Zeugnisse humaner Psychiatrie

Ein Kompendium zum Lebenswerk Leo Navratils

Von Gerhard Köpf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Arzt, Psychologe und Anthropologe Leo Navratil gehört zu jenen herausragenden Gestalten der zeitgenössischen Psychiatrie, die sich in erster Linie wegen der Öffnung der engeren Fachgrenzen um ihre Disziplin verdient gemacht haben. Von 1946 bis 1986 war Navratil im Niederösterreichischen Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, Klosterneuburg, als Arzt tätig. Seit 1959 leitete er die Abteilung. Doch Navratil ist weit mehr als ein Psychiater. Er ist der Entdecker und Förderer der sogenannten "Gugginger Künstler" und Initiator des "Hauses der Künstler", das 1981 im dortigen Krankenhaus eröffnet wurde. Die nicht nur in medizinischen, sondern auch in künstlerischen Fachkreisen rasch Aufsehen erregenden Veröffentlichungen Navratils zu "Schizophrenie und Kunst" (1965), "Schizophrenie und Sprache" (1966), zu den Themenkreisen Kunst, Psychose und Kreativität, zur Theorie der Kreativität oder zur Psychodynamik des Künstlers sind längst zu Klassikern geworden und haben bewiesen, dass Leo Navratils Lebenswerk weit über die Grenzen eines Begriffes wie Kunsttherapie hinaus verweist.

Johann Hauser, Oswald Tschirtner und August Walla sind die wohl prominentesten Gugginger Zeichner und Maler. Dazu kommen Schriftsteller wie Ernst Herbeck. Seit Mitte der sechziger Jahre sind die künstlerischen Arbeiten dieser Patienten nicht zuletzt aufgrund der Kommentierung und der Fürsorge von Leo Navratil einer immer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Leo Navratil entdeckte bei immer mehr Patienten ein oft tief verschüttetes künstlerisches Potential, dessen er sich annahm, das er förderte, indem er es zunächst zu Tage förderte. Allen gemeinsam sind Unmittelbarkeit und Ausdrucksstärke, mit denen sie jenseits aller Moden und Ansprüche des Kunstbetriebes aufgrund ihrer eigenen kreativen Möglichkeiten ihre künstlerische Form der Artikulation schufen.

Der vorliegende, mit Fotos der Künstler und ihrer Werke reich illustrierte Band fasst nicht nur das Lebenswerk des herausragenden Psychiaters Navratil, sondern auch das seiner Patienten in übersichtlicher, sorgfältig kommentierter, sogar die Rezeptionsgeschichte berücksichtigender und kunsttheoretisch untermauerter Art und Weise zusammen.

Somit hat das Buch weit mehr als nur dokumentarischen Wert. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis einer humanen Psychiatrie, die den Patienten nicht nur zu sich selbst kommen, sondern ihn auch mit sich selbst und anderen über das Medium des Kunstwerks in Kommunikation treten lässt.

Titelbild

Leo Navratil: Art Brut und Psychiatrie.
Christian Brandstätter Verlag, München 1999.
380 Seiten, 54,70 EUR.
ISBN-10: 3854478763

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