Blaubarts Blaustrümpfe und hysterische Hieroglyphen

Eine Bielefelder Veranstaltungsreihe zu "Grenzüberschreibungen" von Feminismus und Cultural Studies

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wissenschaftlicher Feminismus und Cultural Studies nähern sich ihren Forschungsobjekten nicht nur transdisziplinär sondern haben auch eine Reihe von Forschungsgegenständen und erkenntnisstiftenden Methoden gemeinsam. WissenschaftlerInnen der Universität Bielefeld haben daher, eine Vortragsreihe ins Leben gerufen, in der seither die "Grenzüberschreibungen" beider thematisiert werden, womit das Hin- und Herschreiben "zwischen gar nicht so klar zu trennenden Bereichen" gemeint ist. Einige der bisher gehaltenen Vorträge wurden nun von Hanjo Berressem, Dagmar Buchwald und Heide Volkening in der Reihe der Bielefelder Schriften zur Linguistik und Literaturwissenschaft herausgegeben. Die versammelten Beiträge gehen auch Zusammenhängen von Freiheit, Mutterschaft und Vermarktung am Beispiel der Freiheitsstatue nach oder dem von Gender, Genre und Ethnizität. Dennoch ist die Literaturwissenschaft mit Sabine Kyora, Claudia Öhlschläger und anderen besonders zahlreichreich vertreten. Kyora beleuchtet "Inszenierungen von Kultur und Geschlecht" im Werk Elfriede Jelineks, wobei sie sich insbesondere auf den umfangreichen Roman "Die Kinder der Toten" bezieht. In dem Buch stehen, so die Autorin, der "Geschichtsraum" und der "Geschlechtsraum" einander konkurrierend gegenüber. Zwar verlaufe die Grenze zwischen Opfern und Tätern im Geschlechtsraum zwischen Männern und Frauen, nicht so jedoch im Geschichtsraum. Ölschläger widmet sich der "Negativen Anthropologie" in Kafkas 'Tiertexten', in denen, wie die Autorin darlegt, die Frage nach den Möglichkeitsbedingungen menschlicher Existenz ex negativo erörtert werden.

Nicht dem Medium Buch, sondern dem Cyberspace wendet sich Niram Abbas zu und holt so manche euphorische Cyberspace-Phantasie zurück auf den Boden der Realität. Zwar verspreche uns der "spekulative Diskurs" des Cyberspace "jeden Körper, den wir uns wünschen". Das sage allerdings "rein gar nichts" über die Körper, die die user immer schon besitzen und über die Bedeutungsstrukturen, die sie verkörpern. Denn in Wirklichkeit sind sie "natürlich nie entkörpert". Vielmehr können "simulierte Welten" für sie nur existieren, indem sie sie mit den "Techno-Apparrat[en]" ihrer Körper wahrnehmen. Der Eindruck, dass der Cyberspace entkörpert sei, werde also durch die "materiellen Realitäten der Situation widerlegt". Zurecht weist die Autorin darauf hin, dass der Computer-Diskurs von Geschlechterklischees durchzogen ist, die unübersehbar sexualisiert und misogyn sind. Die Verbreitung von "virtuellem Sex" und von Offerten käuflichen Sexes im Internet sei nicht so 'harmlos', wie gerne propagiert wird, denn sie repräsentieren einen "Blick auf Frauen", der "zerstörerisch und erniedrigend" ist, wie die Autorin sehr zu recht betont. Soweit, so gefährlich. Doch andererseits, so Abbas weiter, hinterfrage die "Netz-Ethik" die "grundlegende[n] Identitäten" und die "dualistische[n], sexuelle[n] Kategorien". Nun schreibt sie selbst fast schon schwärmerisch, "Vorstellungen von Authentizität, von essentieller Weiblichkeit und vom Selbst" würden "baudrillardisch" zugunsten "multipler Rollen, alternativen Personae und einer Matrix der Möglichkeiten" verschoben, die den Menschen erlaube, "sich selbst schneller neu zu codieren als dies die disziplinarischen Technologien vermögen".

