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Musikinterviews als "Popcomics" von Arnold und Tauber

Von Daniel BeskosRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Beskos

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Blättert man durch aktuelle Musikzeitschriften, fällt einem meist schnell auf, wie einseitig, schematisch und durchorganisiert der Zugang des Musikjournalisten zu seinen Themen ist. In ewig gleichen, austauschbaren Gesprächen mit den Musikern werden die Pflichtpunkte absolviert: Wie ist die neue Platte, wie waren die Studioaufnahmen, wann kommt ihr auf Tour, welche Entwicklung seht ihr persönlich? Entsprechend erwartbar sind dann auch die Antworten, die die Musiker geben. Von Aufregung, Enthusiasmus oder einer wirklichen Jugendbewegung fehlt, zumindest in den etablierteren Zeitschriften, jede Spur.

Diesen Zirkel der immer gleichen Fragen versuchen Helge Arnold und Christopher Tauber mit ihren "Popcomics" zu durchbrechen.

Aus Interviews sollten Geschichten entstehen, ob nun fiktiv oder real, da lag die Form "Comic" nahe. In Gesprächen mit verschiedenen Größen aus dem Indie- und Elektronikbereich entstanden dann diese Comics, teils mit großer Beteiligung der Musiker und Bands, teils ohne sie oder nur nach einer im Gespräch entstanden Geschichte. Manche der Comicideen wurden sogar von den Bands vollständig selbst entwickelt, der Musiker Jeffrey Lewis hat seine Geschichte darüber hinaus auch eigens gezeichnet.

Die Themen - und mit ihnen die verschiedenen Grade an Fiktionalität - sind sehr unterschiedlich. Manchmal wird einfach nur die oftmals hochgradig unterhaltsame Interview-Situation nachgestellt (so etwa bei den Isländern Múm), bei anderen werden Anekdoten aus der Bandgeschichte illustriert: Ash erzählen von der Bandgründung, Travis von einer seltsamen Karaokeshow und The White Stripes erinnern sich an einen wahnsinnigen Hotelbesitzer (und übertreiben natürlich gleich ein wenig).

Auch komplett neu inszenierte Stories finden sich, oftmals eine recht abstruse Angelegenheit: François Cactus (Stereo Total) erzählt typisch verschroben von "Die Hormone", Simian graben auf der "Reise zur Melodie" ein Loch (und zwar ein wirklich tiefes), und Jeffrey Lewis kommt natürlich nicht ohne einen verrückten Wissenschaftler und einen Superhelden aus.

Auch ernste Themen, wie etwa die Verlorenheit und Einsamkeit in der Heimatstadt, die viele Musiker in der ersten Zeit nach der Rückkehr vom Tourleben empfinden, werden in einigen Comics thematisiert (The Weakerthans, Eskobar).

Etwas aus dem Rahmen der Interviewten fällt Helge Schneider, der jedoch eine wunderbar sarkastische Geschichte über den Umgang mit Frauen beisteuert: "Wichtig ist: Immer hart bleiben. Keine Zugeständnisse machen wie Spülen oder so. Musst grausam sein, beschissen, um am besten noch richtig scheiße aussehen."

Als zusätzliches Gimmick gibt's einen Comic über das mittlerweile schon legendäre und durch mehrere Zeitschriften gegeisterte Grillen mit den New Yorker Antifolk-Helden Moldy Peaches, den der Popjournalist und Verleger Martin Büsser gezeichnet hat. Die Verlorenheit der versammelten Indie-Protagonisten angesichts eines zu kleinen, nicht funktionierenden Grills lässt auf amüsante Weise ein Stück Realität in die doch immer etwas unwirkliche Situation einer Band auf Tournee einbrechen.

Taubers Stil ist wirklich erstaunlich wandlungsfähig: Obwohl man das auf den ersten Blick nicht vermuten würde, so stammen doch alle Comics und Illustrationen in diesem Buch aus seiner Hand. Dabei deckt er die ganze Bandbreite von fanzine-artigen Schwarzweiß-Zeichnungen über aufwendigere Buntzeichnungen bis hin zu Vektor- und vektorartigen Illustrationen ab. Schön auch seine und Arnolds Selbstdarstellung als leicht verschrobene Nerds.

Es bleibt zu sagen, dass die angestrebte Überwindung der schematischen Interview-Situation prima funktioniert hat: Die Szenarien bewegen sich weit jenseits der reinen Fakten-Ebene und können es dadurch vermeiden, lediglich bekannte Informationen und Gesprächsmuster zu reproduzieren. Vielmehr wurde die Gelegenheit genutzt, mit interessanten Persönlichkeiten Ideen zu entwickeln und daraus produktiv zu werden. Die unterschiedlichen Charaktere der Musiker werden auf diese Weise viel anschaulicher herausgearbeitet, als ein konventionelles Interview es leisten könnte. Herausgekommen ist ein durchweg unterhaltsames Buch, das nicht nur intelligente Comics bietet, sondern auch Lust auf die Musik der Beteiligten macht.

Kein Bild

Helge Arnold / Christopher Tauber: Inter View. Popcomic.
Ventil Verlag, Mainz 2002.
128 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3930559951

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