Eine Fußnote des Feminismus

Zu Bildern von Männlichkeit in Literatur, Film und Alltag

Von Johannes Springer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Die Männerforschung geht heute davon aus, dass das Geschlecht eines Menschen entsprechend den historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen konstruiert ist; Männlichkeit wird dabei als institutionelle Zuweisung verstanden, die u. a. von sozialen Regeln, Machtverhältnissen und Körperdiskursen abhängt. Demnach gibt es nicht nur eine männliche Identität, sondern viele Identitäten innerhalb vielfältiger Kontexte." Dies sagt das Gender Studies Lexikon zur Einordnung der Men's Studies, und es erklärt bereits, wieso Therese Steffen als Herausgeberin ihren Sammelband zum Thema der Men's Studies "Maskulinitäten" genannt hat.

Während zum Beispiel noch in Pierre Bourdieus Aufsatz "Die männliche Herrschaft" die Annahme einer einheitlichen männlichen Lebens- und Interessenslage gilt und Geschlecht als eine eindeutige, dichotome Kategorie beschrieben wird, ergibt sich bei Betrachtung der kontemporären Men's Studies ein anderes Bild. Bourdieu hat zwar mit seiner Theorie der Paradoxie männlicher Herrschaft wichtige Anstöße für die Beachtung des Rollendrucks und die Anspannung in der Erfüllung gängiger Männlichkeitsbilder gegeben; unter anderem ging er von der Sozialisation des Mannes als der in der Geschlechterhierarchie Beherrschende aus, was sich mit einer entsprechenden Habituskonstitution verknüpfte, aber er erkannte darin den Mann auch gleichzeitig als Unterdrückten, als Opfer dieser Rollenzuweisung, der mit dem einhergehenden Rollenstress und der Spannung konfrontiert ist, die Männlichkeit bestätigen zu müssen. Für die Männerforschung waren dies zwar zentrale Verdienste, jedoch konnten diese nicht über einige zur Beanstandung stehende Mängel hinwegtäuschen. Die Unzulässigkeit der z. B. bei Bourdieu noch vorhandenen Grundthese gleicher Erfahrungslagen, welche beinahe essentialistisch anmutet, wird in den neueren Arbeiten der Männerforschung deutlich, insbesondere im Werk des australischen Soziologen Robert W. Connell, der aufgibt zugunsten der Pluralität von Männlichkeit, Männlichkeiten aufgibt und mit seiner Theorie der "hegemonialen Männlichkeit" Hierarchien unter Männern mit Bezug auf die Geschlechterhierarchie beschreibt.

Allgemeiner formuliert ließe sich sagen, dass Männerforschung heute auf den theoretischen Grundlagen der Women's Studies aufbaut und Männlichkeit als soziales Diskursprodukt begreift, das historischen und kulturellen Veränderungen unterliegt. Die Vorstellung vom Plural der Männlichkeiten folgt aus Erkenntnissen zahlreicher interdisziplinärer Forschungen, die belegt haben, dass Männlichkeit eine sehr heterogene Struktur bildet, die historisch wandelbar ist und verschiedene Vorgaben macht. Auch die parallele Koexistenz von Männlichkeiten ist, wie das luzideste Beispiel der Homo/Heterosexualität beweist, ein Faktum, das es zwingend macht, die Verwendung des Plurals zu intensivieren. Auch wenn Therese Steffen in ihrem Beitrag den Ansatz Connells, insbesondere auch sein Drei-Stufen-Modell zur hegemonialen Maskulinität (Machtbeziehungen, Produktionsbeziehungen, Bindungsstrukturen emotionaler Art) würdigt, so will sie seinem theoretischen Konzept nicht mehr folgen. Ihrer Meinung nach ist Connell nicht in der Lage, der patriachalischen Dualität Mann-Frau abzuschwören, da die Frau bei ihm männlich dominiert bleibe. "Zwar darf sie sich auflehnen und die männliche Hegemonie in Frage stellen; sie tut das jedoch stets aus der Rolle der gutmütig Duldsamen, emotional an den Mann Gebundenen". Der Zementierung geläufiger Rollenmuster möchte sie vorbeugen mit diesem Band, der Männlichkeiten zum kultur- und literaturwissenschaftlichen Forschungsobjekt werden lässt. So lassen sich Untersuchungen z. B. zu Geschlechtermythen im Alltag der Gewalt, bei Alfred Hitchcocks "North by Northwest" oder der Männerfreundschaft in der Literatur des 18 Jahrhunderts lesen.