Auch überrascht angesichts von Abbas' Ausführungen zum Verhältnis von realem und virtuellem Körper, dass die Autorin die Differenz zwischen der "Realität in virtuellen Welten" und der "Realität in der täglichen Welt" nicht als eine Frage der Ontologie sondern als eine der Epistemologie auffasst. Denn, so argumentiert sie, beide seien "sowohl kulturelle, als auch technologische Gebilde, voll von Medien und anderen Formen alltäglicher Technologien". Eine wenig überzeugende Begründung, denn diese Gemeinsamkeiten reichen kaum hin, um dem Unterschied zwischen beiden die ontologische Dimension zu nehmen, deren Relevanz durch die Beantwortung der bekannten Frage deutlich wird, welches Ich denn nun die Internet-Rechnung bezahlt.

Obwohl Abbas der Differenz den ontologischen Status abspricht, beharrt sie darauf, dass virtuelle Realitäten nur zu einer "Illusion von Kontrolle über Realität, über die Natur und besonders über den störrischen, geschlechter- und rassenmarkierten, letztlich sterblichen Körper" verhelfen. So handelt es sich - ungeachtet dessen, dass man vielleicht nicht all ihre Argumente mit vollziehen mag, um einen ebenso differenzierten wie letztlich erhellenden Beitrag.

Letzteres lässt sich auch für Annette Kecks Untersuchung der "Koinzidenz von Blaubart-Erzählungen und Hysteriegeschichten" feststellen. Durchgängiges Motiv der Blaubartgeschichten sei das "Wechselspiel von männlich/göttlichem Verbot und weiblicher Neugier". Während der Blaubart der Romantik ein blutrünstiger sechsfacher Mörder ist, der seinerseits durch eine List seiner siebten Frau zu Tode kommt, wird in den späteren, "sogenannten 'realistischen' Texte[n]" des 19. Jahrhunderts der Verdacht von Blaubarts Frau als - durch 'Lesewut' evozierte - weibliche "Projektion ohne Realitätsgehalt" dargestellt. In der verbotenen Kammer hängen nunmehr nicht die Leichen der früheren Ehefrauen Blaubarts. Statt dessen steht hier nun bezeichnender Weise die Wiege für den von Blaubart erhofften Stammhalter, wie etwa in Friedrich Wilhelm Hackländers Blaubartnovelle. Die mit dem Tode bedrohte Frau wird zur Hysterikerin umgedeutet, die "Literatur und Leben, Wahrheit und Lüge" verwechselt. "Weibliche Neugier und weiblicher Wille zum Wissen" so die Autorin, "erscheinen pathologisiert im Befund der Hysterie: Blaubart und Blaustrumpf gehen Hand in Hand".

Im weiteren wendet sich die Autorin den Darstellungen von Hysterikerinnen in den Photographien Jean Martin Chacots und dem "Synoptische[n] Tableau des großen, vollständigen und regelmäßigen Anfalls" von J.-M. Richter zu. Die "hysterische[n] Körper", hier "in Krämpfen aufgespannt, grotesk entstellt", seien "der ägyptischen Aspektive analog." Das abgebildete "Tableau" von Richter erinnert tatsächlich auf frappierende Weise an Hieroglyphen-Tafeln. Hysterikerinnen "bedeuten nicht nur Literatur, sondern sind Literatur" lautet das Fazit von Kecks nicht nur erhellendem, sondern durch seinen oft leicht ironisierenden Ton auch vergnüglich zu lesenden Beitrag.

