Von der Weisheit des Silen zum anthropofugalen Denken

Vorbemerkungen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lange widerstand der Gefangene und offenbarte die Wahrheit seinem Peiniger erst unter schwerster Folter. Die Rede ist von Silen, dem Lehrer des Dionysos, des Gottes des Rausches und der Ekstase. Es war Midas, der ihn quälte. Er hatte den Waldgott von seinen Häschern im Wald in Banden schlagen lassen, da er hoffte, von dem Satyr in Erfahrung bringen zu können, was für den Menschen das Beste sei. Seither ist die Antwort als Weisheit des Silen überliefert und als solche zumindest zweieinhalbtausend Jahre alt. Denn die früheste bekannte Schilderung des Mythos vom gefangenen Faun stammt von Herodot (490-425 v. Chr.). Die unliebsame Wahrheit nun, die Midas erfuhr, besagt in den Worten, die Euripides, ein Zeitgenosse Herodots, ihr in der Tragödie "Oedipus auf Colonos" gab, dass "das Beste ist, nicht geboren zu sein, oder, wenn schon geboren, dann bald wieder von hinnen zu gehen."

Eine detaillierte Geschichte der Weisheit des Silen hat jüngst Peter Jacob in seinem Buch "Lieber Herr Grünberg" vorgelegt, mit dem er eine ebenso akribische Untersuchung wie unterhaltsame Lektüre geschaffen hat. Seit Midas dem Satyr das Wissen um das "Glück, nicht geboren zu sein", abpresste, geistert es in verschiedenen Wendungen durch die Jahrtausende und lässt die Menschen nicht mehr los. So hallt es etwa wider in Lessings bekanntem Brief an Eschenburg, verfasst im tiefsten Schmerz angesichts des Todes seines soeben geborenen Kindes: "Ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte so viel Verstand! So viel Verstand! [...] War es nicht Verstand, daß man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen mußte? daß er sobald Unrat merkte? - War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen?" In diesem Jahrhundert nimmt Cioran mit dem Titel einer seiner Aphorismussammlungen direkt Bezug auf sie: "Vom Nachteil geboren zu sein".

Zweifellos ist die Weisheit des Silen poetischer und philosophischer Ausdruck einer als nihilistisch zu bezeichneten Geisteshaltung. Soviel zumindest kann man sagen, auch wenn es den einen philosophischen Nihilismus nicht gibt (vgl. die Rezension von Reinhard Brandt), sondern jeder Nihilist seinem eigenen frönt und der Begriff des Nihilismus erst im 18. Jahrhundert geprägt wurde.

Wie es den einen philosophischen Nihilismus und ebenso den einen poetischen Nihilismus nicht gibt, so sind auch Pessimismus und Nihilismus nicht scharf von einander zu trennen. Begriffe bedeuten eben immer das, was die Autoren, die sich ihrer bedienen, unter ihnen verstehen. So bestimmt der eine gerade das als Nihilismus, was der andere als Pessimismus auffasst. Ludger Lütkehaus etwa erklärt aufgrund seiner Definitionen den als Inkarnation des Pessimismus bekannten Philosophen Arthur Schopenhauer zum Nihilisten. An dieser Stelle soll nun den bisherigen Begriffsbestimmungen des Nihilismus keine neue hinzugefügt werden. Vielmehr tragen wir dieser Relation der Unschärfe dadurch Rechnung, dass wir in unserem Schwerpunkt auch Bücher besprechen, die sich mit dem befassen, was üblicherweise dem Pessimismus zugerechnet wird - bis hin zu Kulturpessimismus und Apokalyptik.

Bei aller Uneinheitlichkeit des Begriffs und allen Differenzen der nihilistischen Lehren untereinander haben sie doch das eine gemein, dass sie nämlich nicht nur mit Heidegger fragen, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts, sondern Anstoß nehmen an diesem scandalon. Die Verneinung aller Werte jedoch ist entgegen einer verbreiteten Auffassung keineswegs notwendiger Bestandteil einer nihilistischen Haltung. Vielmehr kann gerade die Erkenntnis der Unmöglichkeit der Realisierung bestimmter Werte zum Nihilismus führen - etwa wenn festgestellt werden muss, dass ein Daseins ohne Leid nicht möglich ist.

