Krankheit und Kultur

David B. Morris plädiert für ein neues Körperverständnis

Von Gerhard Köpf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Zeitalter der Postmoderne hat nicht nur die Wahrnehmung des Körpers verändert, sondern auch dessen Wertigkeit. Doch während auf der einen Seite die Versprechungen zu lebenslanger Gesundheit, den Moden des Zeitgeistes entsprechenden "perfekten" Körpern und einem leidensfreien Altern (siehe Anti - aging - Bewegung) immer vollmundiger werden, haben sich Krankheitsbilder entwickelt, die bis dato unbekannt waren. Posttraumatische Stress- und Belastungsstörungen, Essstörungen, Borderline-Störungen, Allergien und chronische Müdigkeit sind nur einige wenige, regelrecht in Mode gekommene Krankheitsbilder, die überwiegend in westlich-zivilisierten kapitalistischen Ländern gehäuft registriert werden.

Der amerikanische Wissenschaftsautor David B. Morris, dem wir schon ein Buch über die "Geschichte des Schmerzes" verdanken, hat sich dieser Zusammenhänge von "Krankheit und Kultur" angenommen und fächert ein breites, durch zahlreiche beeindruckende Beispiele unterfüttertes Panorama solcher tradierter und sich neu etablierender Kontexte auf. Dabei plädiert er für eine Medizin, welche die komplexen Wechselwirkungen zwischen biologischer Symptomatik, persönlicher Erfahrung und kulturellem Kontext stärker als bisher beachtet. Was dieses Verständnis einer "biokulturellen Medizin" von anderen Konzepten wie etwa einer neurobiologisch orientierten Psychiatrie abgrenzt, ist die besondere Berücksichtigung eben dieser kulturellen Kontexte, die nicht nur unser Verständnis von Gesundheitspolitik bestimmen, sondern auch erheblichen Einfluss auf unseren Umgang mit Krankheit, Sterben und Tod haben. Modelle der Umweltmedizin werden dabei ebenso diskutiert wie der Glaube an neue Drogen und altbewährte Phytopharmaka.

Zuletzt sensibilisiert Morris mit seinem gut und unterhaltsam-informativ lesbaren Buch den Blick für die Zusammenhänge von Leiden und Erzählen, also von Narrativik und Krankheit. Freilich ist eine gelegentliche Begriffsunschärfe in der medizinischen Fachterminologie zu bedauern, die möglicherweise der Preis jeder Übersetzung sein mag. Es wäre überdies wünschenswert gewesen, hätte man den Originaltitel im Ganzen übertragen und den Hinweis auf das Zeitalter der Postmoderne in der deutschen Ausgabe nicht ausgespart.

Besondere Aufmerksamkeit verdienen bei Morris die Einschätzung der Alzheimer-Erkrankung als Gegenmythos zum natürlichen Alterungsprozess sowie zu Konzepten des "postmodernen Sterbens", dessen durchaus inhumane Komponenten erst in der Reflexion deutlich werden. Der Schluss der Abhandlung zieht die gedanklichen Verbindungslinien zwischen Mythos, Narration und Metapher. Was Morris als "narrative Bioethik" definiert, dürfte für die Ausbildung einer neuen Medizinergeneration nicht ohne Relevanz sein, denn bei all dem Glauben an naturwissenschaftliche Erkenntnis und Überzeugungskraft der "Zahl" weist Morris eindrücklich nach, wie wichtig hermeneutisches Denken in einer ethisch verantwortungsbewussten Medizin ist, die mit ihrem Zeitalter fortschreitet.

Titelbild

David B. Morris: Krankheit und Kultur.
Übersetzt aus dem Englischen von Barbara Steckhan, Thomas Wollermann und Bern Jendricke.
Verlag Antje Kunstmann, München 2000.
392 Seiten, 22,50 EUR.
ISBN-10: 3888972515

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