Alles andere als glückliches Reiteridyll

Petra Morsbach erzählt die Geschichte einer Arbeiterin

Von Julia Schmitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist die Geschichte einer Köchin, Nele, die, Anfang 60, noch einmal ihren Arbeitsplatz wechselt. Obwohl das Angebot, rein finanziell gesehen, gar nicht so verlockend ist und sie auch eine Menge Arbeit erwarten wird, gibt sie ihre Stellung in einem Altenheim auf und wird Köchin auf einem großem Reiterhof, dem Erlhof. Hier beginnt die eigentliche Darstellung, erzählt in Tagebuchform.

Der Mini-Kosmos Erlhof wird von den verschiedensten Charakteren bewohnt. Da gibt es die Arbeiter auf der einen Seite und den Chef und seine Frau mit ihren verkorksten Kindern auf der anderen Seite, es gibt die Lehrlinge, die polnischen Schwarzarbeiter und die Gäste, Erwachsene wie Kinder, manchmal ganze Schulklassen. Nele sieht, wie die Arbeiter um ihren Lohn geprellt werden, wie die Frau des Chefs, Gesine, eine shoppingsüchtige, grelle Person, das Trinkgeld, das Gäste fürs Personal abgeben, einbehält und sie mit einem überaus freundlichen, singendem 'Daaankeschöööön' verabschiedet. Nur sagt Nele nichts. Und auch Inge, ebenfalls Angestellte auf dem Erlhof, hat sich schon hundert Mal vorgenommen, etwas von dem einzufordern, was ihr zusteht. Doch am Tag der Gehaltsauszahlung (hier wird wirklich noch bar ausgezahlt), bekommt sie jedes Mal 'Muffensausen' und irgendwie versteht sie den Chef ja auch. Ihre Gutmütigkeit lässt sie schließlich zur Verschwörerin werden, sowohl von Gesine, als auch von deren Mann, die inzwischen immer häufigere Ehekrisen haben. Die materielle Gier der Gutsbesitzer macht den Erlhof zu einem expandierendem Unternehmen. Erlhof - das Synonym für Arbeit und Ausbeutung.

Die ersten hundert Seiten plätschern vor sich hin und weniger hartnäckige Leser werden das Buch möglicherweise schon zur Seite legen, da es keinen Plot gibt. Auch die beschriebene Welt ist für einen Städter sehr langweilig, fremd und ermüdend. Die Möglichkeiten zur Identifikation sind für junge Leser ebenfalls nicht gegeben. Der Titel trügt, und alle 12 bis 14-jährigen Mädchen, die eine 'Pferdegschichte' á la Wendy erwarten, werden bitter enttäuscht. Pferde spielen nur eine untergeordnete Rolle, obwohl der Leser gleichzeitig immer ihre Aura, ihre Nähe spürt. Doch irgendwie schafft es Nele schließlich doch, sich durch ihre unverblümte, direkte Art ins Herz ihrer Leser zu schreiben. Je mehr man über die Lebenshintergründe, über ihre unerfüllten Träume nach einem harmonischen Familienglück erfährt, desto sensibler wird man für die Geschichte. Am Ende wird es geradezu melancholisch. Man sieht die Dinge plötzlich mit anderen Augen, mit ihren Augen. Wenn sie an der Ostsee spazieren geht und sich dem Wind und den Wellen überlässt, ist diese Ruhe für sie etwas Einzigartiges, etwas Besonderes, selten Erlebtes. Die schönsten Stunden ihres Lebens, stellt sie rückblickend fest, waren jene, als sie Bücher las. Bücher, an die sie eigentlich nicht heran durfte, die in einem Glasschrank eingeschlossen waren und die sie heimlich entwand, um sie im Halbdunkel nacheinander zu lesen. Das war, als sie Lehrling auf dem Hof ihres Onkels wurde. Das winzige bisschen Freiheit, das ihr die Lektüre gab, versucht sie sich, indem sie Tagebuch schreibt, zurück zu erobern. So schließt sie am Ende mit den Worten: "Wer sein wahres Leben in Worte zu fassen vermag, dem kann nichts mehr passieren. Der ist wirklich frei."

Der Zeitraum erstreckt sich über mehrere Jahre, in denen sich zunächst nur auf sublime, später, gegen Ende auf immer deutlichere Art eine Wandlung abzeichnet. Zunächst noch mit Misstrauen und Ablehnung, später jedoch mit wachsender Neugier und Souveränität meistert sie ihren Job auf dem Erlhof. Sie nimmt ihr Schicksal, das von unglaublich harter Arbeit geprägt ist, an. Kann eine Frau mit einer traurigen, weil vernachlässigten und viel zu kurz geratenen Kindheit mit einem Leben zwischen Arbeit und Aufopferung am Ende mit sich und dem Leben zufrieden sein?

Eine "Geschichte mit Pferden" ist für solche Leser, die bereit sind, sich auf diese Welt einzulassen. Nicht alle Irrungen und Wirrungen des Lebens sind am Ende des Buches offen gelegt: "Letztlich bleibt wohl immer unbegreiflich, warum irgendeiner irgendetwas tut."

Das Leben ist so unfair, diesen Gedanken wird man nicht los. Aber am Ende scheinen sich auch die am Anfang scheinbar Glücklicheren ihrem Schicksal nicht entziehen zu können. Schließlich hat jedes Leben sein eigenes Leid.

Das Jammertal des Erlhofs zerstört die Illusion an das Gute im Menschen, das angeblich immer siegt. Ziemlich ernüchternd wird dargestellt, dass man Menschen nicht ändern kann, dass man allenfalls für sein eigenes Seelenheil das Unzulängliche ignorieren kann. Ziemlich desillusionierend, aber vermutlich wahr. Nichtdestotrotz hat die Welt für Nele immer noch ihren Reiz. "Es gab viel verfehltes Bemühen - aber Gottes Welt ist immer noch so verführerisch."

Titelbild

Petra Morsbach: Geschichte mit Pferden. Roman.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
331 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3821808918

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