Körper, Kunst und Kulturwissenschaft

Sabine Wilke über "Ambiguous Embodiment. Construction and Destruction of Bodies in Modern German Literature and Culture"

Von Eva KormannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eva Kormann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die jüngsten biotechnologischen Debatten über Retortenbabys nach Maß vom Stile eines "wenn Eltern sich für Tennis interessieren, sollen sie Tennischampions züchten dürfen" und künstliche Organproduktionen provozieren die Frage nach der Natürlichkeit von Körpern. Ähnlich wie Butlers "Körper von Gewicht" (1991), Geiers Suche nach Pandoras Töchtern in "Fake" (1999) und Haraways Cyborgphantasien (1995) danach fragen, was als "natürlich" gelten kann und wie menschliche Körper in Alltag, Kunst und Wissenschaft konzipiert werden. Der Körper eines Menschen steht in einem Kräftefeld zwischen materiellen Vorgaben, soziokulturellen Deutungen und individuellen Freiheitswünschen. Er ist Schnittstelle zwischen unhintergehbarer, unvermeidlicher (aber dennoch manipulierbarer) Materialität und genauso unhintergehbarer, unvermeidlicher und trotzdem veränderbarer kultureller Deutung, und er ist bei all diesen Zwängen letztlich Voraussetzung für - und zugleich Widerstand gegen - jede Vorstellung und Variante einer Subjektivität des Einzelnen.

Körper und Verkörperungen haben deshalb Konjunktur, nicht nur im kommerziellen Bereich von Wellness und Anti-Aging: Das Interesse am Zusammenprall von Materialität, Bedeutungskonstruktion und kreativer Manipulation des Vorgegebenen verbindet die Performancekunst Valie Exports mit den Fotoinstallationen Cindy Shermans und den Sprachteppichen Elfriede Jelineks. Und in Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaft wird der Körper zu einem zentralen Thema: An seiner Deutung scheiden sich die Geister, er leistet gewichtigen Widerstand gegen Vorstellungen der reinen Textualität, und doch kann es keine Debatte über "Körper" geben, die Konstruktion und kulturelle Bedeutungszuschreibung durchdringen, vermeiden, hintergehen kann.

Sabine Wilkes "Ambiguous Embodiment" versucht Körperbilder in Literatur, Bildender Kunst und Filmen des 20. Jahrhunderts in ihrer Mehrdeutigkeit zu erfassen. Sie analysiert Körperkonstruktionen - und Körperdestruktionen - in den Werken Valie Exports, Monika Treuts, Elfriede Jelineks, Verena Stefans, Bodo Kirchhoffs, Franz Kafkas, Leopold von Sacher-Masochs, Frank Wedekinds, Peters Weiss' und Heiner Müllers. Wilke richtet ihr Augenmerk auf die Konstruktion eines geschlechtlichen Körpers zwischen kulturellen Vorgaben und konkreten Verhandlungen dieser Vorgaben im einzelnen Werk. Sie fragt nach den Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Erschaffens eines weiblichen Körpers jenseits von voyeuristischen Traditionen eines männlich-heterosexuellen Blicks und liest anhand von Kirchhoffs Texten Bodybuilding als "creation of a fortress around the body" und als "a metaphor for writing and male desire." Kulturelle Körperbilder erweisen sich für Wilke als ambig: Einerseits bezeichnen sie die soziokulturelle Bedingtheit der Körper, andererseits aber wird in ihnen solche Bedingtheit verhandelt, zurückgewiesen und zum künstlerischen Spielball. Insoweit Wilkes Analysen diesen befreienden, Kräfte gegen Beharrung aktivierenden Aspekt künstlerischer Körperfigurationen betonen, bereichern sie die kulturwissenschaftliche Körperdebatte und führen sie weg von einer Polarität zwischen Authentizität und gesellschaftlicher Einschreibung.

Die Mehrdeutigkeit der Körper reduziert sich allerdings in ihrer Konzeption auf "The Body Maimed, the Body Liberated", so schon der Titel der Einleitung:

"This is a case study of the cultural processes of construction and destruction of bodies in modern German culture. I argue that both processes have to be understood as resulting in ambiguous embodiment. The body, as I explain in my introduction, has to be conceived as maimed and as liberated at the same time. In the context of the current critical discussion of embodiment which informs this study, I show that the body is located at a paradigmatic intersection of contingency and permanence, of fact and ideology, of sex and gender, and that its ambiguous embodiment calls these oppositions into question."

