Hinter Stirnen hausen

Dirk Dobbrows Beitrag zur literarischen Baisse

Von Stefanie Schwaratzki

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Baba schreit das Monster, wenn es glücklich ist." Bähbäh schreit der Leser, wenn er den Roman "Der Mann der Polizistin" liest.

Von unverständlich wirkenden Abkürzungen kalt erwischt, wird der Leser zunehmend verstörter. Erst allmählich wird klar, dass es sich bei "DannieBaby", "DaBaby", "Dannie" und "Da" wohl um einen Jungen namens Daniel handelt. Man atmet auf und beschließt nicht mehr an der eigenen zu Intelligenz zweifeln. Er gibt dem Autor eine zweite Chance und liest weiter. Aber es wird nicht besser, denn es folgen komplizierte und unübersichtliche Wortneuschöpfungen, unterbrochen von Zeilen füllenden Wortstakkati. Sich konzentriert von Seite zu Seite vorarbeitend, versteht man allmählich erst, worum es eigentlich geht, nämlich um das problematische Innenleben eines Zwölfjährigen, der seinen mit typisch präpubertären Fantasien und Angewohnheiten angereicherten Alltag wie einen, wenn auch schlechten, Film erduldet. Er hockt sich hinter die Stirnen seiner Eltern und ist damit in der Lage ihren Alltag als Zaungast mit allen Höhen und noch viel mehr Tiefen zu erleben. "Manchmal war Da diese Gabe, hinter Stirnen hausen zu können, verhaßt", denn das, was in den Köpfen anderer vor sich geht, ist für ihn nicht immer leicht nachzuvollziehen. Seine Mutter, eine erfolgreiche Kommissarin, und der Vater, ein wirkungsloser Fotograf von Königsgeiern, stehen kurz vor dem siebten Hochzeitstag. An dem verflixten siebten Jahr muss auch ihre Ehe scheitern, von Liebe und Zuneigung kann keine Rede mehr sein: "Damals wars. Mitesser hatte sie ihm ausgedrückt, ein Vorgang, bei dem es ihn heute schütteln würde, intimer Vorgang, Lausen auf dem Affenfelsen, Sozialverhalten, eine Einheit hatten sie gebildet." Ihr Sohn erlebt die klassischen Konflikte und das Auseinanderleben, das in der Trennung der Eltern seinen tragischen Höhepunkt findet, hautnah mit.

Dirk Dobbrow greift somit in seinem Roman das konventionelle Wie-erlebt-ein-Heranwachsender-die-sich-anbahnende-Scheidung-seiner-Eltern-Thema auf, das mittlerweile, wenn auch immer noch aktuell, dennoch vollkommen ausgelutscht gestaltet wird. Spannung kommt auf, als die Kommissarin ihren eigenen Mann des Mordes verdächtigt. Aber diese wenigen mitreißenden Seiten zum Schluss reichen kaum aus, um das Übermaß an Negativem, an wirrer Wortwahl und an inhaltlichen Abscheulichkeiten zu beschönigen.

Wieder erleben wir hier die Tendenz der jüngeren und jüngsten Schriftstellergeneration, einen an sich verständlichen Text unlesbar zu machen. Zwar greift die dargestellte Psychologie, doch die Präsentation der Ereignisfolge im erzählerischen Diskurs misslingt ebenso wie die sprachliche Bewältigung der Geschichte. Was Kunst werden sollte, wurde Krampf.

Was Dirk Dobbrow gelingt, ist die Dialogführung, er sollte sich auf das Schreiben fesselnder Theaterstückekonzentrieren. Zu Recht erhielt er für einen Teil seiner dramatischen Arbeiten positive Kritiken, Preise und Auszeichnungen, zum Beispiel den Kleistpreis für "Legoland" (2000) und mit "Alina Westwärts" (2001) den Else-Lasker-Schüler-Preis. Die allgemeine Anerkennung wird vor allem dann offensichtlich, wenn bedacht wird, dass seine Stücke immer wieder in renommierten Theatern in Frankfurt, Berlin und anderen Städten aufgeführt werden. Sein Prosadebüt dagegen kann sich nicht in diese Liste der Erfolge einreihen. Es liest sich wie ein Bußbescheid.

Titelbild

Dirk Dobbrow: Der Mann der Polizistin. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
220 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3518122371

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