Klaus Theweleit analysiert im ersten Text des Bandes sehr präzise die Methoden männlicher Geburtsweisen. Die Parallelisierung der ersten Atombombe (fat boy), des Nationalismus, Staates (Geburt der Nation) und von Parteien sowie des gesamten gewalttätigen Institutionenapparates einer Gesellschaft mit dem weiblichen Gebärvorgang ist in der Tat frappierend. Die permanente Geburt einer männlichen Welt aus Gewalt wird illustriert an den Praxen der Folter und des Krieges. Theweleit nimmt als Ausgangspunkt seiner Argumentation, dass "Mann" die Verbindung zum weiblichen Körper eliminieren will und zu einer Existenz der Ablehnung weiblicher Gebärfähigkeit erzogen wird. Dementsprechend entwickelt sich neben der männlichen Schöpfungskraft in Form der Zerstörungs- und Gewaltinstrumente eine Selbstschöpfungskraft. "Der Vorgang des Sich-Gebärens bedarf einer physischen Energie, über die der Mannkörper in seiner institutionellen Einbindung von sich aus nicht verfügt. Er muss sie woanders hernehmen; er nimmt sie aus anderen Körpern. Im Kern besteht seine Geburt aus der Tötung anderer." Diese "Selbstverlebendigung durch Lebennehmen" wird hier als Resultat vor allem der Sozialisation in Form männlich dominierter gesellschaftlicher Institutionen wie Sport, industrieller Arbeit, Militär und auch Schule und Universität gesehen und recht plausibel gemacht.

Einer Betrachtung filmisch vermittelter Männlichkeitsbilder widmet sich Barbara Straumann anhand Alfred Hitchcocks "North by Northwest". Sie zeigt eine in den fünfziger Jahren verunsicherte Form von Männlichkeit, der im Film Rechnung getragen wird durch verschiedene Bilder von Maskulinitäten, die im Konflikt miteinander stehen, da es eben keinen Kanon an organisierender, stabilisierender Geschlechtsidentität gibt. Des weiteren beweist der Film nach ihrer Lesart butler'sche Züge, da er demonstriere, wie durch Performativität Geschlecht und Identität produziert wird. Es existiert keine prädiskursive Identität, diese postmoderne Lektion bleibe in diesem Streifen nicht unsichtbar. "Instead of leading to maturation, his multiple performances point out, that there is no gender identity behind the expressions of gender, that identity is performatively constituted by the very expressions that are said to be its results".

Auch dieser Beitrag ist ein wertvoller Gewinn, da tatsächlich unter der Fragestellung vorhandener männlicher Repräsentationsmuster eine völlig neue Bedeutungsebene diesen Film durchweht.

Der Freundschaftsdiskurs in der Literatur des 18. Jahrhunderts findet sich behandelt im der literarischen Repräsentation gewidmeten Teil dieses Buches, der auch mit Untersuchungen zu Philip Roth's Männerfiguren und ähnlich interessanten Analysen aufwartet. Dass das 18. Jahrhundert das Zeitalter der Freundschaft gewesen sei, möchte Joachim Pfeifer differenzieren, wobei er verschiedenenCodierungen der Freundschaft berücksichtigt sehen will. Dazu stellt er sehr anschaulich die drei Paradigmen der Freundschaft im Freundschaftsdiskurs der Epoche vor. So wird Schillers "Die Bürgschaft" exemplarisches Zeugnis tugendempfindsamer Freundschaftsideale, für die die empfindsame Schlussszenerie mit Tränen und Umarmungen der sich treu Verbundenen Pate steht. Die utilitaristische Attitude des Bürgertums, die die Zweckrationalität, folglich die Pragmatik über das Affektive in der Freundschaft siegen lässt, sowie der liebespoetische Einschlag, der ebenso einige Freundschaften begleitete, finden hier ihre Erläuterung. "Den Individualisierungsschub der Aufklärung durch Sozialität auszubalancieren", dies ist die plastische Verknüpfung des Erstarkens der Freundschaft mit dieser Ära. Die aufklärerischen Züge dieser Zeit hatten indes noch andere Implikationen für den zwischenmenschlichen Kontakt. Vernunft, Tugend und besonnene Überlegung sollten von nun an die Quellen für Beziehungen personeller Art sein, was die Verfemung der Leidenschaft und des Triebes implizierte. So gelang es erstens die zur Vernunft reichlich unbegabten Frauen aus dem Freundschaftsdiskurs auszuschließen und zweitens der Liebe in Form der zwischengeschlechtlichen Partnerschaft eine unbedingte Inferiorität zu attestieren. Da sich auch unter den übrigen Studien durchweg intelligible und erfrischend neue Ansätze zu bekannten Kulturstoffen finden, ist "Maskulinitäten" adäquat in der Lage die Methodik, Theorie und Erkenntnis von moderner Männerforschung zu beleuchten und die Wachsamkeit diesen Standpunkten gegenüber zu erhöhen.

Titelbild

Therese Frey Steffen (Hg.): Masculinities - Maskulinitäten. Mythos. Realität. Repräsentation. Rollendruck.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2002.
292 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 347645293X

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