Armin Mohlers Abstraktionen

Eine allzu einfache Kritik des Liberalismus

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Armin Mohler gehört zu jenen Vordenkern der Neuen Rechten, die taktische Rücksichten stets verschmähten. Seine Verachtung der Bundesrepublik verhehlt er nie; erklärter Hauptfeind war und ist der Liberalismus. Nation und Kampfgeist sollen die Dekadenz ersetzen, die er allenthalben zu erkennen wähnt. Mohler sympathisiert offen mit dem Faschismus, den er allerdings vom Nationalsozialismus unterschieden wissen möchte.

Blickt man auf die gegenwärtigen Kräfteverhältnisse, so hat die Strategie der Kompromissverweigerung beachtliche Erfolge gebracht: "Nehmen Sie doch irgendein kleines Blättchen, wie ,Criticón'. Dort werden irgendwelche Gedanken filtriert, werden von anderen aufgenommen, gehen auf komischen Wegen weiter. Sie tauchen einige Zeit später in Zeitschriften auf, dann in den Tageszeitungen. Es ist mir schon oft passiert, daß ich bei Leuten Ideen, die ich schon Jahre vorher in die Welt gesetzt habe, wieder zu hören bekommen habe", erklärte Mohler schon 1988, freilich um nicht ganz ohne Ärger fortzufahren: "leider immer irgendwie verbreit, breiig geworden, nicht mehr so präzise."

So geht es dem Ideologen, der Erfolg hat; doch im Ganzen ist Mohler viel zu sehr politischer Realist, um sich darüber zu beklagen. Doch welches sind die Ideen, mit deren Verbreitung er den verträglicheren Teil der Menschheit bedroht? Zwei Bände der Edition Antaios, die fast durchweg ältere Texte versammeln, erlauben einen keineswegs unproblematischen Zugang.

Mehr als die Hälfte des einen Buches nimmt ein Gespräch ein, das Mohler 1988 mit der Sozialwissenschaftlerin Petra Müller für deren Diplomarbeit führte. Allzu offenbar ist der Zweck des Interviews: Material für eine akademische Abschlussarbeit zu gewinnen. Zu einer wirklichen Auseinandersetzung kommt es nicht, obwohl Müller sich selbst als Linke begreift. Fast überall, wo das Gespräch konfrontativ - und das erst hieße in diesem Fall: produktiv - werden könnte, zieht sie sich auf die Beschwichtigungsformel zurück, sie sei ja noch jung und werde einst sicher noch viel dazulernen. Mohler hat leichtes Spiel, lässt sich häufig zu eitler Selbstbespiegelung verleiten und leider nur selten zu substanziellen Aussagen. So geht das Gespräch nicht nur, wie der Untertitel suggeriert, über "Linke, Rechte und Langweiler", sondern ist vor allem über weite Strecken selbst langweilig.

Auf den fast hundert Seiten des Gesprächs deuten nur zwei Passagen darauf hin, dass hier Möglichkeiten verschenkt wurden. In der ersten berichtet der gebürtige Schweizer Mohler von seinen Erfahrungen im "Dritten Reich", in das er 1942 überwechselte, um auf deutscher Seite zu kämpfen. Hier traf er auf eine "zweite Generation der Nationalsozialisten", anders als die "alten Kämpfer" wenig verbrauchte Machertypen mit dem Willen, den Krieg zu gewinnen. Ideologie interessierte diese aufstiegsorientierten Technokraten wenig. Mohler, der betont, an diese Jahre "eigentlich nur gute Erinnerungen" zu haben und gern an internationalistische Jugendlager voll faschistischer Nationalisten zurückdrängt, verklärt bewusst und ist offenkundig nicht interessiert daran, dass diese Macher "vom Typus Helmut Schmidts" Front und Hinterland und damit freilich auch die Vernichtungslager am Laufen hielten. Der zweite Punkt ist Mohlers Nationenbegriff. Als Jugendlicher eher links, machte ihn ausgerechnet der deutsche Überfall auf die Sowjetunion zum Rechten: Er sah nun einen existentiellen Konflikt, der ihn zur nationalen Parteinahme zu zwingen schien. Ein knappes halbes Jahrhundert später, in der interessantesten Passage des Gesprächs, ist das nationale Erlebnis zur dezisionistischen Entscheidung konzentriert. Müller will nicht begreifen, "wieso Sinnfindung und Nationalgefühl zusammengehören sollen", und erhält zur knappen Antwort: "Weil wir es sagen." Mohler geht es um Setzung, nicht um logische Begründung, und er behauptet dennoch und deshalb eine Werthierachie: Wo Müller bekennt, dass Nationalgefühl ihr fremd sei, behauptet Mohler, sie sei "verkrüppelt worden".

