Bukarest - Gedichte von Daniel Bånulescu und Nichita Stånescu

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einst galt es als "Paris des Ostens"- in der guten Zeit vor dem Krieg, als die mondäne Hauptstadt der Rumänen die architektonische Eleganz erhielt, die ihr nicht einmal Ceaucescu wieder abspenstig machen konnte. Freilich weiß man mehr über die kulturellen Exporte dieser Stadt, die Kunst und Literatur in Wien, Zürich und Paris bereichert, ja geprägt haben, als über die Bukarester, die in Bukarest blieben. Dennoch hat diese Stadt Literaten von Weltruf hervorgebracht, die durchaus übersetzbar sind, wie zwei Neuerscheinungen zeigen: Im Südtirol-Wiener Verlag "per procura" erschien jüngst der Zeitgenosse Daniel Bånulescu, beim Klagenfurt-Wiener "Sisyphus" der klassische Moderne Nichita Stånescu.

Daniel Bånulescu ist das, was man hierzulande einen jungen Dichter nennt, er ist Anfang vierzig und galt lange als enfant terrible der kleinen und großteils homogenen literarischen Szene der Hauptstadt.

Bånulescu, der Ausbildung und Brotarbeit nach Petrolingenieur, stilisierte sich in seinen von Anfang an aggressiv sexistischen Gedichten provokant zum Wüstling - in einer Umgebung, die damals bis auf die Portraits des Staatspräsidenten bilderlos und prüde war. - Nicht nur auf diesen brüskierenden Aspekt macht sein Herausgeber und souveräner Übersetzer, der rumäniendeutsche Berliner Ernest Wichner, aufmerksam. Gerade ihre Befremdlichkeit macht den Reiz dieser Gedichte aus: Die ratlose Zensur hat 1981 seinen Debütband zur Hälfte gekürzt; ihre vermutliche Ratlosigkeit macht auch heute noch schadenfroh und bestätigt, dass sich die Dichtung Rumäniens ganz anders entwickelt hat als die anderer osteuropäischer Diktaturen: Jede Spur von Lamento fehlt, die politische Wende hat den Weg dieses Dichters nicht beirrt. Wenn man in Bånulescus Texten - den frühen wie aktuellen - Bitterkeit findet, so in ihrer schärfsten Form, die so kraftvoll und unabhängig ist, dass unsere zur Arglosigkeit verzogenen Aufnahmeorgane sie nur mehr als "eine exotische Frucht" wahrnehmen können.

Der Vorsprung an den Lebenserfahrungen Unfreiheit und Mangel ist nur eine Stärke der rumänischen Dichtung: Ihre Eigenart als romanischsprachige Kultur mit orthodoxer Religion lässt in der rumänischen Kunst seit fast hundert Jahren die fortschrittlichsten Ansprüche der (Pariser) Moderne auf eine ländliche Volkskultur treffen, die berühmt für ihre kräftigen Farben und bizarren Muster ist.

Daniel Bånulescu führt in seinem originellen Widmungs-Stammbaum daher nicht nur Werke wie die Bibel neben einzelnen amerikanischen Songs, Verwandten, Haustieren und einer bestimmten Berghütte an, sondern vor allem eine Vielzahl rumänischer Künstlerpersönlichkeiten, die man bei uns bestenfalls dem Namen nach kennt.

Das sollte sich ändern! Zumindest ein Dichter unter den Vorbildern des Zeitgenossen Bånulescu findet zur Zeit europaweit Beachtung: Nichita Stånescu, der heuer siebzig geworden wäre, hätte ihn nicht schon 1983, in der Ära Ceaucescu, seine eigene dichterische Lebenssucht zu Fall gebracht. Eine große Ausstellung über diesen rumänischen García Lorca oder Leonard Cohen zeigen derzeit alle rumänischen Kulturinstitute. Der Dichter und Liedermacher war 1980 für den Literatur-Nobelpreis nominiert und gilt heute als Klassiker der Moderne. Sein von den Deutschrumänen Marmont und Schlesak übersetztes Hauptwerk ist leider nicht leicht zu bekommen, doch nun hat der Autorenverlag Sisyphus eines seiner letzten Bücher, die Trinkliedsammlung "Belgrad in fünf Freunden" zweisprachig herausgebracht. Unter dem Titel "Omag" - dem rumänischen Namen für die Heilpflanze Eisenhut - hat Florica Madritsch Marin eine Reihe eindrucksvoller Gedichte übersetzt, worin unverwechselbare Motive wie die gegenseitige Durchdringung von Mensch und Natur und die bedingungslose Unterwerfung der Person Stånescu an das Gedicht eine Vorstellung davon geben, was Dichtung in Rumänien bedeutet.

U. E.

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Titelbild

Nichita Stanescu: NachGedichte Florica Madritsch Marin. Omag.
Autorenverlag Sisyphus, Klagenfurt 2002.
77 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3901960147

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Titelbild

Daniel Banulescu: Schrumpeln wirst du wirst eine exotische Frucht sein. Gedichte.
Übersetzt aus dem Rumänischen von Ernest Wichner.
edition per procura, Wien 2003.
145 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-10: 3901118519

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