Jenseits von Schuld und Sühne

Christoph Buggerts zweiter Roman "Lange Reise" ist erschienen

Von Anette Wörner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich platze vor Leben!" - der Schrei reißt ein klaffendes Loch in den von braunen Schuldwolken verhangenen Nachkriegshimmel. Gerade jetzt, da solche Bekenntnisse so fehl am Platze sind, die Lust am Leben so völlig bodenlos anmuten muß angesichts eines verlorenen Krieges, der anstelle von Städten nur qualmende Kraterwüsten, anstelle von Menschen nur demoralisierte Duckmäuser hinterlassen hat. Doch ist es genau dieser, im Grunde unmögliche Optimismus, der Anna Degelow, Protagonistin und Erzählerin in Christoph Buggerts neuem Roman "Lange Reise" durchgängig prägt. Nein, Anna ist weder eine auf Opposition zielende Kämpfernatur, noch eine romantisch-verklärte Märtyrer-Gestalt, die noch aus Trümmern Gold macht. Vielmehr ist sie durch jede äußere und innere Anfechtung hindurch vor allem eines: eine selbständig denkende Frau, die weder eigene Überzeugungen noch Handlungen mit dem jeweils herrschenden politischen Diktat abgleicht, sondern souverän und naiv zugleich ihren langen, steinigen Weg zum Glück verfolgt. An ihrem Ziel hält sie fest - umso mehr, als es von gewaltigen, also immer politischen Hindernissen verstellt ist.

Retrospektiv, bereits vom Tode gezeichnet, erzählt Anna den abwesenden Kindern ihre Lebensgeschichte. Frisch verheiratet, folgt sie Anfang der dreißiger Jahre ihrem Mann, einem aufrechten Pfarrer, nach Lebbin an die Ostsee. Die Kinder kommen zur Welt. Bald darauf bricht der Krieg aus. Der Mann, den Nazis unbequem, verliert die Pfarrstelle und wird zum Lazarettdienst nach Stargard in Hinterpommern abkommandiert. Mehr und mehr diktieren der Krieg, die Verletzten, die Bombenalarme den Rhythmus des Lebens. Die ungebrochene Protesthaltung des Pfarrers provoziert immer schärfere Sanktionen gegen ihn: Folter, dann die Zwangsversetzung nach Danzig und von dort an die Front. Anna, auf sich gestellt, entscheidet, mit ihren Kindern in Richtung Westen zu fliehen. Ein schwieriges und gefährliches Unternehmen, bei dem die älteste Tochter während eines Tieffliegerangriffs ums Leben kommt. In Halle an der Saale, in ihrem Elternhaus, erlebt sie mit ihrer Familie das Kriegsende, den Einmarsch der Amerikaner, bald darauf die Besatzung durch die Sowjets. Anna beginnt eine Affäre mit einem russischen Offizier, von dem sie erneut schwanger wird. - Gebrochen kehrt später ihr Mann aus dem Krieg zurück. Sie siedeln nach Bremen um, wo sie ihr "Weiterleben organisieren". Die Teilung Deutschlands manifestiert sich, die beginnenden Wirtschaftwunderjahre scheinen die jüngste Katastrophe vergessen zu machen und verdecken nur schlecht die Nachkriegssymptome, die Anna auch an ihrem Mann beklagt: Mut- und Kraftlosigkeit, abstrakter Fleiß, Verschlossenheit und sinnloses Büßertum. Dem setzt sie ihren berstenden Lebenshunger entgegen: "Hätte ich ihn nicht wachgerüttelt. Und immer wieder zerkratzt. Damit die Nervenenden in seiner Haut bloßliegen." Langsam gewinnt sie Territorium zurück, langsam siegt ihr ungezügelter Lebenspragmatismus über das unent schlossene Einerlei der grauen Nachkriegs-Tristesse. Bis ins Alter wird sie diese Haltung beibehalten; erst im Sterben verlässt sie der Kampfgeist und mit ihm buchstäblich die Sprache, sein sinn-fälligster Ausdruck.

Annas Lebensweg ist ein Weg durch die politischen Systeme des letzten Jahrhunderts: Weimarer Republik, Drittes Reich, Sowjetische Besatzungszone, Bundesrepublik. Zum Glück aber ist der Autor der Versuchung zu dokumentieren nicht erlegen. Er erzählt. Orts- und Zeitangaben bleiben daher oft vage, lassen sich aber über die geschilderten Umstände gut rekonstruieren. Präziser wird er hingegen in den Liebesszenen, mit denen das Buch nicht geizt. Dass die Brautleute in der Hochzeitsnacht nicht wissen, was sie zu tun haben, und Anna daraufhin beschließt, sich bei der Nachbarin anschaulichen Rat zu holen, ist nur ein Beispiel für Christoph Buggerts sehr sinnliche, zuweilen poetische, niemals denunzierende Darstellungslust. Andererseits wird anhand dieser Szenen der Einfluß der politischen Großwetterlage auf die Beziehung der Pfarrersleute deutlich: Äußere Ereignisse wirken bis in die intimsten Räume des Privatlebens fort. Das Glück ist relativ, die Liebesbeziehung eine Funktion von Variablen, die andere bestimmen. Dass der Autor aus der Perspektive Annas erzählt, für die die eigene Mutter Pate gestanden hat, mag ihn dem Verdacht aussetzen, als Mann an der Gefühlsklaviatur der Frau vorbei zu schreiben. Doch gerade die Liebesszenen zählen zu den schönsten und humorvollsten des Buches. Glaubwürdig bleibt der (männliche) Text selbst dort, wo er Sexualität aus der Sicht einer Frau schildert.

