Die Hysterikerin als Männerphantasie

Silvia Kronberger untersucht die gesellschaftliche Funktion der Hysterie am Beispiel von "Fräulein Else" und "Elektra"

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jean Martin Charcot, der vom gescheiterten Habilitanden zum Chefarzt der Salpêtrière und somit zum Herrn über 5.000 Patientinnen avancierte, wurde um 1900 von den Zeitgenossen als Koryphäe der Hysterieforschung gefeiert. Sigmund Freud verehrte ihn gar so sehr, dass er sich ein Bild von ihm ins Arbeitzimmer hängte. Tatsächlich war Charcot wohl kaum mehr als ein Choreograph des "Großen Anfalls", den er von als Hysterikerinnen stigmatisierten Frauen vor Fach- und Laienpublikum in Szene setzen ließ. Und eben diesen mit Aplomb aufgeführten Schaustellungen verdankte er seine ungeheure Popularität, galt die Hysterie doch Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur als allgegenwärtige Krankheit, sondern, mehr noch, als die Frauenkrankheit schlechthin, die natürlich auch in die zeitgenössische Literatur Eingang fand.

Zwei der literarisierten Hysterikerinnen widmet sich Silvia Kronbergers Studie "Die unerhörten Töchter". Am Beispiel von Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" und Hugo von Hofmannsthals zweifellos weniger interessantem Theaterstück "Elektra" untersucht sie die gesellschaftliche Funktion der Hysterie. Bevor sie sich jedoch ihrem eigentlichen Untersuchungsgegenstand zuwendet, stellt sie Weiblichkeitstheorien von Otto Weininger, Sigmund Freud und Luce Irigaray sowie verschiedene Hysteriekonzepte in chronologischer Abfolge vor; beginnend bei den Altägyptern bis hin zu Christina von Braun und Elisabeth Bronfen, wobei sie sich hinsichtlich der früheren Forschungsergebnisse weitgehend auf Zusammenfassungen beschränkt und sich erst mit von Braun und Bronfen kritisch auseinandersetzt.

Das Fazit ihrer historischen Sichtung lautet, dass sich die Hysterie zwar der jeweiligen Kultur anpasse, jedoch stets "das Kreieren einer weiteren - psychischen und physischen - Identität im Spiel zu sein" scheine, das dazu diene, "einen unerträglichen Zustand zu meistern". Daher, so die Autorin, sei Hysterie nicht ohne "die sie bedingenden gesellschaftlichen Konstruktionen von Weiblichkeit" zu verstehen. In der Zeit um und nach 1900 habe der gesellschaftliche Nutzen dieser Zeitgeist-Krankheit par excellence nun darin bestanden, dass sie sich als "Projektionsfläche einer ins Wanken geraten Gesellschaft" angeboten habe, welche die Probleme der Geschlechter an den Hysterikerinnen "ablehnen, erforschen, behandeln und bewundern" konnte. Die verbreitete These, der zufolge die Essstörungen die Hysterie als "kulturabhängiges Symptom" abgelöst habe, verwirft die Autorin allerdings. Denn der Anorexie fehle gerade die kulturelle Bedeutung "wirkungslose[r] Versuche weiblichen Begehrens", welche die Hysterie öffentlich gemacht habe.

Erst in der zweiten Hälfte des Buches wendet sich die Autorin den Hysterikerinnen in den Werken Schnitzlers und Hofmannsthals zu. Zwar setzt sie sich im Zuge ihrer Untersuchung intensiv mit der männlich/misogynen Forschungsliteratur der 50er, 60er und auch noch der 70er Jahre auseinander; Untersuchungen aus den 80er Jahren werden hingegen schon seltener herangezogen und die jüngsten literaturwissenschaftlichen Publikationen werden schließlich gar nicht mehr berücksichtigt, so dass sich die Autorin nicht immer auf dem aktuellen Stand der Diskussion befindet. So wird etwa weder Michael Worbs' Aufsatz "Mythos und Psychoanalyse in Hugo von Hofmannsthals 'Elektra'" erwähnt, noch Astrid Lange-Kirchheims Arbeit "Die Hysterikerin und ihr Autor. Arthur Schnitzlers Novelle 'Fräulein Else' im Kontext von Freuds Schriften zur Hysterie" (beide 1999). Auch scheint Kronberger unbekannt, dass ihre These, der zufolge Schnitzler im Unterschied zu Freud nicht "bestimmte Seelenzustände allgemeingültige[r] Charaktereigentypen" beschreiben wollte, sondern seine Figuren "ihre Tragik oder auch Komik - auch ihre Todessehnsucht - aus ihrem Eingebettetsein in den gesellschaftlichen Kontext" beziehen, von Ruth Klüger bereits im Jahre 2000 in einer pointierteren Variante vorgetragen und 2001 publiziert wurde (Vgl. literaturkritik.de 2/2002) Nun mag es sein, dass Klügers Schrift aufgrund des späten Publikationsjahres nicht mehr berücksichtigt werden konnte, doch gilt gleiches auch für Kronbergers Hinweis, dass über "das 'Kind'" Else "ein Konflikt unter Männern ausgetragen" wird. Er entspricht exakt einer der zentralen Thesen von Jenneke A. Oosterhoffs Untersuchung zur Konstruktion von Männlichkeit in den Werken Schnitzlers mit dem Titel "Die Männer sind infam, solang sie Männer sind" (2000) (Vgl. literaturkritik.de 5/2001).

Auch die eigenen Interpretationen der Autorin vermögen nicht immer zu überzeugen. Dies gilt insbesondere für ihren Vergleich der Figur Else mit der des Leutnant Gustl. Nun mag es ja etliche Gemeinsamkeiten der beiden Figuren geben, dem Leutnant allerdings zu bescheinigen, er versuche ebenso wie Else "einen ehrlichen Weg" zu gehen, scheint jedoch allzu gewagt. Hingegen weist Kronberger zu Recht die von früheren Literaturwissenschaftlern vorgelegten 'Beweise' für Elses "exhibitionistische Veranlagung" zurück. Auch arbeitet sie Elses ambivalente Haltung gegenüber ihrem Vater prägnant heraus, und - wichtiger noch - sie interpretiert die Phantasie der sterbenden Else - "Gib mir die Hand, Papa. [...] Küss' mir doch nicht die Hand. Ich bin ja dein Kind, Papa" - im Unterschied zu einer weitverbreiteten Lesart nicht als Ausdruck des Inzestwunsches der Tochter, sondern ganz im Gegenteil als die "Zurückweisung eines an sie gerichteten Inzestwunsches".

Elses Tod, so das trotz aller vorherigen Einwände überzeugende Fazit der Autorin, sei eine "Flucht vor einer destruktiven Realität, vor der permanenten Verwechslung von Sexualität und Beziehung", deren sich gerade der Vater schuldig mache, der somit als Zeichen für die "Fehlbarkeit der paternalen Gesetze" stehe, angesichts deren nur der Tod als Ausweg bleibt.

Anders, als der "betagte Schnitzler", der "einfühlsam" beschreibe, wie die bürgerliche Gesellschaft "ein Mädchen in die Hysterie, den Selbstmord treibt", inszeniere der "junge Hofmannsthal" eine "außer Rand und Band geratene Hysterische", die "an sich selbst" zugrunde gehe. Er stelle nichts weiter als den hysterischen Anfall auf die Bühne, dessen Rätselhaftigkeit derjenigen der gesamten Handlung entspreche. Elektra strebe "nach Höherem", das sie nur erreichen könne, indem sie einem "patriarchalen Vorbild" nacheifere, ohne allerdings ihr "Frausein" verdrängen zu können, wodurch eine eigentümlich androgyne Figur entstehe.

Interessant ist Kronbergers Bemerkung, dass Hofmannsthal unter den Frauen nur Elektras jüngere Schwester Chrysothemis am Leben lässt, die das Mütterliche verkörpere, das somit das einzige "Attribut der Weiblichkeit" sei, das die Tragödie 'überlebt'. Nach poststrukturalistischer Lesart, so die Autorin, sei das "die einzig erlaubte Manifestationsform des Weiblichen unter der Herrschaft des 'Phallus'" aber auch die, die "am wenigsten Angst" mache. Oder, so fragt die Autorin, macht sie etwa so viel Angst, "dass sie unangetastet bleiben muss".

Titelbild

Silvia Kronberger: Die unerhörten Töchter. Fräulein Else und Elektra und die gesellschaftliche Funktion der Hysterie.
Studien Verlag, Innsbruck 2002.
292 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-10: 3706514788

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