In diesem Sinn ist Kohelets Erkenntnis, dass alles eitel sei, ebenso nihilistisch wie das Urteil Cusanos, dass bereits eine einzige Träne eines unschuldigen Kindes die gesamte Schöpfung sinnlos mache. Setzt man die theologische Formulierung beiseite, so bleibt, dass angesichts des geringsten unverschuldeten Leides besser Nichts wäre als Etwas. Wieso das Leid allerdings unverschuldet sein muss, ist durchaus nicht einzusehen. Vielmehr drängt sich die Frage auf, warum eine Träne des ärgsten Massenmörder nicht im gleichen Maße die "Sinnlosigkeit der Schöpfung" bezeugt, mit anderen Worten also: dass die Welt eben besser nicht wäre. Wollte man sich, um einen evaluativen Unterschied der Tränen aufrechterhalten zu können, auf Gerechtigkeit berufen - die im übrigen von Hause aus immer schon fragwürdig ist -, so würde das nicht sehr weit tragen. Denn was könnte Gerechtigkeit hier anderes heißen, als Leid durch neues Leid ausgleichen zu wollen? Für einen Nihilisten ließe sich leicht argumentieren, dass eine Welt, die der Gerechtigkeit bedarf, eben darum schon besser nicht wäre.

Sind nihilistische Strömungen so alt wie Dichtung und Philosophie, so entwickelte der poetische Nihilismus mit der Frühromantik und der philosophische mit und seit Schopenhauer im 19. Jahrhundert seine größte Vitalität. In der Frühromantik wurde der Begriff des Nihilismus geradezu zur ästhetischen Kategorie. "Die Nachtwachen des Bonaventura" gelten der neueren Literaturwissenschaft als deren stärkster Ausdruck. Spätere Autoren wie Nikolaus Lenau, Christian Dietrich Grabbe und Friedrich Rückert verhalfen dem nihilistischen Lebensgefühl zu weiterer Popularität. Schopenhauer, der, wie man weiß, die Auffassung vertrat, "daß wir besser nicht da wären", unternahm es, diesem Gefühl zu einem philosophischen Fundament zu verhelfen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte der Nihilismus/Pessimismus mit Eduard von Hartmanns "Philosophie des Unbewußten" geradezu zur Modephilosophie. Und Nietzsche - wie stets, so auch hier von Megalomanie geplagt - zögerte nicht, sich als der "vollkommene Nihilist Europas" auszugeben, der zudem den Nihilismus bereits "hinter sich" gelassen habe. Tatsächlich aber hat ein unbekannter Zeitgenosse Nietzsches den Nihilismus zwar nicht überwunden, aber überboten: der bis heute unübertroffene Miserablist und Gründer der Charakterologie Julius Bahnsen, dem zufolge die "ewige Selbstzerstörung" des in der Welt sich manifestierenden "Willenwesens" zwar ubiquitär wirkt, allerdings "ohne je die Selbstvernichtung zu erreichen". Ein Ende dieses leidvollen Kampfes eines jeden Moments der Welt gegen alle anderen wird nicht in Aussicht gestellt.

Die politischen Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts waren wenig dazu angetan, den Einfluss des philosophischen Nihilismus zurückzudrängen. Doch die wenigen Stimmen, die ihm noch in gewisser Weise das Wort redeten, knüpfen oft, wie Horkheimer, eine optimistische Praxis an die pessimistisch-nihilistischen Momente ihrer Philosophie. Diese optimistische Praxis - die Horkheimer allerdings nur theoretisch vertritt - zieht ihre Begründung aus einer hoffnungsloseren Philosophie, als es diejenige Schopenhauers war. Mag die Möglichkeit von Erlösung auch in Adornos "ganz Anderem" anklingen, so ist sie der Kritischen Theorie in der Variante Horkheimers gänzlich fremd. Sie erkennt allenfalls die Aussicht auf ein begrenztes Glück eines endlichen Daseins an.

Dass der Nihilismus in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kaum noch rigorose Verfechter findet, mag vielleicht daran liegen, dass es nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, nach Auschwitz und Hiroschima und angesichts von sechs Milliarden praktizierenden Schopenhauerianern, die Ulrich Horstmann ausgemacht hat, keiner theoretischen Begründung mehr bedarf.