Ganz anders tritt Heide Volkening auf. Ihr Text "Den Schleier schreiben" spreizt sich gelegentlich ebenso wie sein Titel. Ihr sicher vor dem 11. September verfasster Beitrag, thematisiert das Verhältnis der "westliche[n] Welt" zur Verschleierung der islamischen Frau. Dem Westen diene der Schleier als "Symbol der Unterdrückung der Frau", gegen die er sich "als emanzipatorisch profilieren zu können" suche, heißt es eingangs, womit der Schleier von einem Instrument der Unterdrückung zu einem Symbol verharmlost wird, dem die Bedeutung von Unterdrückung nicht für die islamischen Frauen (und Männer) zukommt, sondern nur für die 'westliche Welt'. Ja genau genommen nicht einmal für sie, vielmehr wird ihm diese Bedeutung in kolonialistischer Absicht nur zugesprochen. Denn es sind - fast - ausschließlich Kolonisatoren, die bei der Autorin als Kritiker des Schleiers auftauchen. Die Entpersonalisierung der Frau durch den Schleier, die Entindividualisierung zumindest ihrer Ausdrucksmöglichkeiten durch den Schleier, wird als widerständig, ja wohl emanzipatorisch gefeiert, da die verschleierte Frau sich dem - männlichen - Auge widersetze. "Alles was sie zeigt ist, das sie nichts zeigt", denn "jede ist wie die andere". Natürlich soll hier nicht geleugnet werden, dass es den entwürdigenden Blick des Mannes auf die Frau gibt. Die Lösung dieses Problems kann jedoch nicht darin bestehen, dass sich Frauen hinter einem Schleier verstecken müssen. Die Autorin sieht in der Verschleierung jedoch eine Umkehrung der Machtverhältnisse, wie sie am Beispiel eines Photographen und seinen sexistisch-rassistischen Photographien darlegt, auf denen sich verschleierte Araberinnen für das Auge der Kamera entkleiden. "Angesichts der verschleierten Frau kehrt sich das Machtverhältnis zwischen Photograph und seinem Objekt nahezu um. Der Schleier bricht die Macht des photographischen Blicks, indem er eine Grenze des Mediums und seines Gebrauchs buchstabiert."

Als Fazit referiert sie zustimmend Derridas Position, weder gegen den Schleier noch für ihn zu sein, "sondern gegen seine Vorschrift und gegen sein Verbot". Eine wohlfeile Haltung, die nicht zuletzt daran krankt, dass die Autorin hier - wie überhaupt - das Kopftuchverbot für eine islamische Lehrerin an einer deutschen Schule mit der islamistischen Tyrannei gegen Frauen nivelliert, die sich keinen Schleier aufzwingen lassen wollen. Dass iranische Revolutionswächter Frauen schon mal den verrutschten Schleier auf dem Kopf festnageln, fanatische Islamschüler etwa in Pakistan Säure in unverhüllte Frauengesichter schütten und islamistische Terroristengruppen in Algerien unverschleierte Frauen ermorden, nicht ohne sie vorher vergewaltigt zu haben - all das kommt bei Volkening nicht vor, beziehungsweise wird mit der freundlichen Metapher umschrieben, dass den Frauen der Schleier "als gottgewolltes Gewandt vor den Kopf gehalten" wird. Nur milde klingt hier Kritik durch, und selbst die wird durch eine zweite Metapher noch mit dem Westen in Verbindung gebracht: bei dem vorgehaltenen Schleier handele es sich um "eine Situation, die auch als zweiter Kolonialismus beschrieben" werden könne.

Angesichts Volkenings Haltung, weder gegen noch für den Schleier zu sein, fällt einem Herbert Marcuses Wort von der "repressiven Toleranz" ein, das sich "auf politische Maßnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen" bezieht, welche "die Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuführen behindern, wo nicht zerstören".

Titelbild

Hanjo Berressem / Dagmar Buchwald / Heide Volkening (Hg.): Grenzüberschreibungen. "Feminismus" und "Cultural Studies".
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2001.
298 Seiten, 34,80 EUR.
ISBN-10: 3895282707

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