Seine Spannung bezieht das Buch seltener aus dem, was geschildert wird, sondern eher daraus, wie dies geschieht. Der Blick des Autors zielt nicht mehr auf die Schuldfrage ab, sondern auf die Poetologie der Gestaltung von Menschen in Abhängig keit von politischen Systemen. Das Buch wertet nicht, es stellt dar. Umso härter konfrontiert es, wo es nicht richtet, urteilt oder bezichtigt. Möglichkeiten dazu gäbe es genug. Etwa in der Episode, in der der Pfarrer den Mord eines Zivilisten durch die Nazis beobachtet, ihn der Polizei meldet und daraufhin selbst ins Schussfeuer der SA gerät - das Verhör in einer beschlagnahmten jüdischen Villa endet für ihn mit brutaler Folter. Anna versucht die Verletzungen zu lindern: "An dem Abend in Stargard hatte er zwischen den Beinen eine einzige Wunde. Er mußte im Lazarett behandelt werden. Noch bevor alles einigermaßen ausgeheilt war, überstellte man ihn nach Danzig."

Zugunsten der Intensität seines Textes verlässt sich Christoph Buggert auf erzählerische Mittel und schlägt moralisierende Kommentare aus. Und darin liegt die Stärke des Romans: Er bleibt frei von holzschnittartigem Schwarzweiß und erprobten Klischees, die die Figuren nach gängigen Erwartun gen formen würden. Dass zwischen schwarz und weiß noch ein riesiges Feld nuancenreicher Grautöne liegt, unmöglich auf Anhieb als Recht oder Unrecht zu bestimmen, lässt sich in einer Szene nachlesen, in der ein SS-Mann Annas' hilflosen Versuch, den Führer mit einem Messer zu attackieren, im Keim erstickt, ohne sie anschließend zu verhaften. Auch Anna und ihren Mann zeichnet Buggert keineswegs als engagierte Widerständler. Sie sind sowohl Teil als auch Opfer der Systeme: Kurz vor Kriegsende stationiert die SS einen Hitlerjungen im Vorgarten von Annas Elternhaus, der nach tagelangem Wache-schieben entkräftet einschläft. Die Familie holt ihn ins Haus. Aus Strafe, seinen Posten verlassen zu haben, verhängt die SS das Standrecht: der Junge wird im Garten erhängt. Anna und ihre Eltern protestieren, doch als sich die Drohungen der SS-Offiziere gegen sie zu richten beginnen, werden auch sie zu stummen Augenzeugen der Mordtat.

Derartiges Verhalten ist durch nichts zu erklären, geschweige denn zu rechtfertigen. Christoph Buggert versucht es erst gar nicht. Sein ästhetisches Ziel ist die Darstellung des Einzelnen in seinen komplexen Verstrickungen, Handlungen und Wahrnehmungen. In gut oder böse, wahr oder falsch sind die Konflikte nicht aufzulösen, aber sie sind da. Begangenes Unrecht ist nicht aufzuwiegen gegen erlittenes. Das spürt der Leser, wenn er den Autor nach seiner Haltung befragen möchte; doch der Autor ist nicht greifbar, dem Leser bleibt nur der Text. Christoph Buggert, der sich in seinem ersten Roman "Das Pfarrhaus" noch sprachartistisch austobte, zügelt hier souverän seine sprachlichen Mittel und erreicht damit eine umso härtere und dem Thema angemessene Schlagkraft.

Daß eine Autorenhaltung wie diese nun offenbar möglich ist, könnte man - so wäre zu vermuten - als Anzeichen eines fortgeschrittenenen Rezeptionsprozesses von Drittem Reich und Nachkriegszeit werten. Die Annahme wird vielfach bestätigt: Neuere TV-Dokumentationen zu den Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg oder zur Rolle von Feldmarschall Rommel innerhalb der Oppositionsbewegung gegen Hitler, die Diskussion um die Rolle Churchills im Zusammenhang mit den Luftangriffen auf Deutschland, die Frage schließlich nach der militärisch-ethischen Rechtfertigung des Bombenkriegs der Alliierten, die Jörg Friedrichs soeben publiziertes Buch "Der Brand" über die Bombardierung deutscher Städte stellt. Was Andreas Kilb dazu in der FAZ schrieb, ist ebensogut für "Lange Reise" zu konstatieren: "Fast sechzig Jahre nach Kriegsende geht es nicht mehr darum, Schuld festzustellen. Es geht um die Feststellung des Schmerzes." Sind dies nicht Indizien dafür, daß eine modifizierte Rezeption der Geschehnisse während des NS-Regimes und des Zweiten Weltkriegs ansteht?

Für die Prosa zeigt Christoph Buggert in "Lange Reise" einen Weg ästhetischer Verarbeitung dieser dunklen Epochen auf, der jenseits des "Schuld-und-Sühne-Musters", den einzelnen Menschen als wesentlichen Bestandteil der Zeitgeschichte würdigt, ohne ihn zu richten. Auf diesem Weg könnte die Literatur weitergehen - Material hält die Geschichte dazu in großer Fülle bereit.

Titelbild

Christoph Buggert: Lange Reise. Roman.
Kindler Verlag, Berlin 2002.
344 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3463404338

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch