' und gegenüber Klasse auch real das Primat zu. Das sind wichtige und erhellende Überlegungen. Als weiterer Unterschied zu den anderen beiden Struktur- und Analysekategorien kommt noch "verkomplizierend" hinzu, dass "'Frauen', 'Männer', 'queere Personen' u. a. sich auch gegenseitig begehren." Auch das ist ein nicht zu verleugnender und nicht geringzuschätzender Unterschied gegenüber 'Rasse' und Klasse.

Gerade angesichts dieser Überlegungen ist es - auch eingedenk von Judith Butler - nicht plausibel, dass Kaufmann behauptet, die Begriffe 'Sex' und 'Gender' seien "nicht generell auf andere Gesellschaften übertragbar". Sollte aber nur gemeint sein, dass die realen westlichen Ausprägungen von 'sex' und 'gender' nicht generell übertragbar sind, so wäre dem nicht nur zuzustimmen, es wäre eine Banalität.

Nicht nachvollziehbar sind aber auch Kaufmanns Ausführungen zur "Verschiebung der Rassismen und Sexismen begründenden Referenz von Körper auf Kultur": nicht allein die Kategorie "Rasse" bilde nunmehr die Grundlage des Rassismus, sondern in zunehmendem Masse hätten die Kategorien "Kultur" und "Ethnizität" diese Fundierungsfunktion inne. Unsinnig ist Kaufmanns Argumentation, weil das wesentliche Kriterium von Sexismus und Rassismus die Referenz auf die - da vermeintlich biologisch bedingte - unabänderbare Unterlegenheit der 'Anderen' ist, und weil, wie die Autorin selbst an anderer Stelle ganz richtig hervorhebt, eine "wichtige Strategie rassistischer und sexistischer Diskurse" in der "Reduktion 'Anderer' auf den Körper" besteht.

In der These, dass "Kulturalismus" verkappter Rassismus (oder ihm zumindest dienstbar) sei, liegt die grundsätzliche Krux von Kaufmanns weiterer Argumentation, die nur wenig zugespitzt darauf hinaus läuft, dass sich hinter der Kritik nichtwestlicher kultureller Praxen stets eine rassistische Haltung verberge oder umgekehrt, dass sich Rassismus heute hinter Kulturkritik an nichtwestlichen Gesellschaften und deren Praxen verberge. Dies geschehe, so argumentiert Kaufmann, da von differentialistischen Neo-Rassismen "'Kultur' und Ethnizität' naturalisiert" und als "Letztbegründungsinstanz" verwendet werden. Dabei übersieht sie jedoch, dass Kultur entweder der Beglaubigung von Kritik dient, oder aber die Differenzen der Kulturen naturalisiert werden, also aus der - vermeintlich - natürlichen Differenz der sie lebenden Menschen begründet werden. Dann ist aber nicht die Kultur die letztbegründende Instanz sondern die Natur, die ihrerseits die Kulturen ursächlich begründet. Das eine schließt das andere aus. Dass kulturell argumentierender Kritik gerade die biologische Begründung fehlt und daher das Moment der Veränderbarkeit als gegeben unterstellt wird, wird von Kaufmanns Kulturalismuskritik kaum berücksichtigt, obgleich sie an anderer Stelle selbst betont, dass "sowohl in Rassismen als auch in Sexismen [...] soziale Verhältnisse" darum "als natürlich" erscheinen, "weil Differenzen am anderen Körper festgemacht werden". Genau hierin unterscheiden sich eben rassistische von 'kulturalistischen' Auffassungen.

Kaufmann erklärt weiter, dass sich der Feminismus zur "Verschleierung rassistischer Absichten" besonders eigne, und bildet für feministisch verkappten Rassismus den Neologismus "Eufeminismus". Dieser lauere überall, wo feministische Kritik an nicht westlichem Sexismus geübt wird - oder in Kaufmanns Worten: "Aus 'westlicher' feministischer Sich ist es schwierig, sich nicht von eufemistisch-rassistischen Angeboten einnehmen zu lassen; zumal Feministinnen dahin tendieren, 'Kultur'-Begriffe unhinterfragt als Befreiungsinstrumente zu betrachten." Die Gefahr, dass berechtigte feministische Kritik in eufeministischen Rassismus umschlägt scheint für die Autorin so schwer zu wiegen, dass Kritik an anderen Kulturen oder an deren sexistischen Praktiken wohl am besten ganz unterbleiben muss. Eufeministisch ist es für die Autorin etwa, "andere Gesellschaften nach ihrem Grad von Sexismus" zu beurteilen. Denn als "Opfer des Sexismus und religiösen Fundamentalismus 'anderer Männer' und Gesellschaften" würden "'andere Frauen' den 'emanzipierten westlichen Frauen' mit ihren 'liberalen Männern' und der 'christlich-westlichen' Kultur gegenübergestellt". Das liest sich gerade so, als könne Kritik an nicht westlichem Sexismus nicht mit Kritik am ja schließlich auch nicht gerade geringen Sexismus der westlichen Kultur einhergehen, sondern nur zu dessen Legitimation oder zumindest zu dessen Verschleierung verwandt werden. In ihrer Sorge, dass feministische Kritik "zu rassistischen Zwecken verwendet" werden könne, scheint die Autorin nachgerade zu vergessen, dass frauenmordende patriarchal-religiöse Tyranneien wirklich existieren. Darauf deutet zumindest hin, dass in ihrem Buch ein an nicht westliche Kulturen gerichteter Sexismusvorwurf im Grunde nur als getarnter Rassismus vorkommt, der sich der "Dämonisierung [...] des 'islamischen Fundamentalismus'" schuldig mache, gerade so, als habe es unter den Taliban kein Schulverbot für Mädchen gegeben, als gäbe es keine Burkas, keine Steinigungen, als würden Frauen nicht lebendig begraben, oder als wäre das alles halb so schlimm.

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Margrit E. Kaufmann: Kulturpolitik - Körperpolitik - Gebären.
VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage, Leverkusen 2001.
328 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 381003259X

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