Plauderei aus dem Bettkästchen

Hit-Produzent Dieter Bohlen erzählt "Nichts als die Wahrheit"

Von Birte Rasmussen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mal ehrlich, Kapitel-Kostproben wie "Der kleine Dieter. Oder: Wie ich die Liebe lernte", "Nora. Oder: Mein letzter Sargnagel", "Nadja. Oder: Sunshine Raggae in Hamburg" und schließlich "Verona. Oder: Da wird Ihnen verkackeiert" schreien doch nach Hamsterkauf und Bestseller-Liste!

Und in der Tat war Dieter Bohlens erster literarischer Erguss "Nichts als die Wahrheit", den er zusammen mit Ex-BILD-Klatschkolumnistin Katja Kessler zu Papier brachte, ein Verkaufsschlager, sozusagen noch vor Erscheinen vergriffen. Nach diesem Sensationserfolg bastelt der Erfolgsgarant nun bereits am Nachfolger - "Hinter den Kulissen" lautet der Arbeitstitel. Man darf gespannt sein, wen er sich diesmal zur Brust nimmt.

An dieser öffentlichen Person scheiden sich die Geister. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Sohn eines ostfriesischen Beamten und einer Mutter, der es bis heute peinlich ist, wenn Sohnemann im Fernsehen wieder einmal das Wort "geil" in den Mund nimmt, hat für seine Karriere und sein Geld hart gearbeitet. Um sich seine erste Gitarre kaufen zu können, wühlte der kleine Dieter auf dem Kartoffelacker, heute besitzt der Multimillionär einen Fuhrpark, der selbst Michael Schuhmacher die Tränen in die Augen treibt. Dabei war es für den Musiker, der nach eigenem Bekunden nicht singen kann, ein steiniger Weg nach ganz oben. Schon früh schrieb der Abiturient und spätere BWL-Student Liedtexte und Melodien, reichte immer wieder Demo-Tapes bei Musikverlagen und Plattenfirmen ein. Dutzende Male wurde er abgewiesen, doch Dieter Bohlen gab nicht auf. Er schrieb Lieder für andere Sänger, trat am Wochenende für ein paar Mark mit seiner Band auf, doch auch auf Hochzeiten und Zeltfesten wurde er nicht entdeckt.

Eines Tages dann sang ihm Thomas Anders vor: "Er intonierte mit soviel Feeling und tropfendem Honig in der Stimme, dass man ihm am liebsten eine Scheibe Buttertoast druntergehalten hätte." Der erste gemeinsame Song "You're My Heart, You're My Soul" wird 1984 zum Welthit, die Gruppe "Modern Talking" ist geboren. In den folgenden zwei Jahren hat die Band fünf weitere Nummer-eins-Hits. 1987 dann das Aus. Thomas Anders' Gattin Nora - von allen mehr oder weniger liebevoll "Nörchen" genannt - beschert Dieter Bohlen mit ihren Allüren fast einen Magendurchbruch: "Ich fühlte mich zurückgestoßen und verletzt, weil ich Thomas als meinen betrachtete. Den hatte ich entdeckt, das war mein kleiner Prinz. Und da kam so eine Nora und beanspruchte ihn plötzlich als ihren."

Fortan gehen "Modern Talking" getrennte Wege, in der Öffentlichkeit wird eine Menge schmutziger Wäsche gewaschen, doch das wirft Dieter Bohlen nicht aus der Bahn. Während Anders in der Versenkung verschwindet, schreibt der Hit-Produzent Lieder für Interpreten wie C. C. Catch, Nino de Angelo, Bonnie Tyler, Chris Norman und, was viele nicht wissen, für beliebte Fernsehstars wie Peter Alexander und Roy Black. Mit seiner 1988 gegründeten Band "Blue System" feiert Dieter Bohlen bis 1996 große Erfolge.

Der Dieter und die Frauen. Schon früh haben sie sein Leben geprägt! Bei Nele lernte er das Küssen: "Sie hatte eine Pony-Frisur, die ihr bis über die Nase hing, um zu kaschieren, dass sie sich mit dem linken Auge in die rechte Hosentasche gucken konnte!" Hendrike spielte er seine ersten Kompositionen vor, mit dem Resultat, dass Papa Bohlen, "tierisch genervt von dem ständigen Lärm in unserem Haus", Dieters "Gitarre in die Grütze" trat. Nach Annegret - wer war nochmal Annegret? - trat Erika, Dieters erste Ehefrau, in des Musikers Leben: "Erika wie Jennifer Lopez. Will sagen: Auf beiden Popos könnte man Likör-Gläschen parken." So ist er, der Dieter!

Der Lebemann wagte noch eine zweite Ehe - unvergessen dank der BILD-Zeitung, die den wissbegierigen Bürger stets auf dem Laufenden hielt - mit Verona "Blubb" Feldbusch. Diese Verbindung war jedoch nicht von allzu langer Dauer. Stattdessen zog es den blonden Barden reumütig zurück zu Dauerfreundin Nadja "Naddel" Ab del Farrag. Doch während Verona ihren Pop-Titan mit stundenlangen Schminkorgien in den Wahnsinn trieb, waren es bei Naddel die nicht vorhandenen hausfraulichen Ambitionen, die den Macho abtörnten. Heute ist er mit Estefania glücklich (die angeblich Stefanie heißt, schrieb jedenfalls die BILD), die der Dieter auf Mallorca auch schon mal hinter den Jeep herlaufen lässt, wenn er ungehalten ist. Angeblich wünscht er sich ein Kind von ihr.

Bohlen redet wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Freizügig erzählt er von amourösen Abenteuern oder vom zweimaligen Penis-Bruch. Offenheit und Exhibitionismus können aber, für beide Seiten, mitunter auch zum Nachteil geraten - siehe die derzeitige Erfolgsshow "Deutschland sucht den Superstar": "Dieser Gesang, das klingt wie Schweine im Weltall!" Viele finden diese Art der Entblößung unerträglich, doch ist es auch wohltuend in Zeiten zunehmender Verklärung und Verblendung, wie sie vor allem durch die Medien vorangetrieben wird, jemanden zu erleben, der sagt, was er denkt. Wünscht sich das nicht insgeheim jeder von uns? Der Unterschied zu Otto Normalverbraucher besteht allerdings darin, dass Herr Bohlen es sich leisten kann, zu tun und zu lassen, was er will. Er ist auf niemanden mehr angewiesen. Dieter Bohlen ist ein Selfmade-Mann, einer, der er aus eigener Kraft mit Ehrgeiz und ungeheurer Zähigkeit nach ganz oben geschafft hat. Wenn er heute zu seinen "Superstars" sagt: "Du hast zwar keine gute Stimme, aber ich bewundere Deinen unbändigen Willen!", dann weiß er, wovon er spricht.

"Nichts als die Wahrheit" ist schonungslos und ehrlich, albern und unterhaltsam, unflätig und charmant, kurzweilig und clever. So wie Dieter Bohlen? So wie Dieter Bohlen.

Titelbild

Dieter Bohlen: Nichts als die Wahrheit.
Wilhelm Heyne Verlag, München 2002.
332 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-10: 3453861434

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