Eskalation des Erzählens

Doris Plöschbergers Studie zu "Zettel's Traum"

Von Christoph JürgensenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christoph Jürgensen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schon lange vor der Fertigstellung von "Zettel's Traum" kursierten Gerüchte über die Arbeit Arno Schmidts an seinem gigantischen neuen Buch. Das Erscheinen dieses "weißen Elefanten unter den Romanen nicht nur der deutschen Literatur dieses Jahrhunderts", wie Jörg Drews "Zettel's Traum" einmal treffend charakterisierte, war 1970 dann eine literarische Sensation ersten Ranges: Die Kritik reagierte zu weiten Teilen enthusiastisch auf das Werk von 1.334 Seiten im Format DIN A 3, das in drei Textspalten als Faksimile des maschinengeschriebenen Originalmanuskripts gedruckt war, zu einem Subskriptionspreis von 298 Mark angeboten wurde und nach Schätzung der Rezensenten zwischen 8,5 und 12 Kilogramm wog - bezeichnend übrigens für die Rezeptionsgeschichte des Buches, dass nicht einmal über das augenscheinlich so leicht zu bestimmende Gewicht Einigung erzielt werden konnte.

Trotz des für damalige Verhältnisse immensen Preises verkaufte sich das Medienereignis erstaunlich gut, gelesen wurde es seither allerdings wohl von kaum jemandem. Wenn auch Schmidts legendär-arrogante Einschätzung etwas überzogen sein mag, dass nur 390 Leser sein höchst komplexes Opus je verstehen würden, so ist sein bekanntestes Buch wahrscheinlich sein am wenigsten gelesenes - ein Rezeptionsverlauf, der sich auch für die fachwissenschaftliche Diskussion konstatieren lässt. Dementsprechend klagten Jörg Drews und Doris Plöschberger kürzlich im Vorwort zu einem Sammelband mit Aufsätzen zum Roman-Boliden: "Dreißig Jahre nach dem Erscheinen von ,Zettel's Traum' gibt es noch immer keine zusammenhängende Forschung zu diesem Buch, also keinen Forschungsstand, sondern so etwas wie vereinzelte Vorstöße, Dissertationen, ein Buch, diverse Aufsätze - und dazwischen herrscht Leere."

In genau diese Leere stößt die Grazer Literaturwissenschaftlerin Doris Plöschberger mit ihrer nun vorliegenden Dissertation "SilbmKünste & BuchstabmSchurkereien". Ihre Studie widmet sich dabei glücklicherweise nicht nur der im Untertitel angekündigten "Ästhetik der Maskierung und Verwandlung", sondern leistet quasi nebenbei noch eine Einführung in "Zettel's Traum", die sich nicht nur an Kenner des Textes wendet, sondern vielmehr gerade für 'Laien' vor der Lektüre des Buch-Elefanten von Nutzen sein wird. Mit mutigem Zugriff erklärt sie auf gerade einmal knapp zweihundert Seiten, wie Schmidt zu der Konzeption seines Werkes gekommen ist, und schlägt eine interpretatorische Schneise durch den nahezu undurchdringlich erscheinenden Textwald von Schmidts Opus Maximum.

Gleich zu Beginn erläutert Plöschberger, worin ihrer Ansicht nach die wahre Zumutung von "Zettel's Traum" für den Leser besteht: Verantwortlich für die Schwierigkeit des Textes sei weder dessen gigantischer Umfang noch die angebliche Notwendigkeit, zum Verständnis des Buches mit den Theorien Freuds sowie mit Arno Schmidts teils abseitigem Lektürekanon vertraut sein zu müssen. Die "eigentliche Irritation" des Textes, so ihre These, sei sein "merkwürdig changierender und nur schwer festlegbarer Status zwischen Informationsprosa und poetischer Fiktion, zwischen Deskription und Narration, zwischen sexueller Perversion, ihren Verdrängungsmechanismen sowie ihren Manifestationen in der Literatur und der mimetischen Vergegenwärtigung von Funktionsweisen des menschlichen Bewusstseins und des Unbewussten."

Kurz gesagt kann sich das Buch nicht entscheiden, was es eigentlich sein will: Theorie oder Poesie. Plöschberger zufolge ging es Schmidt um die Zusammenführung eines wissenschaftlichen und eines poetischen Diskurses, durch die er seinen literarischen Godfather Joyce und den psychoanalytischen Meister Freud auf einen Streich überbieten wollte. Gerade bei der Demonstration seiner Theorie, der berühmt-berüchtigten "Etym-Theorie", ist aber laut Plöschberger dem Text aus zwei Gründen die Poesie abhanden gekommen: Einerseits würden Schmidt bzw. sein Sprachrohr Pagenstecher die Kernthesen der "Etym-Theorie" sowie eine Unzahl an Belegen für die Richtigkeit des postulierten Modells in ermüdender Redundanz demonstrieren, und andererseits würden die Thesen eine extrafiktionale Gültigkeit behaupten und den Leser so zu Verifikationsleistungen zwingen, die grundsätzlich fiktionsfremd seien.

Problematisch ist allerdings die Annahme der Autorin, dass durch diese "Zettel's Traum" dominierende "deskriptive Darlegung eines Analyseverfahrens" von Literatur und vor allem von deren Schöpfern "die Unterscheidung zwischen Arno Schmidt und Daniel Pagenstecher gewissermaßen hinfällig" werde. Dass sich der Autor jenseits der narrativen Grenze in einem Text nicht finden lässt, gehört zum germanistischen Einmaleins, das nicht einfach suspendiert werden kann. Zur Begründung dieser Feststellung wäre daher die ausführliche Auseinandersetzung mit dem Autor-Begriff sowie dessen Funktionen sinnvoll gewesen, der in den neueren literaturwissenschaftlichen Diskussionen unter Stichworten wie "Die Rückkehr des Autors" lebhaft verhandelt wird - wie überhaupt erwähnt werden muss, dass im Rahmen einer Dissertation ein wenig mehr Klärungen von heiklen Termini wie etwa dem schillernden Begriff der Mimesis wünschenswert gewesen wären.

Ansonsten ist die Argumentation Plöschbergers aber sehr überzeugend. Zunächst skizziert sie Arno Schmidts geistigen Weg zu "Zettel's Traum", indem sie knapp und präzise auf Werke wie etwa die psychoanalytische Karl-May-Studie "Sitara und der Weg dorthin" (1963) oder den Erzählungsband "Kühe in Halbtrauer" (1964) eingeht, die sich aus heutiger Perspektive als Vorarbeiten lesen lassen. Im ersten argumentativen Hauptteil ihrer Arbeit analysiert sie dann pointiert die Erstarrung des Textes durch die ständigen Demaskierungen Poes von Pagenstecher, der hinter jedem Wort und jeder Metapher die immergleichen Perversionen aufdeckt, damit die genuine Vielstimmigkeit der Literatur auf eine öde Einsinnigkeit reduziert und sich zugleich in eine Position der Superiorität gegenüber dem Objekt der Analyse manövriert.

Unter dem Titel der "Eskalation des Erzählens" und nachfolgend der "Auferstehung des toten Dichters" zeichnet Plöschberger dann nach, wie und warum "Zettel's Traum" im Verlauf des Textes seine poetische Autonomie gegenüber der Theorie zumindest teilweise zurückgewinnt - ein spannend zu lesender Rettungsversuch von "Zettel's Traum" als literarischem Werk. Ihre These ist hier, dass der prosaische Diskurs sich in dem Maße in einen poetischen verwandle, in dem vor allem Pagenstecher seine Autorität verliere und selbst von der Theorie eingeholt werde, mit der er zuvor als allmächtiger Analysand über die Analysierten geherrscht habe. Gerade seine zunehmende Schwäche, deren Höhepunkt die Verfasserin in derjenigen Szene verortet, in der sich Pagenstecher aufs Damenklo verirrt und einsehen muss, dass er sich vom koprophilen Klovoyeur Poe nicht mehr im geringsten unterscheidet, lässt "Zettel'sTraum" wieder literarische Qualitäten gewinnen und leistet mithin endlich wieder eine "Veranschaulichung der Innenseite des gelebten Lebens".

Wenn auch Plöschberger schließlich nicht zu dem Urteil gelangen kann, dass Arno Schmidts Überbietungsversuch von Joyce und Freud ästhetisch in toto gelungen sei, so macht sie doch zumindest auf wesentliche Aspekte und Tendenzen von "Zettel's Traum" aufmerksam, die bisher nicht im Blickpunkt des Interesses standen, und regt durchaus zu einem erneuten oder auch erstmaligen Lektüregang durch das Buch an. In einem schmalen Band ist somit am Ende eine interpretatorische Bändigung des Roman-Ungetüms gelungen, die Schmidt-Experten wie Schmidt-Novizen mit Gewinn lesen werden.

Titelbild

Doris Plöschberger: SilbmKünste & BuchstabmSchurkereien. Zur Ästhetik der Maskierung und Verwandlung in Arno Schmidts Zettel´s Traum.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2002.
200 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-10: 3825314189

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