Ablehnung von Theorie und systematischer Begründung, Lob des je Einzelnen: hier liegt Mohlers zentrales Denkmuster. Im Büchlein "Der Streifzug", in dem vor allem feuilletonistische Einlassungen Mohlers zu Kunst und Literatur gesammelt sind, bildet das Lob des Konkreten ein bis zur Ermüdung des Lesers wiederkehrendes Muster. Ob, wie erstmals 1973 im "Bayernkurier" der "Krebsschaden der modernen Malerei", nämlich die Abstraktion, beklagt ist oder umgekehrt Heimito von Doderer, Eckard Henscheid oder der faschistische Ernst Jünger vor 1934 für ihren engen Bezug auf das einzelne Phänomen gelobt werden: Die Hervorhebung des Konkreten wirkt merkwürdig gleichgültig gegenüber dem einzelnen Gegenstand, wirkt selbst wie eine Abstraktion.

Der theoretisch anspruchsvollste Essay jenes Bandes ist betitelt: "Die Nominalistische Wende - Ein Credo". Hier versucht sich Mohler am Nachweis, dass es unmöglich sei, eine universale Ordnung zu erkennen. Der Verzicht auf jeden Universalismus führt nun aber nicht zu einem von Toleranz oder von Gleichgültigkeit gekennzeichneten Nebeneinander der Individuen. Nach Mohler führt gerade der Bezug auf ein konkretes Stück Wirklichkeit zu Handlungskraft und Fähigkeit zum Kampf; ein erklärtes Ziel ist es "der Dekadenz ein Ende zu machen, die unsere Welt ergriffen hat." Nicht das Individuum, sondern das partikulare Volk ist es, in dem der agonale Mensch mit tragischer Haltung die im Liberalismus verlorene Würde zurückgewinne. Zum Volk gehöre der Staat, der durch keine universale Moral mehr gebunden sei.

Eine Welt, in der völkisch bestimmte Staaten nach Mohlers Prinzipien handeln, ist sicher kein angenehmer Aufenthaltsort. Kritik ist notwendig und auf zwei zusammengehörigen Ebenen möglich. Immanent wäre zu fragen, wieso denn ausgerechnet die Partikularitäten Volk und Nation, weshalb unbedingt Kampf und Tragik aus dem Anti-Universalismus folgen. An einer Stelle wird Mohler ehrlich und fragt sich, "weshalb es nicht bloße Willkür oder Laune ist, wenn ich als Nominalist etwas Bestimmtes tue oder nicht tue". Die Antwort hieße: Ja; und er darf sie nicht geben, weil er die politische Folgerung, die er als Faschist ziehen will, damit als beliebig entlarvt hätte. In ihrem hellsten Moment betont Petra Müller, dass auch die Nation ein Abstraktum ist. Hier berührt sie die Unmöglichkeit, von Mohlers Theorie aus Politik zu betreiben. Worauf es Mohler ankommt, ist nicht neben, sondern gegen seine Theorie gesetzt.

Dies verweist auf den instrumentellen Charakter der Theorie. Sie ist ein Kampfmittel: sowohl gegen den Marxismus als auch gegen bürgerliche Demokratie, denen beiden Universalismus vorgeworfen wird. Die Theorie ist auch gut genug, willkürlich Denkmuster zu unterscheiden: die in Mohlers Sicht universalistischen Nationalsozialisten (sie töteten die Juden systematisch) und die nominalistischen Faschisten (sie schlugen tot, wenn sie Kampfeslust verspürten). Wie prächtig die ideologischen Technokraten und die Kämpfer zusammenarbeiteten, soll dann Mohlers Leser nicht mehr stören.

Damit ist die zweite Ebene der Kritik erreicht: Die Darlegungen des selbsternannten Realisten Mohler scheren sich keinen Deut um Realität. Das betrifft nicht nur die Vergangenheit, für die er in bekannter neurechter Manier den Kreis der für die Shoah Verantwortlichen möglichst klein halten möchte, um nur keine politischen Konsequenzen ziehen zu müssen; das betrifft genauso die Gegenwart. Schaut man sich die westlichen Länder nach dem 11. September an, vergegenwärtigt man sich die Aggressivität der U. S. A. seit jeher, so zeigt sich, dass der "Liberalismus" durchaus kampfbereit ist. Die Dekadenz mit Special Forces an der Front und hedonistischen, hochqualifiziert produzierenden Bürgern im Hinterland ist kein Auslaufmodell, sondern auch im Krieg womöglich der unflexibleren tragischen nationalen Kampfgemeinschaft Mohlers überlegen.

Dessen Hang zur Abstraktion zeigt sich auch darin, dass er mit keinem Wort auf die Stärken seines ja durchaus noch muntren Gegners zu sprechen kommt. Er raunt von zukünftigen Idealen und merkt nicht, wie sein Feind sie weitaus wirksamer zu verwirklichen unternimmt; er vermag im schlimmsten, deutschesten Fall zu zerstören und weiß nicht einmal, was er zerstört: Er imaginiert geistige Linien, aber erkennt keine politischen Kräfte.

Titelbild

Armin Mohler: Das Gespräch. Über Linke, Rechte und Langeweiler.
Edition Antaios, Dresden 2001.
179 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3935063172

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Titelbild

Armin Mohler: Der Streifzug. Blicke auf Bilder, Bücher und Menschen.
Edition Antaios, Dresden 2001.
197 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-10: 3935063164

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