Phantasievoll, fesselnd, raffiniert

Shan Sa bewegt sich wie ihre "Go-Spielerin" auf hohem Niveau

Von Monika von Aufschnaiter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Das Dunkel des Salons ist schattig wie ein Kaisergrab: Die schwarzen Lackmöbel atmen einen schweren Duft, die Risse in der Mauer zeichnen geheimnisvolle Fresken. Das Bett unter der purpurroten, goldbestickten Seide ist ein ewiges Flammenmeer. Ich muss hinaus auf den Platz der Tausend Winde. Der Unbekannte erwartet mich schon, unsere Partie fortzusetzen." Mandschurei, 1937, zur Zeit der japanischen Invasion: Eine sechzehnjährige, selbstbewusste Chinesin aus aristokratischem Hause verliebt sich in den Rebellen Min und schließt sich während der Affäre mit ihm ohne große Überzeugung seiner revolutionären Gruppe an. Ihre wahre Leidenschaft ist das Go-Spiel, das sie meisterhaft beherrscht. Täglich sitzt sie stundenlang auf dem Platz der Tausend Winde vor dem Spielbrett und besiegt ihre Gegner, ohne sich weiter für sie zu interessieren. Bis sie eines Tages eine Partie mit einem Unbekannten beginnt, die sie über Wochen nicht mehr loslassen wird. Sie ahnt nicht, dass er ein japanischer Leutnant ist. Von einer chinesischen Amme hat er als Kind Mandarin gelernt. Nun soll er bei seinem Spiel mit den Einheimischen Hinweise auf einen neuen Aufstand ausspionieren. Was als Vorwand beginnt, wird zum Selbstzweck. Der Japaner ist fasziniert von der jungen Chinesin, deren mädchenhaftes Aussehen so gar nicht zu ihrem reifen, raffinierten Spiel passen will.

Zug um Zug führt Shan Sa die Go-Spielerin und ihren japanischen Gegner zusammen. Der Zerrissenheit der Hauptpersonen folgt der Aufbau des Romans: Die Abwechslung der Szenen, in denen einmal er, einmal sie zu Wort kommt, unterstützt den Eindruck der Schicksalhaftigkeit. Mit dem Japaner nähert sich der Chinesin nicht nur die Möglichkeit einer Liebe, sondern auch Gewalt und Leid. Shan Sas Sprache passt sich mühelos den Figuren und Themen an: Sie erzählt so suggestiv aus der Perspektive des Mannes, des Mädchens, von Kriegsgräueln, Liebe und der Gesellschaft der vierziger Jahre, dass man kaum glauben kann, wie jung die Autorin ist: 1972 wurde sie in Peking geboren. Nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz emigrierte sie nach Paris, wo sie heute als Kalligrafin, Malerin und Muse des Malers Balthus in dessen Haus lebt. Monatelang stand ihr dritter Roman "Die Go-Spielerin" in Frankreich auf den Bestsellerlisten, was nicht verwundert: Shan Sa entwickelt ihren Stoff kompromisslos und stilsicher und lässt auf bezwingende Weise die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit verschwimmen.

Titelbild

Shan Sa: Die Go-Spielerin. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Elsbeth Ranke.
Piper Verlag, München 2002.
252 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-10: 3492044425

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