Fast könnte es den Anschein haben, als habe sich der Nihilismus überlebt. Dass die "Vielfalt und Lebendigkeit der Postmoderne" einen "aktive[n] Nihilismus" bezeuge, wie Wolfgang Schirmacher vor wenigen Jahren meinte, ist nicht triftig. Auch ist jetzt, am Ende des Millenniums, bei Philosophen, Schriftstellern und Zeitgeistsurfern keine große Endzeitstimmung auszumachen. Die gab es in Ansätzen vielleicht noch in den siebziger und achtziger Jahren, als Waldsterben, Hochrüstung und Tschernobyl in aller Munde waren. Doch wurden sie alles andere als begrüßt, was erst eine nihilistische Haltung ausmachen würde.

Freilich vertreten zumindest zwei namhafte Autoren einen durchaus aktuellen Nihilismus je originärer Prägung: Der eine, Ulrich Horstmann, hat bereits vor über einem Jahrzehnt mit seinem "Untier" Furore gemacht. Seine Philosophie der Menschenflucht gipfelt in dem kategorischen Imperativ: "Das Leiden muß ein Ende haben!" Und das ist eben nur möglich, wenn alles ein Ende hat. Der andere, Ludger Lütkehaus, ist in diesem Herbst mit einem wichtigen und gewichtigen Opus hervorgetreten, das den Nihilismus vollenden will.

Nicht zuletzt diesen beiden Autoren widmet sich der erste Teil unseres Schwerpunktes. Das Buch von Lütkehaus wird in der ihm gebührenden Ausführlichkeit gewürdigt, und Ulrich Horstmann gewährte uns ein "Gespräch" via Email über Nihilismus, Apokalypse und Melancholie. Hier erklärt er, warum er Philipp Mainländers "Philosophie der Erlösung" goutiert, zu deren Erfüllung jeder Amokläufer sein Scherflein beiträgt.

Mit dem Nihilismus aufs engste verknüpft war stets die Frage des Suizids. Daher gilt ihr der zweite Teil des Schwerpunktes. Seit der Antike haben sich Philosophen (fast) aller Schulen immer wieder mit ihr befasst. Schließlich will der Suizid gut überdacht sein, ist er doch eine Entscheidung fürs Leben. Allerdings wurde der Suizid erst im 20. Jahrhundert von Camus zur zentralen Frage aller Philosophie gekürt. Trotzdem ist der Einfluss der Philosophen auf die Erörterung der Frage des Suizids heute vergleichsweise gering. Er hatte seinen Höhepunkt zur Zeit der kynischen, kyrenaischen, epikureischen und stoischen Schulen, die bei aller sonstigen Differenzen eine seitdem kaum wieder gekannte "Freiheit des Denkens gegenüber der Freiheit zum Tode" (H. Ebeling) erreichten. Seither wurde der Suizid als zulässige Möglichkeit des Menschen, seine Freiheit zu nutzen, weithin abgelehnt; so auch von den meisten Philosophen. Die Geschichte der Ablehnung des Suizids findet ihren Ausdruck auch darin, dass das negativ konnotierte Wort "Selbstmord" bereits im 17. Jahrhundert bekannt war, der positiv konnotierte "Freitod" jedoch ein Neologismus unseres Jahrhunderts ist. Zu den wenigen zeitgenössischen Stimmen, die den Suizid tolerieren oder gar gutheißen, gehört die des eloquenten und luziden Aphoristikers Cioran, der dafür einsteht, dass die "einzig vernünftige Tat" sei, Hand an sich zu legen. Zumindest in dieser Frage war er Irrationalist, wie man nun weiß.

Im letzten Teil des Schwerpunktes werden Studien über den Einfluss nihilistisch-pessimistischer Denker auf Autoren und ihre Publikationen besprochen und die Theorie des poetischen Nihilismus K. H. Bohrers beleuchtet.

Titelbild

Peter Jacob: Lieber Herr Grünberg: Oder vom Glück nicht geboren zu sein. Eine allgemeine pessimistische Weisheit und ihre Geschichte.
Klöpfer und Meyer Verlag, Tübingen 1999.
ca. 300, 24,50 EUR.
ISBN-10: 3937667237
ISBN-13: 9783937667232

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch