Fußnoten der Geschichte

Hanna Krall dokumentiert in ihren Erzählungen Oral history

Von Katalin Szabó

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichte wirft Schatten, aus unterschiedlichsten Gründen, Historie artikuliert sich auf verschiedenste Weisen, doch eine jede ist geprägt von ihren europäischen Wurzeln und ihrer Erzähltradition.

"Ach du bist Daniel" erzählt viele Geschichten, zum Beispiel die des Antiquars: Immer wieder verliert er sich in Randnotizen des Nationalsozialismus. Er geht zeitraubenden Nachforschungen nach, um etwas über die Schicksale von Regimeopfern zu erfahren. Sein Geschäft und seine Frau verliert er, und doch ist die Suche nach den Spuren der Geschichte, das Gedenken an den einzelnen Menschen sein Lebensinhalt. Wie dieser Antiquar in der Geschichte, steht auch der Leser der dokumentarischen Prosa in "Ach du bist Daniel" vor solchen Randnotizen, muss lernen mit diesem überquellenden Fundus von Fußnoten der Geschichte umzugehen. Doch lässt uns Hanna Krall allein mit den Eindrücken von zerrissenen Lebensentwürfen und verfrüht beendeten Biografien. Der Leser ist gepackt von den Protagonisten der Erzählungen und bleibt dann aufgewühlt und ratlos zurück. Gepackt von diesen Menschen, die es tatsächlich irgendwo auf dieser Welt gibt, in Warschau, Berlin oder Tel Aviv. Diese Menschen, die oftmals an einer Welt verzweifeln, die keinen Platz lässt für Traumata der Geschichte.

Nicht zum ersten Mal greift Hanna Krall diese Thematik auf. Sie selbst hat das Werk als Abschluss eines Zyklus von Erzählungen bezeichnet. So tauchen einige ihrer Figuren aus anderen Büchern wieder auf. Sie ergänzt deren Geschichten, gibt einen neuen Blickwinkel auf sie frei. Es sind Fragmente aus den Lebensgeschichten von Menschen, die sie traf, deren 'Leerstellen' sie nicht mit Vermutungen füllen wollte. Trotzdem setzen sich die individuellen, scheinbar zusammenhangslosen Geschichten zu einem weltumspannenden und generationenübergreifenden Zeugnis des dunklen Schattens der Geschichte zusammen.

Hanna Krall beschränkt sich nicht auf die Seite der Opfer. Nebeneinander müssen deutsche, jüdische und polnische Schicksale um ihre Existenz kämpfen, ihre Schuld und ihr Trauma ertragen. So ist z. B. eine ihrer Figuren ein deutscher Offizier, über den Hanna Krall schon früher Reportagen veröffentlicht hat. Dieser bemerkt im Interview mit der Erzählerin: "Bitte bemitleiden sie mich nicht. Die Opfer dürfen die Mörder nicht bemitleiden." Die Erzählerin bemerkt wenig später "Ich bemitleide ihn nicht." Vielmehr zeichnet sie die Geschichte des Offiziers genauso neutral, ja emotionslos, auf wie die der achtjährigen Sissel, die in Auschwitz vergast wird.

Hanna Kralls Form des Erzählens ist aus literarischen Reportagen bekannt. Wie in anderen Werken lässt Hanna Krall auch hier die Ebenen ineinander fließen. So berichtet sie von den Kriegserlebnissen des eben erwähnten Offiziers der Wehrmacht im Rhythmus ihres Interviews Jahrzehnte später: "Am zweiten Tag beginnt der Krieg. Der Baron marschiert in Polen ein. [...] Am dritten Tag stehen sie vor Leningrad." Die Wahrnehmung verzerrt sich. Der Leser wird hin und her gerissen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen der Sicht auf den Offizier und auf den gealterten Mann. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass Krall die Interviews partiell erzählt und teilweise wörtlich wiedergibt. Sie spielt mit der abwechselnden Nähe und Distanz zur Handlung sowie zur handelnden Person. Der Leser bleibt in Bewegung, gezwungen zum ständigen Perspektivenwechsel.

Wie nachhaltig unverdaute Geschichte den Einzelnen, die Familie oder ein ganzes Volk prägen kann, zeigen die Erzählungen über die nachgeborene Generation: Der Sohn, der herausfindet, dass sein Vater ein Kriegsverbrecher war und sich nun in karitative Arbeit stürzt. Der Sohn, der seiner Mutter vorwirft, nicht mit ihm aus dem Lager zu seinem Vater und ihrem Ehemann geflohen zu sein. Sie bezahlte es mit dem Leben, bei ihrem Geliebten im Lager geblieben zu sein.

Hanna Krall hat auf den wenigen Seiten viel noch existierenden Schmerz aufgezeichnet, Verletzungen lebender Menschen aufgespürt, die einen Schlussstrich unter die Geschichte unmöglich machen. Schon seit zwei Jahrzehnten beschäftigt sich Hanna Krall mit diesen Zeugnissen der "oral history", doch ergreift es den Einzelnen immer von neuem und bleibt wichtig für alle. Hanna Krall erzählt, wie sie zu einem Überlebenden sagte, der seine Lebensgeschichte an sie heranträgt: "Es ist genug. Genug für ein Leben. Für ein Buch ist es zuwenig." Gut, dass sie einen Weg gefunden hat, über diese Viten zu schreiben.

Titelbild

Hanna Krall: Ach du bist Daniel.
Übersetzt aus dem Polnischen von Roswitha Matwin-Buschmann.
Neue Kritik Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
117 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-10: 3801503607

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