Als Conclusio ihrer einleitenden Lektüre der Körper- und Geschlechtertheorien zwischen Foucault, Bovenschen, Duden und Butler steht bei Wilke dieser vereinfachende Kontrast zwischen - soziokulturell provozierten - "Verstümmelungen" des Körpers und seiner befreienden Kraft: Körper sind für die Autorin "social, historical, cultural, and sexual constructions" und "the very site for concrete individual and subjective negotiations of power."

Dieser Band widmet sich einem hochaktuellen Thema, untersucht spannendes Material und ist didaktisch-klug und übersichtlich aufgebaut. Doch ihn durchziehen begriffliche Unschärfen und ärgerliche Vereinfachungen: So muss man fragen, was sind in der zitierten Reihe von körperkonstruierenden Einflusskräften "sexual constructions"? Sollte hier nicht eher von sozialen, historischen und kulturellen Konstruktionen geschlechtlicher Körper gesprochen werden? Und wie kann diese soziokulturelle, sich historisch wandelnde Konstruktion von "Körper" gleich verstümmeln, was sie doch - als Konstruktion - überhaupt erst erschafft? Wenn Wilke den konstruierten Körper als "body maimed" bezeichnet, verhüllt dies, meine ich, ziemlich fadenscheinig und durchsichtig einen letztlich doch essentialistischen Körperbegriff, zumindest eine Rousseausche Sehnsucht nach einem unverdorbenen Ursprünglichen. Zu solch mangelnder theoretischer Konsequenz passt schließlich auch, dass Wilkes Foucault-Rezeption auf dem Stand der feministischen Debatte der achtziger Jahre verbleibt: Politische Zweckmäßigkeit bestimmt, was eklektisch übernommen wird, und Foucaults Modell der Machtstrukturen gerät in die Kritik, weil es für ein sich emanzipierendes weibliches Subjekt keinen Raum lässt.

Weitreichender noch ist ein methodisches Problem dieser Studie, ein Problem, zu dem kulturwissenschaftliche Ansätze Stellung beziehen müssen: Wilke bezeichnet die von ihr analysierten Kunstwerke immer wieder als "documents". Künstlerische Körperbilder werden in ihrem Fokus zu Dokumenten einer soziokulturellen Körperkonzeption, und sie werden im Zusammenspiel mit alltagsweltlichen, nicht-künstlerischen körperbezogenen Prozessen gelesen. Solche Kontextualisierung erweitert unstreitig den Blickwinkel literatur- und kulturwissenschaftlicher Analysen, Wilkes Werkuntersuchungen beweisen es. Die Kontextualisierung fordert aber auch, den unterschiedlichen Status von Körperkonzeptionen in fiktionalen und künstlerischen Werken, in Kafkas "In der Strafkolonie" etwa, und in Prozessen und Prozeduren zu reflektieren, denen reale Menschen in realen, nicht-künstlerischen Situationen, etwa bei der Folter, ausgesetzt sind. Körperbilder in fiktionalen Werken und in künstlerischen Darstellungen dokumentieren keineswegs in gleicher Weise und ähnlicher Funktion soziokulturelle Konstruktionen menschlicher Körper wie Körperauffassungen in nicht-fiktionalen, alltagsweltlichen Abläufen. Wilke vergleicht Franz Kafkas "In der Strafkolonie" mit Elaine Scarrys philosophischer Untersuchung körperlicher Schmerzen von 1985:

"In the act of inflicting pain, according to Scarry, the body is emphasized to such a great extent "that the contents of the world are cancelled and the path is clear for the entry of an unworldly, contentless force" (Scarry, The Body in Pain 34). The body in intense pain connects the physical and the metaphysical with the exclusion of the middle term, namely the world. This is a moment that is, I will argue, enacted in Kafka when we hear about the change on the condemned man's face towards the sixth hour of torture when he begins to decipher his sentence with his wounds."

In Kafkas Erzählung tritt dieses Ergebnis aber gerade nicht ein: Die eine Exekution wird vorzeitig abgebrochen, die andere durch ein Versagen oder ein rätselhaftes Eigenleben der Maschine zu schnell ausgeführt. Von den verklärten Gesichtern der früher Hingerichten berichtet ausschließlich der von seiner Maschine besessene Offizier: Die komplexen narrativen oder performativen Strukturen literarischer Texte oder künstlerischer Darstellungen dürfen nicht überlesen oder übersehen werden. Wilkes "Ambiguous Embodiment" hinterlässt auch in dieser Frage den faden Nachgeschmack begrifflicher Unschärfe und oberflächlicher Analyse.

Titelbild

Sabine Wilke: Ambiguos Embodiment, Band 2. Construction and Destruction of Bodies in Modern German Literature and Culture.
Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Krottenmühl 2000.
240 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3935025017

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