Eine erschreckend reale Geisterbahn

Jason Starr kennt auch in seinem vierten Roman "Hard Feelings" keine Gnade

Von Heike GlindemannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heike Glindemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jason Starrs Helden haben es nicht leicht. Sie leben in einer oberflächlichen, korrupten und egoistischen Welt, sind umgeben von oberflächlichen, korrupten und egoistischen Mitmenschen und müssen ständig darum kämpfen, in einem unüberschaubaren und feindlichen Alltag den Überblick und die Oberhand zu behalten. Dies versuchen sie zumeist dadurch zu erreichen, dass sie sich, nun ja, oberflächlich, korrupt und egoistisch verhalten. Starrs Helden sind nicht besser als die Menschen um sie herum, nur erfolgloser.

Diesem Konzept bleibt Jason Starr auch in seinem vierten Roman "Hard Feelings" treu. Das ist gut für die Leser und schlecht für seinen Protagonisten, Richard Segal, für den Starr eine ganz besonders unangenehme Lebenshölle erdacht hat, bestimmt von beruflichem Niedergang, nicht kontrollierbaren Alkoholexzessen, Eheproblemen und bruchstückhaft wieder auftauchenden traumatischen Kindheitserinnerungen. Seinen Weg durch dieses kleinbürgerliche Horrorszenario schildert Richard Segal, ein zur Zeit erfolgloser Verkäufer von Computernetzwerken, selbst - stets bemüht, sein Handeln zu erklären, nachvollziehbar werden zu lassen und sich und die Leser davon zu überzeugen, dass er die Kontrolle über sein Leben durchaus noch wiedergewinnen kann: "Ich versuchte, gar nicht erst über meine Lage nachzudenken. Statt dessen sagte ich mir, dass sie nur vorübergehend sei - wenn das Blatt sich wendete und ich wieder Oberwasser gewann, würde ich entweder ein eigenes Büro verlangen oder mir eine neue Stelle bei einer anderen Firma suchen. Bis dahin wollte ich einfach so tun, als wäre dies alles nur ein böser Traum."

Man ahnt es schon, die Strategie mit dem Traum geht nicht richtig auf, und Richard Segal gewinnt auf seinem Weg, der vor allem nach unten führt, von Seite zu Seite an Tempo, bis der Untergang schließlich unausweichlich scheint. Aber wie finster und ausweglos die Welt, in der sie leben, auch sein mag, Starrs Figuren hören nicht auf zu hoffen, und manchmal ist ihnen dafür ein schmutziger kleiner Sieg vergönnt. Gemeinsam mit dem Erzähler auf einen solchen zu hoffen, würde den Leser vermutlich leichter fallen, würde nicht allzu bald deutlich, dass sich dieser Erzähler hinter seinen Sätzen versteckt, statt sich durch sie zu offenbaren. Damit ist das eigentliche Thema des Buches eröffnet und das große Rätselraten um die wahre Geschichte hinter der erzählten kann beginnen.

Dabei ist die erdrückende Hoffnungslosigkeit von Richard Segals Situation stellenweise kaum zu ertragen, nicht nur, weil Starr dessen Ängste erschreckend real schildert, sondern auch, weil sie schlicht die realen Ängste des bürgerlichen Individuums in der postfordistischen Welt sind. So tritt der schließlich unvermeidliche Mord gegenüber der exzessiv geschilderten Problematik um sozialen Abstieg und drohende Arbeitslosigkeit stellenweise in den Hintergrund, ernstzunehmende moralische Erwägungen haben in Starrs Kosmos ohnehin keinen Platz mehr.

Insofern liegt die häufig aufgezeigte Verbindung zu Bret Easton Ellis und seinen unter der polierten Oberfläche endlos morbiden Welten näher als die von der deutschen Verlagswerbung nahe gelegte zur amerikanischen Hard-boiled-school um Hammett und Chandler, deren einsame Kämpfer schließlich doch immer im Dienste einer eisenharten Moral stehen. Die eigentlichen Wurzeln von Starrs deprimierendem Psychogramm dürften allerdings in einem frühen Vorläufer des neuen Roman noir zu finden sein: Die Ähnlichkeiten zu Jim Thompsons Romanen, besonders zu seinem bekanntesten Werk, "Der Mörder in mir" (1952), sind häufig bemerkt worden, hin und wieder mit dem Vorwurf verbunden, im Unterschied zu Thompson würde Starr den Untergang seines Protagonisten schließlich nicht entschlossen genug vorantreiben. Tatsächlich ist das Ende des Romans etwas abrupt, dafür aber durchaus überraschend. So ist das Buch von der ersten bis zur letzten Seite auf eine zum Teil wirklich kaum zu ertragende Weise spannend, und wenn man es schließt, ist man fast ein bisschen erleichtert, weil alles jedenfalls irgendein Ende genommen hat und man Starrs kaputte Welt endlich hinter sich lassen kann. Kann man?

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Jason Starr: Hard Feelings. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben.
Diogenes Verlag, Zürich 2003.
300 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3257860943

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